Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die falsche Heilige

In unserer Serie werden rechtschaffene Frauen vorgestellt, die der Reformation gegenüber aufgeschlossen waren, aber auch Frauen, die den Zeitgeist für ihre eigenen Zwecke genutzt haben. Anna Laminit gehörte zu ihnen. Sie wurde zu Lebzeiten als Heilige verehrt und war dennoch eine Betrügerin.  


Anna Laminit. Porträt von Hans Burgkmair (um 1502), Öl. 


Sie gab vor, keinerlei Essen und Trinken zu sich zu nehmen, außer der Hostie allein. Niemand weiß, ob sie von Anfang an bewussten Betrug beging oder tatsächlich versuchte, ohne Essen zu leben. Gleichwohl nahm man das „Wunder“ einer Hungermärtyrerin in Augsburg nur zu gern an. Man verehrte sie „wie eine Göttin“, so der Historiker Aventinus und ließ ihr zudem Bargeld und Sachspenden zukommen.

Das Geschäft mit der Heiligkeit lohnte sich. Nie sah man die „Jungfrau eines heiligen Lebens“, wie Kaiser Maximilian I. sie nannte, Nahrung zu sich nehmen. Sie gab sich fromm, kleidete sich charismatisch schwarz, hatte Visionen und göttliche Offenbarungen, ja, sie wirkte sogar Wunder. Man pilgerte zu ihr, um ihres Segens, ihres Rates oder gar eines kleinen Wunders teilhaftig zu werden. Und nicht nur das einfache Volk glaubte ihr, „sondern auch unsere heiligmäßigen Gelehrten, die neuen Theologieprofessoren“. Meinte der Historiker Aventinus damit auch seinen Freund Martin Luther?

Auch Luther war dem Ruf der Heiligkeit Anna Laminits gefolgt, als er 1511 auf seiner Rückreise von Rom in Augsburg weilte. In einem Tischgespräch 1540 – da kennt er ihren Namen schon nicht mehr – berichtet er darüber. In Augsburg habe ihn ein Kaplan zu einer „Hure“ geführt, genannt Jungfer Ursel, die hätte vorgegeben, weder zu essen noch zu trinken oder andere leibliche Bedürfnisse zu haben. Angesichts ihrer mitleiderregenden Gestalt habe er gemeint, sie würde sicher ihren schnellen Tod herbeisehnen. Doch sie habe entgegnet: „O nein, hier weiß ich, wie es zugeht; dort weiß ich nicht, wie es zugeht.“ Durch diese Antwort irritiert, antwortete er: „Ursel, schau nur, dass es recht zugehet!“ Die Heilige habe auch zwei Kruzifixe besessen, die aussahen als tropfe Blut aus den Wunden. „Aber es war mit ihr lauter Bescheißerei“, kommentiert Luther.

Wir wissen nicht, ob er 1511 wirklich an der Echtheit der Kruzifixe und der Abstinenz der Heiligen zweifelte oder für bare Münze nahm, was er sah. Wer würde schon vor aller Welt eingestehen, dass er einer falschen Heiligen aufgesessen war!

Kunigunde von Bayern, Schwester Maximilians I., überführte die Laminit schließlich 1512 des Betrugs. Anna wäre sogar davongekommen, wäre sie nicht zu ihrem „heiligen“ Leben zurückgekehrt. Die Fürsprache des Kaufmannes Anton Welser, mit dem sie einen urkundlich bezeugten unehelichen Sohn hatte, rettete sie zwar vor dem Tode, doch sie musste Augsburg verlassen.

Auch die Heirat mit einem verwitweten Armbrustmacher machte sie nicht klüger. Sie verheimlichte Welser den Tod ihres Sohnes, nahm aber weiter Unterhalt an und schickte ihm gar ihren Stiefsohn, als Welser sein Kind zu sich nehmen wollte. Der Betrug flog auf, dabei auch ihre früheren Betrügereien.

1518, in dem Jahr, als Luther in Augsburg seinen ersten Disput mit dem päpstlichen Legaten Cajetan führte, wurde die falsche heilige Anna in Fryborg/Schweiz hingerichtet. In die Geschichtsschreibung ging sie ein als eine „geistliche Betrügerin“, als scheinheilige Anna.

Autorin

Die Autorin Sylvia Weigelt ist Historikerin mit Schwer­punkt europäisches Mittelalter und lebt in Jena.