Christliche Themen für jede Altersgruppe

Innere Türen öffnen - Annäherung biblisch

Die Grenzen des eigenen Handelns werden uns in Krisenzeiten zunehmend bewusst. Wie überwinden wir Gräben? Wie kann es gelingen, trotz Konflikt gut miteinander auszukommen? Ein Blick in die Bibel zeigt, wie eine Annäherung zwischen Menschen gelingen kann.

Gemeinsames Singen kann ein verbindendes Element sein. Foto: adobe stock/ Deemerwha studioGemeinsames Singen kann ein verbindendes Element sein. Foto: adobe stock/ Deemerwha studio

Die weltweite Coronavirus-Pandemie hat bisher etwa fünfeinhalb Millionen Menschen das Leben gekostet. Sie starben an oder mit Covid-19. Angehörige bleiben in Trauer, einsam, oftmals verstört oder verzweifelt zurück. Zeitgleich gesellt sich zu allem in mehreren westlichen Industriestaaten eine Auseinandersetzung über Deutungen und Strategien gegen die Pandemie. An manchen Orten tobt ein Streit. An anderen Orten umschifft man ihn weise. Gesellschaftliche Zerwürfnisse werden fast täglich sichtbar.

Versöhnung mit Gott und untereinander

Im Alten Testament gibt es viele Erzählungen, die von Versöhnung handeln. Ich denke an die letzte Begegnung von Jakob und Esau oder von Josef mit seinen Brüdern. In der Sinai-Tora wird ein ausgeklügeltes System beschrieben, um einen Ausgleich wieder herzustellen, besonders mit Gott. Mit Gott? Ja, denn für das alttestamentliche Verständnis ist Versöhnung zwischen Menschen eine Folge der Versöhnung mit Gott.

Daher ist Versöhnung mit Gott im wortwörtlichen Sinn grundlegend. Waschungen, Opfer, Reinigungsund Sühnerituale gleichen nach alttestamentlichem Verständnis Risse und Gräben im Verhältnis zu Gott aus. Besonders bekannt ist der jährliche Ritus am zehnten Tag jedes jüdischen Jahres, dem Großen Versöhnungstag (Jom Kippur): Der Hohepriester sprengt im Allerheiligsten des Tempels Opferblut auf die Sühnefläche. Dabei handelt es sich um eine Goldplatte, die auf der Bundeslade liegt und als Ort der unsichtbaren Gegenwart Gottes gilt. Durch diesen Ritus erhält das Volk Israel Nachlass, Vergebung und Verzeihung für alle Sünden des vorausgehenden Jahres, sozusagen eine Generalabsolution.

Bernhard Mutschler, theologischer Vorstand der Bruderhaus Diakonie. Foto: Pressebild

Märtyrertod mit SüBernhard Mutschler, theologischer Vorstand der Bruderhaus Diakonie. Foto: Pressebildhnewirkung

In der Spätzeit des Alten Testaments entwickelt sich im Zusammenhang der Makkabäerkriege eine weitere Vorstellung: Stirbt ein gläubiger frommer Mensch den Märtyrertod, dann ist es ein Sühnetod für Israel. In einem Text heißt es konkret: Die Märtyrer „waren gleichsam ein Ersatz für die Sünde des Volkes. Durch das Blut jener Frommen und ihres Glaubens rettete die göttliche Vorsehung das vorher schlimm bedrängte Israel.“ In beiden Fällen ist es ein Blutritus, der Sühne bewirkt und den Ausgleich zwischen Menschen und Gott wieder herstellt.

Jesu Tod als Sühnetod und Grundlage der Vergebung

Der Apostel Paulus knüpft daran an im Blick auf das Kreuz Christi. Die „Erlösung“ geschah dadurch, dass Gott den gekreuzigten Messias Jesus „als Sühneort hingestellt hat“ (Römer 3,25). Darin zeigt sich Gottes Gerechtigkeit im Glauben, dadurch vergibt Gott Sünden. Mit anderen Worten: Der Tod Jesu Christi ist nach Paulus eine von Gott gestiftete Sühne zur Vergebung der Sünden. Dabei wird die alttestamentliche Opfervorstellung übertroffen. Denn der Tod Jesu Christi hat universale Reichweite: Er sühnt Sünden der ganzen Welt. Auch zwischenmenschliche Gräben, Risse oder Verwerfungen erhalten vor diesem Hintergrund einen anderen Stellenwert. Sie können in jedem Fall überbrückt werden „im Glauben“, das heißt im Vertrauen auf die Wirkung des Kreuzestodes Christi.

