Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Wunder zu glauben

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein; und Licht leuchtete auf in dem Raum. (Apg. 12, 1-7)

 

Impuls zum Predigtext Apostelgeschichte 12, 1-7. Von Pfarrer Frank Bendler

Verschiedene Überschriften könnte ich mir zu dieser Geschichte vorstellen, zum Beispiel „Beten hilft“. Oder „Wenn da nicht ein Engel wäre ...“ oder „Gott lässt nicht im Stich.“ Aber zunächst einmal blicke ich etwas ratlos auf das Geschehen und sage mir: Eigentlich kann es nur wirklich so passiert sein. Die Realität hält manchmal die wunderlichsten, unglaublichsten Geschichten parat. Wer will auch schon so etwas erfinden?
Petrus sitzt fest im Gefängnis. Man könnte es für damalige Verhältnisse einen Hochsicherheitstrakt nennen: Vier sich abwechselnde Wachen zu je vier Soldaten bewachen den Gefangenen. Ein sechzehnfaches Personal wird aufgeboten für den einen. Was zeigt es mehr, die Macht oder die Angst?
Ich muss an einen anderen berühmten Gefangenen denken: An Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis von Berlin-Tegel. Wachen vor der Tür, schwere Eisengitter, genau wie bei Petrus. Aber erstaunt stellt er in seinem berühmten Gedicht fest „Wer bin ich?  Sie sagen mir oft, /ich träte aus meiner Zelle / gelassen und heiter und fest / wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Das ist ungewöhnlich. Gefängnisinsassen sind trübsinnig, lassen die Schultern hängen und sind angsterfüllt. Etwas anderes hält Bonhoeffer aufrecht. Es ist der Glaube.
Und was lässt Petrus zwischen seinen beiden Wachen so sicher ruhen? Es scheint, als sei der einstige Jünger reifer geworden. Damals beim Seesturm da schlief Jesus im Boot und Petrus rief mit den anderen um Hilfe. Nun ist er kein Kleingläubiger mehr. Er weiß um die Macht des Auferstandenen. Er hat keine Angst.
Aber dann ist da der Engel. Als Lichtgestalt erscheint er. Oder? Müsste es nicht die Wachen erschrecken? Müsste nicht auch Petrus selbst durch den hellen Schein aufwachen? Aber es brauchen solche Geschichten nicht logisch zu sein, um dennoch wahr zu sein. Wunder vollziehen sich immer über unsere Köpfe hinweg.
Dafür ist der Engel dann ziemlich handfest zugange, haut dem Petrus eins zwischen die Rippen und raunt dem Verwirrten zu: „Auf geht’s, Mann. Spute dich.“ Und weiter weist er ihn an, den Gürtel umzulegen, Schuhe anzuziehen und den Mantel nicht zu vergessen. Natürlich kann man da an die Nacht des Auszugs aus Ägypten denken – schließlich ist Petrus während des Passafestes eingekerkert – bei dem sich das Volk Gottes auch in aller Eile kleiden sollte, um der Freiheit entgegenzugehen. Man kann aber auch meinen, so ein Engel denkt einfach an alles. Draußen ist es kalt und festen Tritt braucht der Mensch. Warum sollen Engel nicht auch praktisch sein? Ein Leben aus der Gnade heißt ja nun nicht, dass man über allem schwebt. Sondern, dass man sich in allem bewährt. Auch im Alltäglichen.
Würde ich das auch so wollen? Bei der Hand genommen werden. Sicher geführt werden. So einen kleinen An-Stoß bekommen wie Petrus. Wäre da doch ein Engel ... Aber gefragt werde ich nicht, wenn es so weit ist. Gefragt wurde auch Petrus nicht. Ja, es scheint sogar das Wesentliche zu sein, dass er erst hinterher erkennt, was passiert ist, und wer ihn da geleitet hat: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt hat.“ Und davor? Davor herrschte Ahnungslosigkeit. Davor war der Zweifel. Davor war Ungewissheit. Und doch war die ganze Zeit der Engel neben ihm. Manchmal fühle ich schon auch all das Ungeklärte meines Lebens auf mir lasten. Aber die Befreiungsgeschichte von Petrus macht mir Mut zu glauben, ich werde staunen wie er.
Auch Dietrich Bonhoeffer bleibt unsicher, was er von sich halten soll. Zum Schluss erst sagt er im Gedicht: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich o Gott!“