Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Gottesdienst heißt, dass wir Profil zeigen!“

Der Kirchenbesuch dient den Menschen besonders dann, wenn sie etwas in den Alltag mitnehmen können. Unter diesem Motto veranstaltet die Evangelische Stadtkirchengemeinde AbendGottesDienste der besonderen Art. Luther-Autor Heiko Schwöbel sprach mit dem Initiator und Pfarrer Andreas Weidle über diese besondere Form des Gottesdienstes in Göppingen.

Bild: privat

Irgendwie geht es in diesem Gottesdienst komisch zu.

Eine Big Band schmettert schmissige Kirchenlieder. Eine Predigt gibt es nicht. Dafür steht ein Mann in mittleren Jahren auf, stellt sich als Walter Kohl, Sohn des Bundeskanzlers a.D. Helmut Kohl, vor, und beginnt, eine Viertelstunde nachdenklich seine Gedanken zum Thema „Versöhnung“ dazulegen. In der Kirche ist es mucksmäuschenstill: Denn die Hunderte von Zuhörern spüren: Dieser Mann hat erfahren, wovon er redet. Ach ja: Einen Pastor gibt es auch in diesem merkwürdigen Gottesdienst. Er erklärt der Gemeinde sogar die einzelnen Teile der Liturgie, moderiert und gibt Gedankenanstöße. Und irgendwann feiert die ganze Gemeinde in tiefer Eintracht und großer Freude ihren Gottesdienst der besonderen Art zu Ende.
Sie meinen jetzt, Sie sind im falschen Film? Keineswegs. Aber dafür im sogenannten „AbendGottesDienst für Ausgeschlafene“. Seit über zehn Jahren feiert die Stadtkirchengemeinde Oberhofen in Göppingen neben den Sonntags- und Feiertagsgottesdiensten zusätzlich diese besondere Form von Gottesdienst. Jeweils von Oktober bis April laden die Kirchengemeinde und ihr Pfarrer Andreas Weidle die Göppinger an acht bis zehn Abenden zu diesem gemeinsamen Abend um 19 Uhr in die Oberhofenkirche ein. „Es hat ein bisschen gedauert, bis sich die Göppinger an unser ungewöhnliches Angebot gewöhnt haben!“, erzählt der Pastor. Und ein Lachen kann er sich dabei nicht verkneifen. „Es sind vor allem drei Besonderheiten, die diese „AbendGottesDienste für Ausgeschlafene“ auszeichen“, erklärt er dann.

Themen aus dem prallen Leben

Zum einen sind die Themen, die in diesen Zusammentreffen besprochen und bedacht werden, alle aus dem prallen Leben gegriffen. Sie folgen nicht unbedingt dem Kirchenjahr. Die Fragen der Abende werden immer unterhaltend, anregend, stützend und zugleich orientierend bearbeitet. Prominente oder Fachleute stehen für die thematische Bearbeitung bereit – und sie kommen gerne nach Göppingen. So auch der Kanzlersohn Walter Kohl. Der religiöse Bezug wird in den „AbendGottesDiensten für Ausgeschlafene“ gesucht, betont und diskutiert. Jeder dieser Gottesdienste findet seine theologische Fortsetzung in sich anschließenden Gesprächskreisen unter der theologischen Leitung des Pfarrers.
Zum Zweiten werden die Gottesdienste immer ungewöhnlich musikalisch begleitet. Meist nicht von Kirchenmusikern und den bekannten Kirchenliedern – sondern von Blues über Kammermusik, Rock und Pop bis hin zu weihnachtlichen Liedern, gespielt von der Lumberjack-Big Band ist in den AbendGottesDiensten musikalisch alles vertreten.
Des Weiteren ist die Liturgie im Vergleich zum Vormittagsgottesdienst ganz anders. Andreas Weidle verzichtet in den AbendGottesdiensten etwa auf die klassische Predigt. „Ich mag es viel mehr, Redner und Vortragende einzuladen und anzuregen, die christliche Botschaft aus ihrer persönlichen Sicht zu verkünden“, sagt der Pfarrer. Gelingt das mal ab und zu nicht so, wie erhofft, ist das auch kein Beinbruch: Dann greift Pfarrer Weidle behutsam ein und stellt in einem Zwischenfazit den christlichen oder seelsorgerischen Bezug des Themas her. So ist sichergestellt, dass die Elemente des Gottesdienstes immer vertreten sind und nicht zu kurz kommen.

