Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von der Langmut Gottes

Markus 12,1–12 (in Auszügen) Jesus fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Weingärtner. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu ihnen, damit er von ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Und er sandte viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als Letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Aber die Weingärtner sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden“?


Impuls zum Predigttext für den Sonntag Reminiszere: Markus 12,1–12.  Von Martin Hauff

Der promovierte Theologe
Martin Hauff ist geschäfts­führender Pfarrer in Langenau
im Kirchenbezirk Ulm.
Foto: Bernd Kasper/pixelio



Wie kann man nur eine so unerhörte Bosheit an den Tag legen wie die Pächter? Und was ist das für ein Weinbergbesitzer, der mit solch unbegreiflicher Langmut darauf reagiert? Jesu Hörer wurden sofort an das bekannte Weinberglied des Propheten Jesaja erinnert, in dem Gott als Besitzer eines Weinbergs besungen wird (Jesaja 5,1–7). Es ist also Gott selber, der seinen Weinberg, all seine guten Gaben, Menschen anvertraut und sie eigenverantwortlich darin gestalten lässt.

Die Pächter sollen genug haben zu einem fröhlichen Leben inmitten des Weinbergs nach der harten Arbeit des Kultivierens und Erntens. Zur Erntezeit schickt der Besitzer einen Boten zu den Pächtern, um seinen Anteil am Ertrag abzuholen und um sie daran zu erinnern: Der Weinberg ist ihnen geliehen, nicht übereignet.

Genau da beginnt die Konfliktgeschichte zwischen Pächtern und Besitzer, zwischen Menschen und Gott. Die Pächter lehnen sich auf gegen ihren Herrn und jagen seinen Boten mit Gewalt davon. Der Mensch will selber Herr über den Weinberg sein, selber Unternehmer seines Lebens.

Statt sofort massiv einzugreifen, legt der Weinbergbesitzer eine unbegreifliche Langmut an den Tag und schickt Boten um Boten. Ist diese Langmut des Weinbergbesitzers nicht absurd? Kein Ehepartner, kein Arbeitgeber, kein Politiker könnte sich solch eine Reaktion leisten.

Oder doch? Gibt es nicht auch unter Menschen bruchstückhaft solche Erfahrung aus dem Geist der Liebe und Langmut Gottes? Da gibt es Eltern, die geduldige Wegbegleiter ihrer eigenwillig nach Freiheit drängenden Kinder bleiben. Sie intervenieren ausschließlich mit dem armseligen Boten „Wort“. „Nicht Armeen, nicht Krieg, nicht Zwang – sondern das Wort kann den Lauf der Dinge prägen“, so hat es Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf der Trauerfeier für Richard von Weizsäcker gesagt, im Blick auf dessen Vertrauen schaffendes Wirken und im Blick auf die aktuellen Herausforderungen in Osteuropa, die nicht militärisch zu gewinnen, sondern nur durch beharrliche Gespräche gelöst werden können. Da und dort gibt es die Erfahrung, dass die Langmut gewinnt und das Wort mehr bewirkt als die Drohgebärde – weil es das Herz des Gegenübers wandelt.

Doch in der Geschichte steuert der Konflikt zunächst auf seinen Siedepunkt zu. Denn zuletzt schickt der Besitzer seinen geliebten Sohn. Die Bosheit der Pächter gipfelt in der Ermordung des Sohnes. Wie Bauleute einen unbrauchbaren Stein wegwerfen, werfen die Pächter den getöteten Sohn aus dem Weinberg hinaus. Tiefer kann der Riss zwischen Pächtern und Besitzer gar nicht gehen.

Gott sieht über diesen Riss, der wie ein tiefer Sund zwischen den Pächtern und ihm klafft, nicht hinweg. Gott richtet die Sünde, die bösen Taten, damit die Mörder nicht auf ewig über ihre Opfer triumphieren.

Aber Gott setzt die Konfliktgeschichte nicht fort, sondern beginnt eine neue Geschichte. Er unterbricht die Spirale der Gewalt und erweckt den getöteten Sohn. So bricht sich am Ende der Geschichte der hoffnungsfrohe Osterjubel Bahn: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“

Die Welt hat über Gottes Langmut den Stab gebrochen. In der Auferweckung des Sohnes aber wurde deutlich, dass es gerade Gottes absurde Langmut und Liebe sind, die Hass und Gewalt überwinden und die uns neue Hoffnung füreinander geben.

 

Ihr Gebet

Gebet

Ach nimm mich hin, du Langmut ohne Maße;
ergreif mich wohl, dass ich dich nie verlasse.
Herr, rede nur, ich geb begierig Acht;
führ, wie du willst, ich bin in deiner Macht.
Amen.

Gerhard Tersteegen. In: Evangelisches Gesangbuch, Nummer 392,8.