Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Herr, du wäschst mir die Füße?“

An Gründonnerstag gibt es in den christlichen Kirchen Abendmahlsgottesdienste. Doch das Johannesevangelium bietet eine Alternative: die Fußwaschung. Sie wird vor allem in katholischen und orthodoxen Kirchen praktiziert. Sie erinnert an Taufe und Abendmahl.


Vor einigen Jahren hat Papst Franziskus mit einem alten Ritual für Aufsehen gesorgt. An Gründonnerstag ist es nämlich in der katholischen Kirche Brauch, dass der Bischof oder der Kardinal zwölf Priestern die Füße wäscht. Bis 2013 hatten die Vorgänger von Franziskus die Fußwaschung in der römischen Lateranbasilika an Geistlichen vorgenommen.

Doch Franziskus interpretierte die Fußwaschung neu. Er feiert seit seinem Amtsantritt am Gründonnerstag eine Messe außerhalb des Vatikans und wäscht Häftlingen in einem Jugendgefängnis und im vergangenen Jahr Häftlingen in einem Hochsicherheitsgefängnis nahe Rom die Füße. Der Papst ging sogar noch weiter. Seit 2016 sind auch Frauen offiziell zur Fußwaschung zugelassen. 

An Gründonnerstag wird in der Regel ein Abendmahlsgottesdienst gefeiert. Das gilt für alle christlichen Kirchen. Der Grund: Am Tag vor Jesu Verurteilung und Kreuzigung feierte er mit seinen Jüngern das Abendmahl. So beschreiben es die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas. 

Nur bei Johannes gibt es kein Abendmahl. Es ist zwar die Rede von einem Abendessen, doch nicht das Brotbrechen und Brotteilen stehen hier im Mittelpunkt, sondern eine Demutsgeste. Jesus zieht einen Schurz an, gießt Wasser in ein Becken, wäscht den Jüngern die Füße und trocknet sie dann mit einem Leintuch ab. 

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Dabei spricht Petrus aus, was manche Jünger denken. „Willst du mir wirklich die Füße waschen?“, fragt er. Zur Zeit Jesu trugen Menschen Sandalen, die Füße waren immer staubig. Und sie hatten es immer nötig, gewaschen zu werden. Deshalb war schon im  Alten Testament die Fußwaschung ein Zeichen der Gastfreundschaft. Als in Mamre die drei Männer ankommen, nimmt Abraham sie auf (1. Mose 18). Doch bevor sie ein opulentes Festmahl bekommen, werden ihnen die Füße gewaschen.

In der Bibel gibt es weitere Beispiele: Abigajil, die spätere Ehefrau von König David, fällt vor Davids Dienern nieder und sagt ihnen, dass sie ihnen ihre Füße waschen will (1. Samuel 25,41). Damit signalisiert sie, dass sie zum Königshaus dazugehören, aber nicht nur eine Königin, sondern auch eine Dienerin sein will.

Nach dem Johannesevangelium hat Petrus zuerst zwar Hemmungen, sich seine schmutzigen Füße von Jesus waschen zu lassen. Als er jedoch erfährt, dass er nur so ein Teil von Jesus wird, ändert er seine Meinung. Dann will er ganz gewaschen werden. 

In diesen Versen ist deutlich eine Parallele zum Abendmahl  zu erkennen. Auch im Abendmahl ist Christus gegenwärtig, Bei den Siebenten-Tags-Adventisten ist die Fußwaschung deshalb eine heilige Handlung. 

Aber auch zur Taufe gibt es eine Parallele. Jeder Mensch ist mit einer Schuld behaftet, auch wenn er vielleicht persönlich nichts dafür kann. Deshalb gab und gibt es die Vorstellung: Die Taufe wäscht einen rein von Sünden, und wer die Füße gewaschen bekommt, ist ebenfalls rein.

Die Taufe kann man auch als Liebesbeweis Gottes an die Menschen sehen.  Für den Papst ist wohl auch das ein Grund, ausgerechnet verurteilten Mafiosi die Füße zu waschen. Jesus habe seinen Jüngern die Füße als Zeichen der Liebe gewaschen, sagte Franziskus laut Radio Vatikan. Er selbst mache es nun ebenso. Mit dem Ritual zeigt der Waschende, wie die Menschen selbst andere Menschen lieben sollen. Im Johannesevangelium begründet Jesus die Fußwaschung mit folgenden Worten: „Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Gesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat.“

Martin Luther hat daran angeknüpft. Durch seine Fußwaschung gebe Jesus seinen Anhängern das Gebot der Liebe. Sie sei ein Beispiel dafür, dass ein Christ ein Knecht des Nächsten sei. Luther ist der Überzeugung, dass Jesus ein ganz pragmatischer Mensch war und zu uns gesagt hätte: „Ich will euch nicht zu viele Gesetze und Bücher geben. Allein die Liebe wird euch zeigen, was zu tun ist.“

Infos zur Fußwaschung

Von der Fußwaschung am Tag vor der Kreuzigung Jesu ist nur im Johannes-Evangelium 13,1–17 die Rede. In der römisch-katholischen Kirche gehört deshalb die Fußwaschung zur Liturgie am Gründonnerstag – nicht in allen Kirchen, aber auf jeden Fall in den großen Kathedralen.

In der östlich-orthodoxen Kirche wäscht der Patriarch von Jerusalem ebenfalls am Gründonnerstag zwölf Priestern die Füße. Einmal im Quartal bieten Gemeinden der Siebenten-Tags-Adventisten die Fußwaschung an. Zum Teil wird sie von Mennoniten und wenigen Freikirchen praktiziert. In den evangelischen Kirchen gibt es sie nur selten.