Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Fest, viele Traditionen

Erntedank wird dieses Jahr am Sonntag, 4. Oktober, gefeiert. Meistens wenigstens, denn tatsächlich gibt es keine genauen Vorschriften darüber. Das Fest ist in Deutschland nämlich weder ein gesetz- licher Feiertag noch gibt es verbindliche kirchliche Regelungen. 

 

Reich gedeckter Tisch mit Gaben: Die meisten Gemeinden feiern am ersten Sonntag im Oktober Erntedank. (Foto: epd-bild)

Dass Menschen Gott oder ihren Göttern für die Ernte danken, ist ein sehr alter Brauch. Sie taten es schon in vorchristlicher Zeit. Sowohl aus Nordeuropa, dem Nahen Osten als auch dem Römischen Reich sind ähnliche Riten bekannt. Auch in anderen Kulturkreisen wie Süd- oder Ostasien haben sich Traditionen entwickelt, in denen Menschen für eine gute Ernte beten. In früheren Zeiten war der Ernteertrag eine sehr existentielle Sache. In der römisch-katholischen Kirche sind Erntedankfeste seit dem 3. Jahrhundert belegt. Einen einheitlichen Termin gab es nicht, da die Ernte je nach Klimazone zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten eingebracht wurde. Erst 1972 legte die deutsche katholiche Bischofskonferenz den ersten Sonntag im Oktober fest, ohne dass er für die Gemeinden verpflichtend wäre: Erntedank ist kein elementarer Bestandteil des Kirchenjahres, man könnte es auch ausfallen lassen, wenn man wollte.

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Das ist im Grunde bei den Evangelischen nicht anders. Auch hier bewegt sich die Erntedank-Regelung im Bereich der Empfehlungen. 2006 wurde von der EKD ein Liturgisches Kalendarium beschlossen, das den Erntedank auf den ersten Sonntag nach Michaelis legt. Es sei denn, der am 29. September stattfindene Michaelstag fiele auf einen Samstag. Ergo: Auch bei den Protestanten in Deutschland wird in aller Regel am ersten Oktober-Sonntag gefeiert.

Weicht eine Gemeinde davon ab, kräht normalerweise aber auch kein Hahn danach: So lädt die Waiblinger Michaelskirche 2020 bereits am 27. September zum Erntedank-Gottesdienst ein, „aus rein praktischen Gründen, weil der Termin besser gepasst hat,“ wie Dekan Timo Hertneck versichert. An der Mosel wiederum feiern manche Gemeinden sogar erst Mitte November nach Abschluss der Weinlese.
Gleichwohl hat sich in evangelischen Gegenden der Sonntag nach Michaelis als Erntefesttag durchgesetzt. Der Michaelistag am 29. September war ein beliebter Pacht- und Zahltag, Knechte und Mägde aus weiter Umgebung kamen zusammen, bekamen ihren Lohn und feierten anschließend. Der Tag markierte den Abschluss der Aussaat im Herbst und den Beginn einer Jahreszeit, in der die Nächte wieder länger wurden als die Tage.

Preußenkönig Friedrich der Große legte den Sonntag nach Michaelis 1773 sogar gesetzlich als Erntefeiertag fest. Eine staatliche Regulierung, die in Deutschland allerdings eher die Ausnahme war: Erst die Nationalsozialisten vereinnahmten das Erntedankfest wieder für ihre Zwecke und machten daraus eine landesweite Blut-und-Boden-Zeremonie, 1934 wurde daraus sogar ein gesetzlicher Feiertag.

In den letzten Jahrzehnten hat das Erntedankfest immer mehr an Bedeutung verloren. Zwar gibt es lokal unterschiedliche Gepflogenheiten und vereinzelt auch Feste und Umzüge – in den allermeisten Fällen ist es jedoch kein Großereignis mehr, weder kirchlich noch weltlich.

 

 

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