Christliche Themen für jede Altersgruppe

Allein und doch gemeinsam - Wohnprojekt für Singles

Die Anzahl der Single-Haushalte wächst. Doch alleine wohnen heißt nicht unbedingt einsam sein zu müssen: Immer mehr Wohnprojekte wollen die Gemeinschaft fördern. Vor zehn Jahren ist in der Lüneburger Heide ein christliches Projekt entstanden. Ein Besuch.

So sieht die Stadtvilla in der Lönsstraße aus, hinten ist das zweite Haus zu erkennen.
© Foto: Privat

Heute kochen die Gäste in der Gemeinschaftsküche. Rosmarinkartoffeln und eine Tomatensoße mit Zucchini, Auberginen, Paprika. Dazu noch einen Nachtisch. Während Gerda Steenblock und Judith Schmidt, die Gastgeberinnen, sich um die Getränke kümmern, kommen Sigrid, genannt Sigi, Schäfer und Elke Hufschmidt vorbei. Angelockt von den Düften und davon, dass in der Gemeinschaftsküche gewerkelt wird. Sie sind mit den Gästen sofort per Du. „Wollt ihr mit uns zu Abend essen?“ „Aber gerne doch.“ Es wird ein gemütlicher Abend, schnell entwickeln sich unterschiedliche Gespräche.

Der Traum vom Leben in Gemeinschaft

In den „Lebensräumen“ in Visselhövede in der Lüneburger Heide wohnen derzeit sechs Singles, jede und jeder in einer abgeschlossenen kleinen Wohnung. Und obwohl alle eine eigene Küche haben, ist in der Gemeinschaftsküche immer wieder etwas los. Das ist beabsichtigt, schließlich wollen die Mitbewohner, wie sie sich selbst nennen, zwar ihre eigenen vier Wände haben, aber auch Gemeinschaft miteinander leben.

Gerda Steenblock hatte vor mehr als zehn Jahren die Idee dazu. Es könne doch nicht sein, dass Singles einsam durchs Leben gehen – und noch dazu christliche Singles. Und so entstand ihr Traum: von einem Haus mit mehreren Wohnungen, mit Gemeinschaftsräumen, einem gemeinschaftlichen Garten und Platz auch für Gäste.

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Gemeinschaftsprojekt Stadtvilla - Traum oder Albtraum?

Ihre Augen blitzen, als sie davon erzählt. Es dauerte seine Zeit, bis aus dem Traum Wirklichkeit wurde. Und manchmal – so klingt es zumindest – schien er eher einem Albtraum zu gleichen. In Gerda Steenblocks Vorstellung sollte das Haus irgendwo in Norddeutschland stehen. Die gebürtige Ostfriesin war lange Jahre im Westerwald, aber es zog sie wieder zurück Richtung Heimat. Über eine Bekannte hörte sie von einer Stadtvilla in der Lüneburger Heide, die vermietet werden sollte. Und zwar an eine christliche Einrichtung. Das passte.

Doch das Haus war stark renovierungsbedürftig. Viele Zimmer waren vollgestopft mit Möbeln, Kleidung, Hausrat. Viele Jahrzehnte lang hatten die vorherigen Bewohner alles gesammelt, was es zu sammeln gab. Und jedes Mal, wenn eine neue Wohnung geschaffen werden sollte, musste das jeweilige Sammelsurium erst einmal raus. Immer wieder gab es beim Renovieren Überraschungen. So musste das Dach neu gedeckt werden, was zunächst gar nicht geplant war.

Bewohner der Stadtvilla in VisselhövedeAnfangs lebte Gerda Steenblock in einem kleinen Zimmer, und immer wenn dieses renoviert werden sollte, zog sie ein oder zwei Räume weiter. Nach eineinhalb Jahren gesellte sich Judith Schmidt dazu, ein Jahr später zog deren Bruder, Johannes Schmidt, ein. Gemeinsam und mit Freunden renovierten sie Stück um Stück, machten aus einzelnen Zimmern Wohnungen. Neue Mitbewohner konnten erst einziehen, wenn eine Wohnung fertig war. Sie mussten teilweise einige Monate warten.

Trotz aller Schwierigkeiten hielt Gerda Steenblock an einem Bibelvers fest, der sie von der ersten Idee an begleitet hat:

„Treu ist er, der euch ruft; er wird‘s auch tun“      (1. Thessalonicher 5,24).

 

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Als sie das sagt, werden ihre Augen groß und rund. Der Vers hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder bewahrheitet. Es gibt viel zu staunen. Denn inzwischen ist die Stadtvilla in der Lönsstraße fertig, vier Wohnungen sind hier untergebracht, zwei Gästezimmer, die Gemeinschaftsküche sowie Wohn- und Esszimmer, die für alle offen sind.

Auch Gerda Steenblock und Judith Schmidt haben mittlerweile in der Villa ihre eigenen vier Wände. Seit 2016 wohnt Friederike Jung hier, momentan ist in dem Haus noch eine Wohnung frei. Und Johannes Schmidt? Der ist vor ein paar Jahren umgezogen ins Nachbarhaus. Das konnten sie, beziehungsweise der in zwischen gegründete Verein, nämlich kaufen. Die Mitbewohner machten sich dort ebenfalls an die Renovierung. Auch hier gibt es vier kleine, wohl durchdachte Wohnungen. Sie haben alles, was man zum Leben so braucht. Nicht nur Sigrid Schäfer und Elke Hufschmidt zeigen gerne, wie sie im Nachbarhaus der Stadtvilla wohnen. Und laden die Gäste auch schon mal ein auf einen Tee aus frisch geernteter Minze.

