Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Stein war weggewälzt

Markus 16,1–6 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

Impuls zum Predigttext für Ostersonntag: Markus 16,1–8.  Von Frank Otfried July


Landesbischof Frank Otfried July. Foto: EMH/
Gottfried Stoppel



Die Frauen machen sich auf den Weg zum Grab. Haben sie wirklich nicht daran gedacht, dass sie vielleicht gar nicht zu Jesus gelangen? Sind sie so durcheinander? Ja, vermutlich sind sie so „von der Rolle“, dass sie nicht darüber nachgedacht haben. Aus tiefer Trauer über den Tod Jesu. Sie sind „nicht bei Trost“, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben noch keinen Trost gefunden über den Verlust des geliebten Menschen. Daher suchen sie Trost im Ritual.

Aber auch das Salben erscheint etwas abwegig, ist Jesus doch schon anderthalb Tage tot. Das Verhalten von Maria von Magdala und Maria, der Mutter des Jakobus, unterstreicht also, dass sie Halt suchen, indem sie das Versäumte nachholen wollen.

Dass sie den schweren Stein nicht bewegen können, fällt ihnen erst unterwegs wieder ein. Ein solcher Verschluss-Stein ist ein Hindernis. Welche Steine sind es, die wir mit uns tragen? Schwere Steine, die wir, wie die Frauen, nicht alleine wegwälzen können? Welche Hindernisse stellen sich uns entgegen?

Als die Frauen näher hinsehen – Martin Luther übersetzt hier „aufsehen“ – erkennen sie, dass der Stein schon weggewälzt ist. Damit ist fast alles gesagt. Der Stein ist fort, die Tür steht offen.

Welch ein Bild! Ein Zeichen des Unerwarteten. Ein Hinweis auf das Leben. Jesu Auferweckung durch Gott bewirkt, dass der noch so große und schwere Stein zur Seite gewälzt ist. Auch Jesus ist nicht mehr da. Es ist anzunehmen, dass all das noch verstörender wirkt auf die Frauen. Zunächst wollten sie ein Stück Normalität zurückgewinnen, indem sie Jesus salben. Und dann sind sie mit einer ganz anderen Realität konfrontiert.

Kein Wunder, dass die Frauen schließlich sprachlos das leere Grab verlassen, weil „Zittern und Entsetzen sie ergriffen hat“. Alles ist anders, als sie es erwartet hätten. Stattdessen finden sie einen Jüngling vor, mit der Nachricht, Jesus sei auferstanden. Diese Sprache kennen sie noch nicht. Eine Wirklichkeit bricht sich Bahn. Jenseits aller Erfahrungs- und Erwartungsmuster und -modelle. Zittern und Entsetzen. Wo ist da die Osterfreude?

Man braucht Zeit, sich auf die neue Situation einzulassen. Auch die gute Nachricht im Herzen ankommen zu lassen. Die neue Wirklichkeit nachzubuchstabieren, in Herz und Verstand eindringen zu lassen.

Ostern ist eine Zumutung. In einer Welt der Hassgesänge, der Todeslieder, der Grausamkeit, der Gewalt. In einer Welt, in der 50 Millionen Menschen auf der Flucht sind. In einer Welt, in der Mangel und Ungerechtigkeit für fast 900 Millionen tägliche Realität sind.

Ostern ist eine Zumutung für Menschen, die an Gräbern stehen oder zum Abschiednehmen am Krankenbett.

Ostern ist eine Zumutung für die Menschen, die schwere Hindernissteine auf dem Lebensweg liegen sehen, und bei denen sich trotz aller Kraft- und Verstandesbemühung nichts zu bewegen scheint.

Ostern mutet zu: Die Wirklichkeit Gottes im auferstandenen Christus hat das letzte Wort – jenseits unserer Wortfragmente, Zeichenhinweise, Zweifelworte, inmitten der Wirklichkeit unserer Welt. Wir muten uns das zu, um nicht mutlos zu sein.

„Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ Ein Wort neuer Heimat in der Heimatlosigkeit dieser Welt. Deshalb: Frohe Ostern!


 

Ihr Gebet

Gebet

Gott,
wälze den Stein weg,
der mich hindert zu glauben.
Ich möchte glauben, dass du das Leben bist
und dass du den Tod überwindest.
Ich möchte glauben, dass du bereits damit begonnen
und Jesus zu einem neuen Leben auferweckt hast.
Wälze den Stein weg, damit ich glaube
und aufstehe zu einem neuen, guten Leben.
Amen.

Aus: Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Erster Teil, Stuttgart 2004, S. 253.Foto: Marc Tollas/pixelio