Der leidende Gerechte

Ziehen wir ein Zwischenfazit: Der leidende Gerechte stirbt den schändlichen Martertod am Kreuz. Dies geschieht stellvertretend für alle Menschen, die auf Gottes Gnade vertrauen. Anders formuliert: Jesus von Nazareth lebte in ungetrübter Gottesgemeinschaft („sündlos“, Hebräer 4,15), wirkte und starb als ein „Knecht Gottes“ (Jesaja 53).

Dabei wurde er zum Opfer der Abläufe in dieser Welt. Er starb unschuldig am Kreuz. Sein Tod wird von Paulus als stellvertretende Lebenshingabe für alle Menschen verkündigt: als Versöhnung mit Gott und als Grundlage einer Versöhnung unter Menschen.

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Dieser Kern christlichen Glaubens und christlicher Theologie ist im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth wie in einem Brennglas verdichtet: „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2. Korinther 5,17-21).

Frieden trotz Differenzen

Hier wird nicht weniger beschrieben als die Versöhnung der Welt durch Christi Kreuzestod. Sie eröffnet Menschen ein neues Gottesverhältnis. Sie teilt Menschen nicht menschliche, sondern Gottes Gerechtigkeit mit. Auf dieser Grundlage können Menschen trotz aller Differenzen im Frieden miteinander leben. Denn Christus „ist unser Friede“ (Epheser 2,14). Er ist Gottes unüberbietbares Versöhnungsangebot für diese Welt. Was bedeutet das in diesen Tagen?

Ich denke hier zuerst an innere Gelassenheit und an eine unerschütterliche Zuversicht, die sich aus Gott speist. „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber (…) und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ „Unter uns“ heißt: Du bist, ich bin, wir sind bereits einbezogen. Das schenkt innere Ruhe und ermöglicht eine persönliche Einkehr bei Gott. Im Glauben werden wir mit seiner Gerechtigkeit und mit seinem Frieden beschenkt.

Im Umgang miteinander

Dadurch empfangen wir eine sichere Grundlage für den Umgang miteinander. Bewährte Klugheitsregeln über den Umgang miteinander kommen dadurch ins Spiel: einander achten, verletzliche Menschen schützen, professionell zusammenarbeiten. Sich nicht von Meinungen oder negativen Gefühlen leiten lassen, aufeinander zugehen, einander zuhören, Verbundenheit pflegen und stärken trotz unterschiedlicher Meinung in Corona-Fragen. Bei Letzteren lernen wir als Gesellschaft manchmal von Tag zu Tag hinzu.

In Frieden miteinander leben ‒ das ist möglich, trotz Differenzen. Foto: unsplash/ chang-duongIn Frieden miteinander leben ‒ das ist möglich, trotz Differenzen. Foto: unsplash/ chang-duong

Guter und fairer Umgang

Für mich gehört auch dazu, miteinander zu singen – auch wenn die Möglichkeiten hierfür im Moment natürlich eingeschränkt sind. Denn das Singen gehaltvoller alter und neuer Kirchenlieder lehrt theologisch denken und reden. Es tröstet, verbindet und stiftet Gemeinschaft in Freud und Leid.

Nicht immer können Gräben überwunden werden. Umso wichtiger ist ein guter und fairer Umgang miteinander. Dazu gehört für mich, Verantwortung zu übernehmen, Folgen des eigenen Handelns zu bedenken und ressourcenschonend für das soziale Leben und für die Schöpfung zu handeln.

Es lohnt sich, einander trotz aller Verschiedenheit in Sachfragen als Mensch unter Menschen zu respektieren und Gräben nicht unnötig zu vertiefen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden sich Möglichkeiten eröffnen, um wieder zusammenzukommen und sich stärker zu verbinden. Wenn wir wohlwollend miteinander umgehen, werden wir stärker statt schwächer aus dieser Krise hervorgehen.

Versöhnung heute

Was bedeutet Versöhnung in diesen Tagen? Drei ganz knappe Antworten: innere Türen öffnen und Versöhnung von Gott empfangen, wohlwollend miteinander umgehen, schmerzhafte Differenz vorläufig weiterhin aushalten. Und ganz am Ende wird alles gut ausgehen. □

Zur Person

Bernhard Mutschler (54) ist Theologischer Vorstand der Bruderhaus Diakonie in Reutlingen. Der habilitierte Theologe und Pfarrer lehrte zuvor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und war früher am Lehrstuhl für Historische Theologie an der Universität Heidelberg tätig.