Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alleine wandern ist doof

Auch beim Wandern gibt es Mythen, die der Realität nicht standhalten. Jeder kennt Schwärmereien vom schönen Solo-Aufbruch in die Natur, auf dem man so herrlich einsame Ecken entdeckt habe, kein Mensch sei zu sehen gewesen. Dagegen gibt es die Wirklichkeit, in der sich viele sagen: Alleine wandern ist doof.

Wandern in immer wechselnder Gemeinschaft mit awid

Beim Wandern kommt man schnell ins Gespräch. (Fotos: Patricia Neligan)

Alleine Wandern ist doof

Ein Sonntagmorgen am ehemaligen Honauer Bahnhof. Der ist ziemlich groß, und das ist gut so. Denn es ist ein herrlicher sonniger Vormittag, und ein normaler Wanderparkplatz würde die vielen Autos gar nicht fassen, die plötzlich anrollen. Am Ende stehen 44 Frauen und Männer in Wanderausrüstung da und schlagen den Weg ein zu einem Serpentinenpfad hinauf auf den Albtrauf.

Das sieht aus wie der klassische Albvereins- Auslauf, mit Teilnehmern, die alle schon die Treuenadel für langjährige Mitgliedschaft haben. Tatsächlich aber setzt sich da ein Haufen in Bewegung, dem nichts mehr zuwider ist als die Rituale, die sich mit einer Vereinsmitgliedschaft verbinden.

Mitgliedsbeiträge? Mitgliederversammlungen? Kennt Lilo alles. Ihr Vater war im Albverein, der Großvater auch, als Kind ist sie immer mitgenommen worden auf die Wanderungen, als Jugendliche hat sie rebelliert. Dass sie jetzt wieder wandert, hat mit den Menschen zu tun, mit denen sie heute unterwegs ist: „Das Tolle ist die Freiheit hier.“

 

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Bleibe ich im Bett oder gehe ich wandern?

Die Freiheit, am Sonntagmorgen noch zu entscheiden: Bleibe ich im Bett oder gehe ich wandern? Diese Freiheit trifft auf eine absolute Verlässlichkeit: Wenn Lilo wandern will, braucht sie nicht einmal ein Auto, sondern muss nur sonntags um 10 Uhr am Parkplatz eines Tübinger Baumarktes sein. 53 Mal im Jahr gibt es dort eine Mitfahrgelegenheit zu Wandermöglichkeiten, in der Regel im 50-Kilometer-Umkreis um Tübingen.

Dafür sorgt Awid – die Internetgruppe „Alleine wandern ist doof“. Awid ist ein Kind unserer Zeit – nicht nur wegen des Mediums. Awid ist eine Antwort auf die Veränderungen zu einer Single-Gesellschaft, die dann doch wieder Gemeinschaft sucht.

„Von Montag bis Freitag arbeitet man, am Samstag macht man seinen Haushalt, und der Sonntag ist ein toter Tag. Spätestens ab dem Mittag fällt einem die Decke auf den Kopf.“ Das hat Thomas Much gesagt, einer der Awid-Gründer. Vor knapp 15 Jahren hat er das Gefühl kennengelernt, da war er gerade frisch getrennt: „Wir sind ja die Altersgruppe der Scheidungen.“ Um den Kopf frei zu bekommen, kann ein Gang ins Grüne helfen. Much machte Wanderungen mit, die ein Mann gegen Bezahlung anbot – und entschloss sich bald mit einigen Gesinnungsgenossen: „So etwas können wir auch organisieren.“ 2006 war die Geburtsstunde von Awid: Über das Internet werden die Wanderungen bekannt gemacht, wer Lust hat, kommt, zahlt drei Euro und kann sich führen lassen.

Wandern und Beziehung bauen

Ohne Verpflichtungen – aber vielleicht mit Hoffnungen. Zwei Herzen zieren die Internet-Seite von Awid. Die Liebe zur Natur, gibt Thomas Musch zu, war nicht der einzige Grund, warum er sich auf jede Awid Wanderung gefreut hat. Wandern sei schon eine geschickte Gelegenheit, jemanden kennenzulernen: „Wer geht in unserem Alter denn noch in die Disco?“ Wandern ist kein Speed-Dating – man kann sich wortwörtlich Schritt für Schritt an seine Hoffnung herantasten.

