Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erbauung und Zerstörung (47) - Schöne, informative Wanderwege

LAUTERN (Dekanat Schwäbisch Gmünd) – Der Wanderweg „Fromme Zeugen zwischen Rosenstein und Pfaffensturz“ ist einer der 20 Glaubenswege in den Landkreisen Göppingen und Ostalb. Im Dorf Lautern können Wanderer eine der schönsten Landkirchen entdecken. Geprägt hat die Gegend über lange Zeit aber auch der Gegensatz der Konfessionen.

Lautern - Der Ort ist seit 1971 Teil der Gemeinde Heubach.

Die Burg der Familie Woellwarth darf heute nicht mehr betreten werden. Foto: Wolfgang AlbersDie Burg der Familie Woellwarth darf heute nicht mehr betreten werden. Foto: Wolfgang Albers

Für eine Kirche ist die Szene verstörend brutal. Ein Mann liegt rücklings auf dem Boden, ein anderer schnürt ihm die Hände zu. Ein vornehm gekleideter Mann steht daneben und weist den Fessler an: „Ja, genau diesen.“ Eine Festgesellschaft an einem Tisch mit erlesenen Speisen schaut amüsiert-interessiert zu, einer klatscht Beifall. Dieses Bild ist an der Emporenbrüstung der Kirche Mariä Himmelfahrt in Lautern zu sehen. Es illustriert das Gleichnis von der königlichen Hochzeit aus dem Matthäusevangelium und den Moment, als der König einen Gast ohne Festgewand entdeckt: „Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Als dieses Bild vermutlich im 19. Jahrhundert in der Lauterer Kirche gemalt wurde, hatte es eine klare Botschaft an das Bauernvolk, das vielleicht nicht immer so theologisch hochgestimmt in die Kirche schlurfte: Es mahnte sie, in rechter seelischer Einstellung zum Gottesdienst zu kommen.

Das Bild wird nie im Olymp der Kunst landen. „Weniger bedeutend“, urteilt der Kirchenführer. Und doch wirft es ein Licht auf den oft eher stiefmütterlich behandelten Bereich der Volksreligiosität. Denn wenn man genauer hinschaut, gibt es durchaus einiges zu entdecken. Dieses fördern will der Glaubensweg „Fromme Zeugen zwischen Rosenstein und Pfaffensturz“ – einer von 20 Glaubenswegen aus einem interkommunalen Projekt der Landkreise Ostalb und Göppingen.

Die ganze Welt unter dem Kreuz

Der Start führt erst mal in die Kirche Mariä Himmelfahrt. Am Ende des 18. Jahrhunderts, als Barock und Rokoko in den Klassizismus übergingen, hat der Schwäbisch Gmünder Michael Keller diesen harmonischen Bau geschaffen, eine der schönsten Landkirchen weit und breit.

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In ihrem Bildprogramm nutzt sie das ganze Repertoire von der frommen Erbauung bis zum spektakulären Schauen. Den Besuchern war nicht nur der Blick in himmlische Sphären geboten, sondern auch auf rdische Sensationen. Die Bauern kamen ja normalerweise kaum aus ihrem Dorf hinaus. Ein Golgatha-Bild, auf dem eine furchterregende Schlange Christi Sieg über das Böse symbolisiert, ermöglichte ihnen die Schau ferner Welten. Weil Christi Erlösungstat ja allen Menschen gilt, versammeln sich auch exotische Bewohnerinnen oder Bewohner Afrikas, Amerikas und Asiens unter dem Kreuz. Ein Turban türmt sich auf dem Haupt, federnumkränzt ist ein anderes, und die Hautfarben sind dunkel bis tiefschwarz.

Aber eine Kirche war ja nicht nur Kino, sondern auch pädagogische Anstalt, und so zeigt ein anderes Bild den heiligen Isidor. Der schreitet, weil die Glocke zur Messe läutet, fromm zur Kirche und lässt seinen Pflug samt Ochsen auf dem Acker stehen. Und schon kommt die himmlische Belohnung: Ein Engel springt ein und leitet das Gespann.

Lappertal, Lauter. Foto: Wolfgang AlbersLappertal, Lauter. Foto: Wolfgang Albers

Uns ruft jetzt der Wanderweg. Wir laufen aus dem Ort hinaus ins Lappertal. Die Lauter hüpft neben unserem Weg Tuffsteinstufen hinunter. Der Bach teilt den Ort – und markierte einst auch Konfessionsgrenzen. Eine Hälfte des Ortes gehörte zum katholischen Heilig-Geist-Spital in Schwäbisch Gmünd. Die Ortsherrschaft hatte aber auch die Familie Woellwarth vom nahen Schloss Hohenroden, die sich der Reformation angeschlossen hatte. Eine gemeinsame Dorfordnung versuchte, die Gegensätze auszugleichen.

