Christliche Themen für jede Altersgruppe

Judas Iskariot - der Unbegreifliche

Für die einen ist er der Inbegriff der Verworfenheit – derjenige, der Jesus ausgeliefert hat. Für die anderen ist er notwendiges Werkzeug der Vorhersehung – ohne ihn kein Kreuz, keine Auferstehung: Die Rede ist, wie sollte es anders sein, vom Jünger Judas Iskariot. Seine Figur bleibt rätselhaft, ganz egal wie man versucht, sie zu fassen.

 

 

Judas war ein beliebter Name. Ob er den Beinamen Iskariot nur erhalten hat, um ihn, ähnlich wie Maria Magdalena, genauer kenntlich zu machen, ist nicht geklärt. Vermutlich heißt Isch Kariot „Mann aus Kariot“, und benennt einem Ort in Judäa. Ob Kariot aber noch zur Zeit Jesu bestand, weiß man nicht. Eine andere Deutung des Beinamens ist, dass das aramäische Wort für „lügen“ und „ausliefern“ in Iskariot anklingt. Der Beiname als versteckter Hinweis auf seine Rolle in der Jesusgeschichte? Ebenfalls Judas‘ Zugehörigkeit zu den Sikariern, antirömischen Widerstandskämpfern, wurde in Erwägung gezogen, um den Beinamen zu erklären. Diese Sprachspekulationen zeigen, wie schwer der Verräterjünger zu fassen ist und dass man ihm erst eine Rolle zukommen lassen muss, bevor man ihn versteht.

Die Äußerungen über ihn in den Evangelien sind, obwohl er eine so verwerfliche Rolle einnahm, vergleichsweise zurückhaltend. Zwar deuten Matthäus, Lukas und Johannes Gründe an, die das Verhalten des Judas plausibler machen: Untreue und Habgier oder schlicht, dass der Teufel in ihn gefahren sei. Aber diese Erklärungen bleiben Andeutungen. Der Verrat und das Motiv dafür sind Sache und Verantwortung des Judas.

Das Augenmerk aller Evangelisten liegt ja auch nicht darauf, die Biographie eines Verbrechers zu erstellen. Es geht ihnen vielmehr um Glauben und Unglauben. Dieser Konflikt kommt einmal mehr bei Markus am deutlichsten zum Ausdruck. Das älteste Evangelium ist besonders schweigsam, was den Verrat des Judas betrifft. Doch an einer Stelle bricht es sein Schweigen. Beim letzten Pessachmahl, dem Abendmahl, sagt Jesus den Jüngern, dass einer von ihnen ihn verraten würde. „Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem anderen: ‚Doch nicht ich?‘“ (Markus 14,19). Eine sehr befremdliche Frage. Jeder hält sich für den Verräter. Wie wenig Vertrauen in den eigenen Glauben muss ein Mensch haben, wenn er solch eine Frage stellt? Obendrein an das Opfer seiner Untat. Markus gibt keine Antwort darauf. Er steigert die Unsicherheit noch: Alle Jünger werden sich von ihm abwenden (Markus 14,27), prophezeit Jesus ihnen und über Judas sagt er, es wäre besser gewesen, wenn er niemals geboren worden wäre (Markus 14,21).

Es ist spekuliert worden, was Markus damit bezweckt haben könnte, die Geschichte vom Verrat so zu erzählen. Wollte er darauf hinweisen, dass jeder von uns einen verborgenen Judas in sich trägt? Oder wollte er zum Ausdruck bringen, dass sich in der Gemeinde Jesu nicht nur aufrechte Christusnachfolger, sondern auch Verräter finden lassen? Oder war es sein Ansinnen, auf die vollständige Glaubensblindheit der Jünger hinzuweisen? Eine Blindheit, die sich nicht nur auf die Person Jesu bezieht, sondern auch auf sich selbst? Wenn Markus die Frage offenlässt, geschieht das mit Bedacht. Er fordert heraus, dass wir sie aushalten.

Das jüngste Evangelium, das des Johannes, greift diese schmerzhafte Unsicherheit auf. Nicht dass es das Rätsel des Markus löst. Doch lässt Johannes Jesus sagen: „Ihr habt jetzt zwar Kummer, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen“ (Johannes 19,22f.). Das Wiedersehen mit Jesus wird alle Unsicherheit, allen Kummer, alles Fragen, alle Antworten hinter sich lassen. Das ist die Essenz der Frohen Botschaft. Vielleicht, so viel Spekulation darf sein, hatte Judas seinen Glauben an das Evangelium Jesu schon lange vor seinem Verrat aufgegeben und sich damit selbst der Hoffnungslosigkeit ausgeliefert.

Uwe Metz

 

 

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