Christliche Themen für jede Altersgruppe

Liebt euren Nächsten

Matthäus 5,43-48 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Impuls zum Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 5, 38–48. Von Kirsten Huxel

Die promovierte Theologin Kirsten Huxel ist Pfarrerin in Satteldorf und außerplanmäßige Professorin für Systematische Theologie an der Uni  Tübingen.



Es fällt dem Menschen in der Regel nicht schwer, diejenigen zu lieben, die ihm aufgrund natürlicher Bande nahestehen – seine nächsten Verwandten und Freunde. Auf Abstand hält sich der Mensch dagegen instinktiv diejenigen, die ihm nicht vertraut sind –  Fremde, Menschen anderer Völker, Kulturen und Religionen. Die Durchbrechung dieses natürlichen Verhaltens in der Gastfreundschaft ist daher ein besonderes Kulturgut der Menschheit, das in vielen Religionen hoch geschätzt wird. Die Gastfreundschaft setzt das natürliche Verhalten freilich bloß auf Zeit außer Kraft, nämlich solange der Fremde das übliche Gastrecht beanspruchen darf. Das Gesetz Mose geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter, indem es verbietet, Fremdlinge und Flüchtlinge, die im Land dauerhaft wohnen, zu bedrücken (3. Mose 19,33f.). Dieses Gebot ist aus der eigenen Exil-Erfahrung Israels erwachsen und basiert auf dem ethischen Grundsatz der Wechselseitigkeit.

In der Bergpredigt geht Jesus nun noch den letzten Schritt und stellt die Nächstenliebe sogar über den Grundsatz der Wechselseitigkeit: Wer allein da liebt, wo er auf Gegenliebe stößt, tut noch nichts Besonderes. Wer nur da wohl tut, wo er mit einer Wechselseitigkeit von Wohltaten rechnen kann, bleibt noch ganz im Rahmen dessen, was von anderen Religionen auch berichtet wird. Der Vollsinn christlicher Nächstenliebe ist erst dann erreicht, wenn diese sogar den Feind einschließt. Nun erst wird das Gebot zur echten Provokation und besitzt eine ethisch-religiöse Sprengkraft, die einzigartig ist.

Das Gesetz der Wechselseitigkeit folgt dem natürlichen Empfinden: Wir hassen da, wo wir gehasst werden, und suchen dort nach Vergeltung, wo uns ein Schaden zugefügt worden ist. Ethisches Verhalten besteht für uns darin, unserem unbändigen Vergeltungsdrang gewisse maßvolle Grenzen zu setzen. Also nicht mehr zu vergelten, als das Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ erlaubt.

Nach Jesus ist die Liebe zum Nächsten jedoch erst dann vollkommen, wenn sie sogar einseitig liebt und selbst natürliche Grenzen überschreitet. Wenn sie vor dem unbekannten Fremden und Ausländer nicht halt macht, wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lehrt. Wenn sie sogar den Sünder annimmt, wie seine Begegnung mit dem Zöllner zeigt. Wenn sie selbst den Verfolger einschließt, wie Jesus in seiner Passion vorgelebt hat.

Jesus lebt Feindesliebe vor als Gewaltverzicht und Deeskalation, aber nicht als Unterwerfung oder Selbstaufgabe. Er zeigt gerade im Durchbrechen der Spirale von Hass eine Stärke, die sogar seine Feinde beeindrucken kann. Jesus verflucht seine Widersacher nicht, aber führt ihnen den Irrtum ihres Tuns vor Augen. Selbst im Martyrium bittet er noch für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34). Jesus lässt sich nicht hinreißen zu einer lieblosen Haltung, sondern beweist seine Vollmacht darin, dass er der Macht des Bösen widersteht.

Als Sohn Gottes zeigt er uns, was es heißt, als Kinder und Ebenbilder Gottes zu leben: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ So wie Gott der Vater aller Menschen ist, so ist der Nächste generell derjenige, der uns als Mitmensch nahe kommt und unserer Hilfe bedarf. Um solche Hilfe wollen wir uns auch in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise vor Ort und auf allen politischen Ebenen bemühen.


Ihr Gebet

 

Gebet

Unser Vater im Himmel,
du lässt deine Sonne aufgehen
über Gerechte und Ungerechte.
Lass uns einander als Brüder und
Schwestern annehmen
und führe uns dahin,
immer grenzenloser zu lieben.
Darum bitten wir dich
in Christus Jesus, unseren Herrn!
Amen