Der Pastor als Moderator

Hinzu kommt, dass Weidle die Elemente des Gottesdienstes als solche erklärt und auch in ihrer Bedeutung erläutert. Der Grund dafür ist ganz einfach: „Wir haben viele Besucher, die noch nicht den starken Bezug zur Kirche, ihren Regeln und Festen haben“, erklärt Weidle. „Ihnen will ich mit meiner Moderation eine Art Gebrauchsanweisung für die Kirche geben, so wie das auch in Ihrer Zeitschrift geschieht,  um unseren Besuchern begreifbar zu machen, warum wir was und wie wir das tun. Und sie damit anregen, sich stärker dem Glauben zuzuwenden und in der Gemeinde aktiv zu werden.“
Solch eine Hingabe zeigt Wirkung. Mittlerweile haben sich ein Stammtisch, zudem zahlreiche Hauskreise und ein 80- köpfiger AbendGottesDienst-Projektchor gebildet. Und die Überschneidungen aus Gemeindearbeit und AbendGottesDienst werden immer größer. „Wir  erreichen auch in der Seelsorge plötzlich ganz andere und neue Menschen durch diese außergewöhnlichen Aktivitäten“, erzählt Weidle. Und wieder kann er sich ein Lachen nicht verkneifen.

Männer sind jetzt dran!

Für die kommende Staffel werden die Männer und ihre Themen in den Mittelpunkt gestellt: „Männer sind einfach, aber sie haben es nicht leicht …“ So der Titel des ersten AbendGottesDienstes. „Mit fundiertem Wissen und unterhaltsam dargeboten liefert dieser Gottesdienst ein kräftiges Stück Motivation für jeden Mann und ist ein spannender Beitrag zum Männerverstehen für jede Frau“, verspricht der Pastor. Andras Malessa,  Journalist und Theologe, sowie die
Frauenpower Band DREIST gestalten diesen Gottesdienst. Mit den Titeln „Ein Mann – (k)ein Wort“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ und „O je Joseph … „Oder: „Weihnachten männlich betrachtet“ wird die Staffel fortgesetzt. Männer in Göppingen und Umgebung dürfen gespannt sein!

Die Kirche ist voll!

Nach dem Erfolg gefragt, kann Andreas Weidle einiges erzählen. „Wir haben mit 600 Personen an diesen Abenden mittlerweile immer ein volles Gotteshaus!“ sagt der Pastor. Mehr noch: Durch die zahlreichen und hohen Spenden und Gottesdienst-Opfer erwirtschaftet die Gemeinde bei diesen Gottesdiensten Geld, das sie in die Seelsorge der Gemeinde investieren kann.
Im vergangenen Jahr kamen so weit über 10 000 Euro Überschuss der Gemeinde zugute. „Zu Beginn der Veranstaltungen mussten wir die Opferstöcke sogar mehrfach am Abend leeren!“ erinnert sich Weidle. „In der Zwischenzeit haben wir daher größere Opferstöcke angeschafft!“
Und manchmal ist Weidles Kirche an diesen Abenden sogar wegen Erfolgs geschlossen: „Wir mussten schon einmal über 100 Besucher wegen Überfüllung abweisen!“, erinnert sich der Pastor. Das hinterlässt bei ihm ein ein bisschen wehmütiges  Gefühl. „Zumal wir für weite Teile der Bevölkerung die einzige kostenfreie Kulturveranstaltung in der Region anbieten.“
Was sind die Geheimnisse seines Erfolges?  Eine etwas andere Liturgie, eine etwas andere Musik, eine etwas andere Art, an Themen heranzugehen und eine etwas andere Zeit. „Unsere Art und Weise, an christliche Themen heranzugehen, heißt nicht, Profil aufgeben!“, sagt Pfarrer Weidle. „Im Gegenteil, wir zeigen Profil und zwar deutlich, nur anders. Das habe ich gelernt und es wird belohnt.“ Und da ist es wieder – sein Lachen.