Christliche Themen für jede Altersgruppe

Einladung zur Eindeutigkeit

Lukas 9,61+62 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Okuli: Lukas 9,57–62. 
Von Jochen Maier

Jochen Maier ist Pfarrer in Kirchheim/Teck.



Mehrfach wird uns im Neuen Testament berichtet, dass Jesus seine Jünger beruft, indem er sie in seine „Nachfolge“ ruft. Christlicher Glaube ist also Bewegung in eine ganz bestimmte Richtung. Diese Richtung wird durch Jesus Christus selbst markiert. Er ist der maßgebliche Pfadfinder und Wegführer für den Weg zu Gott. Ihm muss hinterhergehen, wer zum Vater im Himmel finden will.

Was bedeutet „nachfolgen“? Es bedeutet zunächst schlicht, sich dem Orientierungssinn des Wegkundigen anzuvertrauen. Wer einem Wegkundigen hinterhergeht, muss auf die Bewegungen des Vorausgehenden achten, darf nicht den Sichtkontakt abreißen lassen, muss seiner Richtung folgen.

Glaube als Nachfolge erfordert also eine ganz bestimmte aufmerksame Beweglichkeit. Wer nachfolgt, steht nicht, sondern schreitet voran. Glaube als Nachfolge Jesu verstanden ist nicht ein bestimmter Standpunkt, sondern vielmehr ein offenes Unterwegssein in der Spur Jesu. Nicht Glaubensstandpunkte – also Glaubensauffassungen, Lehrmeinungen, Glaubensstile, Dogmen –, sondern die Bereitschaft, sich je und je neu weiterführen zu lassen, macht die verwandelnde Kraft des Glaubens in der Nachfolge Jesu aus.

Dieses offene Unterwegssein in der Nachfolge Jesu erfordert eine konzentrierte Aufmerksamkeit. Das kommt in der Antwort Jesu an einen nachfolgewilligen Menschen zum Ausdruck, der aber zuerst noch von seiner Familie Abschied nehmen will. Das ist ja keineswegs ein unverständlicher Wunsch! Aber Jesus ruft zu unzweideutiger, vorwärts gewandter Beweglichkeit auf: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Wer pflügt und dabei rückwärts schaut, dessen Furchen werden eben krumm und nicht sehr tief. Deswegen ruft Jesus zu eindeutiger Konzentration auf. Das Jesuswort klingt schroff! Aber vielleicht öffnet sich dieses so kompromisslos klingende Wort Jesu, wenn wir den Ruf zur Konzentration in der Nachfolge auf dem Hintergrund mancher das Leben zersplitternder Entwicklungen unserer Zeit hören: Zum Beispiel wenn man sich den allgegenwärtigen Druck bewusst macht, möglichst viele der vielen angebotenen Lebensmöglichkeiten auszukosten – und mit Beruf, Familie, Partnerschaft, Selbstverwirklichung, sozialen Verpflichtungen und gesundheitlichen Kräften unter einen Hut zu bringen.

Der Zwiespalt zwischen unerfüllbaren Selbstansprüchen und der immer neuen Weckung von Bedürfnissen in unserer Konsumgesellschaft macht Menschen nicht zufrieden und frei, sondern unfrei und zerrissen. Es gibt unter uns so etwas wie eine zunehmende Sehnsucht nach Konzentration und Klarheit in all der Zerrissenheit des Daseins. Und wenn man auf diesem Hintergrund Jesu Wort hört, dann kann man plötzlich etwas ganz Unerwartetes aus diesem Wort heraushören: Jesu Einladung zu einer befreienden Eindeutigkeit. Die eindeutigen Richtungsangaben Jesu, der Aufruf zu einer ausschließlichen Bindung an ihn, sind auch die Einladung zu einem Weg, der mich vor der Zerrissenheit und Uneindeutigkeit unentschiedenen Lebens bewahren möchte.

Nicht zerrissen und zerstreut soll ich sein, sondern ganz soll ich bleiben. Und deswegen soll die Nachfolge Jesu eine ganze Entscheidung sein, damit ein ganzes Leben in dieser Nachfolge herauskommt.

Im Grunde steckt darin die schon im Ersten Gebot enthaltene Verheißung, dass derjenige, der sich klar und eindeutig an den einen Gott bindet, als Folge davon die Freiheit von allen übrigen um ihn werbenden Kräften und Götzen erfährt. „Ohne Verheißung wandert keiner aus“, hat einmal Hans-Magnus Enzensberger gesagt.

In der Tat! Das ist die Verheißung, die in den so schroff scheinenden Antworten Jesu an die Nachfolgewilligen steckt: Mensch, werde eindeutig, dir selbst zugute – damit deine Zerrissenheit und Zwiespältigkeit sich in eine gelassene Eindeutigkeit verwandeln kann!

 

Ihr Gebet

Gebet

Gott, du Ziel unserer Wege.
Wir beten zu dir für alle,
die mit ihren Möglichkeiten an ein Ende
gekommen sind;
für alle, die alt und kraftlos wurden:
für alle, die sich einsam und verlassen sehen.
Lass sich ihre Tage erfüllen mit Stille und Geborgenheit,
dass Hast, Furcht und Unfrieden überwunden werden durch deine Nähe.
Amen.

Aus: Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Erster Teil, Stuttgart 2004, S. 241.