Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Umgang mit der Schuld

Kolosser 2,14–15  Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

 

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Quasimodogeniti: Kolosser 2,12-15 von Bärbel Barthelmeß


Es gab ein Restaurant in den USA, nicht allzu weit von der Grenze zu Mexiko. Der Wirt war Mexikaner und hielt sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten illegal in den Vereinigten Staaten auf. Er war schon mehrere Male über Nacht abgeschoben worden. Doch er kam immer wieder zurück, und das Lokal „El Tios“ erfreute sich wachsender Beliebtheit. An einer Wand hatte der Wirt diverse Zeitungsartikel über seine Abschiebungen gerahmt und aufgehängt. Was andere versteckt und wofür sie sich geschämt hätten, das präsentierte er mit Stolz. Die öffentliche Berichterstattung über seine Illegalität und über die Demütigungen, die mit einer Abschiebung verbunden sind, das hängte er für sich selbst und alle anderen gut sichtbar an die Wand und verblüffte damit alle, die sich die Zeit nahmen, genauer hinzusehen.

Diese Geschichte, die ich irgendwo gelesenhabe, ist ungewöhnlich, denn im wirklichen Leben ist es doch genau umgekehrt. Man hängt sich Diplome, Auszeichnungen oder Siegerurkunden an die Wände, während man Schuldscheine lieber unsichtbar in einem Aktenordner oder in einer verschlossenen Schublade aufbewahrt. Manche Schuldscheine sind sicherlich unumgänglich, wenn man beispielsweise ein Haus oder ein Auto kauft. Andere Schuldscheine legen etwa in einer Privatinsolvenz offen, dass man seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann. Und dann gibt es noch Schuldscheine, die eher in einem moralischen Sinn zu verstehen sind. Menschen schulden einander etwas: Treue gegenüber dem Partner, Zuneigung gegenüber den Kindern, Dankbarkeit gegenüber den Eltern, Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber, Fürsorge gegenüber dem Arbeitnehmer. Die Reihe lässt sich bestimmt noch weiter fortsetzen, aber es wird deutlich, dass zwischen Menschen ein enges Beziehungsgeflecht von gegenseitigen Erwartungen besteht. Kann man all diese Erwartungen erfüllen? Ich denke nicht, man bleibt sich immer etwas schuldig oder wird sogar schuldig.

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Gerade heutzutage, wo das Leben auf Perfektion getrimmt ist, muss man lernen, mit Schuld zu leben und mit Schuld umzugehen. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Von einem flapsigen „Sorry, nichts für ungut“ über ein mehr oder weniger gedankenloses „Entschuldigung“ bis hin zu einer wohlformuliertem Bitte „Entschuldigen Sie mich bitte“ ist vieles möglich und ganz von der Situation und den Menschen abhängig. Aber es ist im Grunde immer der Versuch, sich selbst zu entschulden, also auch wieder eine Form der Perfektionierung.

Eine vierte Variante zeigen der mexikanischen Wirt und auch Paulus im Kolosserbrief auf. Man könnte doch auch offensiv mit Schuld und Schuldgefühlen umgehen und sie offen ansprechen, zum Beispiel indem die eine Seite sagt, welche Erwartungen sie hat und die andere, unter welchem Erwartungsdruck sie steht.

Solch offensives Vorgehen geschieht auch in Kreuz und Auferstehung. Gott sucht hier in letzter Konsequenz das Gespräch. Er stirbt als Unschuldiger am Kreuz und führt uns damit vor Augen, wie Unrecht, Gewalt, Lieblosigkeit oder Gedankenlosigkeit auf Erden immer noch und immer wieder ihre Triumphe feiern. Es sind Mächte und Gewalten, in die wir alle mehr oder weniger verstrickt sind, und keiner ist davon ausgenommen. Können wir damit guten Gewissens leben? Können wir uns mal wieder selbst entschuldigen?

Nein, eigentlich nicht. Deshalb, so meint der Apostel, entschuldet Gott uns von seiner Seite aus. Indem er Jesus aus dem Tod ins Leben zurückruft, hat er den Schuldschein aufgehoben und schenkt uns einen Neuanfang. Und er weist zugleich den Tod und alle lebensverneinenden Kräfte in ihre Grenzen. Sie haben eben die „Rechnung ohne den Wirt“ gemacht.

Gebet

Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns
gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut. Und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns wirst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass
wir durchs Kreuz ins Leben gehen.

Christoph Fischer, aus Evangelisches Gesangbuch, Lied 79,1 und 4