Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was Lebenskraft gibt

Galater 2,16.20  Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.  

Impuls zum Predigttext für den 11. Sonntag nach Trinitatis: Galater 2,16-21.  Von Georg A. Maile

Er sitzt mir gegenüber, aufgerichtet in seinem Bett. Seit seinem Schlaganfall ist die rechte Seite gelähmt. Das Bein kann er genauso wenig bewegen wie den Arm und die rechte Hand. Seine Augen sind müde. Das Leben hat in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Bis zu seinem Ruhestand war er als Schreinermeister tätig und auch in den Jahren danach hat er vielen Menschen mit seinen handwerklichen Fähigkeiten geholfen. Auf ihn war immer Verlass, hatten mir die Nachbarn erzählt. Bis noch vor kurzem konnte er allein in seinem Einfamilienhaus leben, das er mit seiner Frau zusammen vor 47 Jahren baute. Zwei Jahre hatte die Bauzeit betragen. Immer nach Feierabend und samstags ging es Schritt für Schritt weiter. Sonntags war Ruhetag. Als vor drei Jahren seine Ehefrau starb, nahm seine Energie und Lebenskraft ab.
Er sitzt mir gegenüber, aufgerichtet in seinem Bett und seine Augen sind aufgewacht. Er freut sich, dass ich da bin und Zeit habe. Zum Glück ist nach dem Schlaganfall seine Sprache einigermaßen zurückgekehrt. Ich höre ihm aufmerksam zu, wie er sein Leben Revue passieren lässt. Die ehrenamtliche Arbeit in der Kirchengemeinde hat ihm immer Freude bereitet. „Wissen Sie“, sagt er, „wenn man etwas gerne macht, weil es einem wichtig ist, dann schaut man nicht auf die Uhr oder jammert, dass es zu viel wäre. Ich kenne noch meinen Konfirmandenspruch: „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein.“ Freilich, sein Leben war nicht immer einfach. Die jahrelange Pflege der Eltern im eigenen Haus. Sie hatten schon damals eine kleine Einliegerwohnung mit eingeplant. Die Sorgen um die Enkeltochter, die nach zwei Jahren Ehe wieder geschieden wurde. Die Arbeitslosigkeit seines Sohnes, der mit 55 Jahren noch viel zu jung war, um in den Ruhestand zu gehen. Die schlaflosen Nächte bei der Sterbebegleitung seiner Frau.  All das ist beim Erzählen so präsent, als wäre es erst vor kurzem gewesen. Für ihn war in seinem Leben wichtig, all die Dinge, die sich ereigneten, im Lichte des Glaubens zu sehen. Viele Predigten, die er gehört hatte, viele Worte der Bibel wirken weiter wie auch die Erkenntnis, dass man Gott nicht durch gute Werke gnädig stimmen kann oder sich gar einen Platz im Himmel erwerben könnte. Nein, Gottes Liebe ist zuallererst da und erst daraus entwickelt sich für die Menschen guten Willens, dass sie anderen helfen, wo immer es geht. „Bitte“, sagt mir der 84-jährige Mann beim Besuch im Altersheim, „wenn ich sterbe, erzählen Sie nicht so viel, was ich in meinem Leben geleistet habe. Das wissen die meisten ohnehin. Erzählen Sie doch bitte, was mir geschenkt worden ist: gute Gesundheit bis ins hohe Alter, Fröhlichkeit im Kreise der Senioren, eine Familie mit all den Freuden und Sorgen, die drei Kinder, sechs Enkel und vier Urenkel mit sich bringen. Erzählen Sie bitte nicht von den vielen Abenden, an denen ich ehrenamtlich unterwegs war. Erzählen Sie bitte davon, wie dankbar ich bin, meinen Teil für die Gesellschaft beigetragen zu haben und dass ich meiner Frau, meinen Kindern dankbar bin für ihre Geduld, ihre Fürsorge und ihr Verständnis in all den Jahren. Bitte, bitte erzählen Sie bei meiner Beerdigung nicht so viel von mir, sondern woher wir immer wieder die Kraft bekommen, auch in schwierigsten Situation nicht zu verzagen, sondern weiterzumachen und unsere Aufgabe im Leben zu erfüllen. Auf dem Nachttisch sehe ich eine Karte an der Vase angelehnt: „Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her, dass du es noch einmal wieder zwingst und von Sonnenschein und Freude singst; leichter trägst des Alltags harte Last, bis du wieder Mut und Kraft und Glauben hast!“ Es ist schon dunkel geworden, als ich ihm Segensworte zuspreche und mich verabschiede, berührt von dem tiefen Glauben eines Mannes im Herbst seines Lebens. Berührt von dem Wissen, dass die zuvorkommende Liebe Gottes die Motivation zum Handeln ist und nicht umgekehrt: „Der Herr segne dich und behüte dich, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden. Amen.“

Gebet
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu
unterscheiden.
Reinhold Niebuhr