Vorerst sind wir im katholischen Teil unterwegs, kommen an einem Marienschrein vorbei, aufwändig aus Felsen zwischen zwei Bäume errichtet. Bald steigt der Weg an, hinauf auf die Hochfläche des Rosensteins. Eine reine Waldpassage, und das bleibt auch so, als wir nach Süden abbiegen. Kaum treten wir ins Freie, sehen wir auch schon die Häuser von Lauterburg vor uns. Hier hatten die Woellwarths ein Schloss. Wenn man heute durch den Torbogen ins Innere tritt, kommt man nicht weit. „Einsturzgefahr“ warnt ein Schild, und beim Anblick der ruinösen Mauern glaubt man das sofort. 1732 hat ein Brand die Burg zerstört.

Wegmarkierung Glaubswege Foto: Wolfgang AlbersErhalten geblieben ist die evangelische Kirche, die Georg Wolf von Woellwarth 1607 bauen ließ. Ein massiver Turm, schmale und hohe Fenster – die Kirche war in den Verteidigungsring der Burg einbezogen, eine Wehrmauer wird heute als Gemeindehaus genutzt.

Der Stifter ist auf einem großen Bild im Kircheninneren verewigt. Mit seiner Frau Anna kniet er, zehn Kinder reihen sich dahinter auf. Eine Fiktion: Kreuze auf den Köpfen zweier Töchter und eines Sohnes und Totenköpfe in ihren Händen zeigen, dass sie schon jung gestorben sind. Und auch der Vater überlebte seinen Kirchenbau nur um fünf Jahre, er starb mit 49 Jahren.

Wegmarkierung Glaubswege Foto: Wolfgang Albers

Der Tod kam bald reichlich über diese Gegend. Zwar kamen Katholiken und Protestanten hier auf lokaler Ebene miteinander aus, aber die großen Mächte nicht. Der Dreißigjährige Krieg raste durch die Region und – eine Tafel in der Kirche berichtet es – schonte auch Geistliche nicht. Friedrich Wenig, der auch in Lauterburg predigte, rissen katholische spanische Soldaten im Nachbarort von der Kanzel und erschossen ihn.

Was Kriegsverbrechen anging, schenkten sich beide Seiten nichts. Wir sehen es bald. Unser Weg führt uns in einem Bogen wieder nach Norden (unterwegs am Wohnmobil-Parkplatz Hirtenteich ein weiter Blick Richtung Aalen) zu einer Aussichtskanzel. Gegenüber hängt die Rosenstein-Ostwand, eine der mächtigsten Felsmauern der Alb, über dem Tal, nach Norden hin wellt sich das Vorland zum Horizont.

Ein mächtiges Kreuz reckt sich empor, „Pfaffensturz“ steht daran. Hier sollen reformatorische schwedische Soldaten den Pfarrer von Lautern in ein Holzfass gesteckt und in den Abgrund gestoßen haben. Man kommt ins Grübeln: Ist der Name nicht ein bisschen zynisch?

Das Kreuz am „Pfaffensturz“ Foto: Wolfgang AlbersDas Kreuz am „Pfaffensturz“ Foto: Wolfgang Albers

Der Weiterweg holt noch einmal in einem großen Bogen aus. Wo er in die Wiesen oberhalb Lauterns übergeht, empfiehlt der Glaubensweg einen Abstecher. Man muss einige hundert Meter nach rechts am Waldrand entlang und stößt wieder auf eine Art Kapelle, etwas versteckt unter den Bäumen.1953 steht als Baujahr eingraviert. Mehr Informationen gibt es nicht.

Wo der Krieg besonders wütete

Zum Schluss läuft man an der Lauter entlang zurück zur Kirche. Auffällig der viele Blumenschmuck – das passt zum Ort, der auch als Gärtner-Dorf gilt. Angefangen mit diesem Geschäftszweig hat Anfang des 19. Jahrhunderts der Lehrer Clemens Breuling, der als Zusatzverdienst Nelken züchtete und ihren Samen schließlich weltweit verkaufte. Im Vorraum der Kirche preist ihn eine Tafel: „Ein Lehrer wohl verdient/ um Schul und Haus des Herrn,/ bald 40 Jahr bemüht/ zu legen edlen Kern.“ □

◼ Der Weg ist rund 13 Kilometer lang, etwa 300 Höhenmeter sind zu überwinden.