Das hat auch geklappt bei ihm, hat auch geklappt bei anderen – aber ist jetzt nicht der einzige Grund, mitzulaufen. Viele kommen auch, weil sie gerne mal rausgehen – und bei Awid komplikationslos andocken können. Und weil Awid sich einen Ruf erarbeitet hat. „Immer neue Leute, neue Ideen, neue Wanderleiter“, sagt eine Teilnehmerin. Es gibt besonders beliebte wie Karl-Heinz Ströhle. Zu seinen Touren kommen immer besonders viele Mitwanderer. Er plant sie minutiös vor, wie die jetzige, die so alles im oberen Echaztal auf der Reutlinger Alb mitnimmt, was es an spektakulären Punkten gibt: die Traifelbergfelsen mit dem Blick hinüber zum Lichtenstein, die Ruine Alt-Lichtenstein, den Lichtenstein selber und als Schlusspunkt vor dem Abstieg die Felskanzel des Gießsteins.

Karl-Heinz Ströhle hat eine typische Awid-Biographie. Vor zehn Jahren ging es ihm gar nicht gut: nach 34 Jahren Ehe die Trennung, und gesundheitlich war er so schlecht beieinander, dass eine Fußamputation drohte. Was die Psyche so herunterzog, dass ein Arzt ihm riet, Sport zu machen.

Wandern - Super für die Gesundheit

Von einem Arbeitskollegen hörte Karl- Heinz Ströhle von Awid – und merkte: das Laufen tut ihm gut. Mittlerweile wandert er fast jede Woche: „Das ist super und bestens für die Gesundheit.“ Und längst hat er so viel Erfahrung, dass er Touren auch selber führt. Was Annegret Schrader freut. Sie ist schon seit den Anfängen von Awid dabei, wie Jörg Ebinger – und die beiden haben sich durch Awid gefunden. Sie sind die rührigen Macher im Hintergrund, ohne die eine Gruppe schnell zerfallen würde.

Annegret Schrader stattet die Neulinge am Treffpunkt mit einem Namens- Button aus, Jörg Ebinger entlastet den Wanderleiter zum Beispiel vom Kassieren. Und dann stemmen die beiden noch die zwei Awid-Feste im Jahr. Vor allem die Silvester-Fete ist schnell ausgebucht.

Bei alledem ist Awid von großer Fluktuation geprägt. Jörg Ebinger weiß das, weil er sich von jedem Neuling einen Haftungsausschluss unterschreiben lässt – und mittlerweile über 600 dieser Formulare abgeheftet hat. Über so eine Mitgliederzahl wäre mancher Verein froh. Das Paradoxe ist: Awid, dieser Zusammenschluss jenseits der üblichen Strukturen, denkt über eine Eintragung ins Vereinsregister nach.

Denn die Verantwortlichen spüren die immer größere rechtliche Verantwortung. Was ist, wenn etwas passiert? Wer haftet, wer zahlt? Bis jetzt ist erst einmal jemand auf Eis so gestürzt, das der Rettungswagen kommen musste (und der Unglückliche ist dann so liebevoll von seiner Nachbarin gepflegt worden, dass die beiden ein Paar wurden – zumindest indirekt also ein Awid-Erfolg). Als Verein kann man das besser über Versicherungen regeln.

Und natürlich stellen sich die Fragen, die jede Gruppe betreffen. Wie kann ihr Bestehen gesichert werden? Irgendwann müssen Jüngere in die Verantwortung.So, wie Annegret Schrader und Jörg Ebinger die Hauptorganisation übernommen haben, als die Gründer um Thomas Much sich zurückgezogen hatten: „Wir haben gesagt, wir lassen das nicht sterben.“ 

www.alleinewandernistdoof.de

 

 

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