Gemeinschaft erleben

Alles eitel Sonnenschein? Nein. Sechs Menschen leben hier verbindlich zusammen, jeder bringt seine eigene Welt, seine Werte und Vorstellungen mit. Natürlich entstehen da auch Reibereien. Und selbstverständlich müssen diese Dinge auf den Tisch kommen, Gebet ist nötig – und Vergebung. Das ist nicht immer einfach. Aber die Gemeinschaft vertieft sich dadurch. Das spüren die Besucher. Denn wer hierherkommt, der ist willkommen. Spontane Unternehmungen? Im Garten sitzen und „klönen“, wie das hier heißt? Vieles ist möglich. Doch das ist längst nicht alles.

Gemeinschaft leben und geben

Denn die Gemeinschaft soll nicht nur für sich selbst da sein; sie soll den Menschen dienen, die als Gäste kommen, aber auch den Menschen im Ort. Das ist mit ein Grund, warum die Gemeinschaft in Visselhövede einen Second-Hand-Laden betreibt. Mit gebrauchten, gut erhaltenen Stücken, die liebevoll sortiert auf Käufer warten. Gerade sind zwei Frauen da; sie haben sich an den Biedermeiertischen im Laden zusammengesetzt mit den ehrenamtlichen Verkäuferinnen zu einer Tasse Kaffee oder Tee. Es ist fast wie in einem Café. Aber eben ein besonderes; denn die gebrauchten T-Shirts, Hosen, Röcke, Jacken, Kleider gibt es ja auch noch. Die werden gespendet von Menschen, die das Projekt unterstützen.

Eine Kundin erzählt, dass sie so viele Kilo abgenommen hat, dass sie jetzt zwei Kleidergrößen kleiner tragen kann. Aber die fast neuen, jetzt zu großen Hosen einfach wegwerfen? Das komme gar nicht in Frage. Sie wohnt in Süddeutschland, sammelt die zu groß gewordenen Stücke und nimmt sie im Urlaub dann mit in die Lüneburger Heide. „Der Laden ist toll, da will ich helfen.“

Gemeinschaftswochenenden

Ein anderes Angebot sind die Gemeinschaftswochenenden, die regelmäßig im Frühjahr und im Herbst stattfinden. Dazu lädt die Lebensgemeinschaft externe Referenten ein, die zu Themen sprechen wie „Zufriedenheit“. Eingeladen sind insbesondere Singles, sie sollen an solchen Wochenenden ermutigt werden, Gemeinschaft erleben und auch geistliche Impulse für ihr Leben mit nach Hause nehmen.

Mitleben auf Zeit - Klönschnack, Hauskreis und mehr

Im Laufe der Jahre sind die Beziehungen gewachsen. Es gibt viele Stammgäste, die immer wieder kommen. Manche von ihnen haben auch schon ihre Urlaube damit verbracht, beim Streichen oder Tapezieren zu helfen – was halt so anfällt bei zwei Häusern. Mitleben auf Zeit. Das kann man übrigens auch dann, wenn sich der Hauskreis trifft zum gemeinsamen Singen, Beten, Bibellesen. Oder einmal im Monat dienstags um 15 Uhr, wenn das Haus offen ist zum „Klönschnack“ bei Kaffee und Kuchen. Und wer Bewegung möchte, kann zu Pilgertagen kommen oder am wöchentlichen Tanzkurs teilnehmen. Viel Arbeit, neben den fälligen Renovierungen.

Die meisten, die in den Lebensräumen dauerhaft wohnen, sind in Teilzeit berufstätig. Die Angebote der Gemeinschaft betreuen sie in ihrer Freizeit. Gerda Steenblock sagt von sich, dass diese Gemeinschaft nicht nur Berufung sei, sondern auch Hobby und Beruf. Sie hat als Einzige eine Teilzeit-Anstellung beim Trägerverein, anders wäre die Verwaltung gar nicht mehr abzuwickeln. Aber vieles von dem, was sie tut, macht sie in ihrer Freizeit, wie die anderen auch.

Ein kleines Wunder

Dass es die Lebensräume seit zehn Jahren gibt, ist ein kleines Wunder. Denn ein Haus zu kaufen oder zu mieten, kostet viel Geld, dazu kommen noch die ganzen Renovierungsarbeiten. Die Mieteinnahmen aus den Wohnungen sind da ein wichtiger Baustein, wie zinslose Darlehen oder Spenden. In Visselhövede hoffen sie, dass die beiden noch freien Wohnungen bald vermietet werden können. Denn es kommen immer wieder neue Anforderungen auf die Gemeinschaft zu. So müssen beispielsweise um die Häuser herum genügend Parkplätze angelegt werden – für Bewohner und Besucher. „Manchmal denke ich, das Ende ist nicht absehbar“, sagt Gerda Steenblock. Doch dann erinnert sie sich wieder an „ihren“ Bibelvers und lacht. Bis hier her habe Gott sie gebracht. Dann wird es wohl auch gut weitergehen.


◼Weitere Informationen im Internet:www.lebensraeume-online.de

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