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Im Wald „baden“ - Erholung für Körper, Geist und Seele.

Erholung für Körper, Geist und Seele: Wie gut das Schlendern im Wald zur Vorbeugung gegen Krankheiten und für ein starkes Immunsystem ist, wissen japanische Wissenschaftler schon lange. Allmählich spricht sich das auch bei uns herum: Waldbaden liegt im Trend.

Wald erleben mit allen Sinnen. Foto: ASHIK S R, PixabayWald erleben mit allen Sinnen. Foto: ASHIK S R, Pixabay

Schattierungen in Grün und Braun von Farnen und Moos, Fichten und Buchen – sanft rascheln die Blätter im Wind. Die Waldluft ist angenehm schattig und kühl. Hineinhören in die Stille des Walds, wo Grillen leise zirpen, Fliegen summen und Vögel in der Ferne zwitschern: Acht Frauen und zwei Männer haben sich im Karlsruher Oberwald zum „Waldbaden“ begeben. Damit ist nicht das Planschen in einem Waldsee gemeint, sondern das Eintauchen in die Atmosphäre des Walds. Sie steigen über einen dicken Ast, folgen schweigend einem schmalen Pfad. Sie ziehen die Schuhe aus und laufen ein Stück barfuß über den kühlen Waldboden. Unter den Fußsohlen spüren sie trockene und feuchte Erde, spitze Steinchen und kratzige Tannennadeln, aber auch weiche Gräser und Moos.

Beim Waldbaden muss niemand Bäume umarmen

„Wir verweilen achtsam im Wald. Dabei entschleunigen wir, aktivie-ren die Sinne und entspannen“, so erklärt Daniela Schneider das Waldbaden. Die Waldpädagogin leitet das Angebot der Volkshochschule in Karlsruhe. Anders als beim Spaziergang, Joggen oder Gassigehen mit dem Hund müsse kein Ziel erreicht werden: „Die Gedanken und unser Geist sind da, wo der Körper gerade ist.“

An einen ihrer ersten Teilnehmer beim Waldbaden kann sie sich noch gut erinnern: „Da muss ich doch bestimmt Bäume umarmen“, habe dieser misstrauisch gesagt. Kurz darauf überraschte er alle, indem er als Erster einen Baum umarmte. „Keiner muss Bäume anfassen beim Waldbaden“, betont die zierliche Frau mit den kurzen rotbraunen Haaren.

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Vielmehr gehe es beim „Shinrin-Yoku“, japanisch für „Baden in der Waldluft“, um Entspannung und Stressabbau. „Waldluft hat bis zu 95 Prozent weniger Staubteilchen als Stadtluft und ist Balsam für unsere Atemwege, die Lunge kann regenerieren. Außerdem ist die Wirkung aufs Immunsystem wissenschaftlich nachgewiesen“, erklärt Schneider.

Entspannung will auch die 35-jährige Judith in ihren Alltag als Erzieherin bringen. Deshalb hat sie sich dieses Volkshochschul-Angebot ausgesucht. Der 45-jährige indischstämmige Ingenieur Dapda zieht seine graue Kappe ab und lehnt seine Stirn minutenlang an den glatten Stamm eines Ahorns. Für ihn sei es wichtig, Stress abzubauen, sagt er. Seine Frau Sonu – im Kurs nennen sich alle nur beim Vornamen – genießt währenddessen strahlend das Bad in der Waldluft.

Waldbaden tut der Seele gut. Foto: Silvia Rita, PixabayWaldbaden tut der Seele gut. Foto: Silvia Rita, Pixabay

Entstanden ist das Waldbaden zunächst nur als Marketingidee in Japan, um mehr Menschen in die Wälder zu locken. Ein Aufenthalt im Wald – egal, wie man ihn nennt – wirkt sich nachweisbar positiv auf die Gesundheit aus. Das hat der stellvertretende Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Feldforschung an der japanischen Chiba Universität, Yoshifumi Miyazaki, bereits in den 80er-Jahren erforscht.

Ein drei- bis vierstündiger Spaziergang im Wald ist demnach gut für das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege und die Psyche. So sinkt der Anteil des Stresshormons Cortisol, die Pulsfrequenz verringert sich, der Blutdruck geht hinunter. Durch Speichel- und Blutproben sowie Messung der Hirnaktivität vor und nach einem „Waldbad“ konnten Wissenschaftler um den japanischen Immunologen Qing Li zudem Veränderungen im Immunsystem nachweisen. Der Professor an der Nippon Medical School in Tokio und Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft der Natur- und Waldmedizin spricht daher auch von Waldtherapie.

Zudem mobilisiert ein Aufenthalt im Wald seinen Studien zufolge die körpereigenen natürlichen Abwehrzellen und sogar Krebs-Killerzellen. Verantwortlich dafür seien die sogenannten Terpene, Substanzen, mit denen Pflanzen kommunizieren. Auch die ätherischen Öle in der Waldluft wirken positiv. Daher überrascht es nicht, dass „Shinrin-Yoku“ im japanischen Gesundheitswesen fest verankert und ein anerkannter Forschungszweig ist.

Diese Effekte will auch der Heringsdorfer Küstenwald auf Usedom nutzen und macht Werbung als „erster Kur- und Heilwald Europas“. Das Bundeswaldgesetz macht es möglich: Es garantiert nicht nur allen Bürgern den freien Zugang zum Wald – auch zu Wäldern in Privatbesitz –, die Bundesländer können auch eigene Wege gehen und sich „Abweichungsrechte“ vom Bundesgesetz sichern. Als erstes deutsches Bundesland hat Mecklenburg-Vorpommern den Trend zu „Waldbaden & Co.“ aufgegriffen und in sein Landeswaldgesetz die Möglichkeit aufgenommen, „Heilwälder und Kurwälder“ auszuweisen.

Innehalten und tief durchatmen beim Waldbaden

Die Sache ist natürlich auch ein schönes Instrument zur Förderung des Kur- und Bädertourismus: Der Impuls kam aus dem Ostseebad Heringsdorf. Schon um 1900 warb der Ort mit seiner einzigartigen Kombination von Wald- und Seeklima. Heute spricht man von der „staubfreien und allergenarmen Luft, dem Spiel von Licht und Schatten sowie dem milden Reizklima mit wechselnder bioklimatischer Intensität (Seebrise)“, die ein heilsames „ganzheitliches Wohlbefinden für Körper, Geist und Seele“ ermöglichten.

Die medizinischen Fakten überraschen den 66-jährigen Kursteilnehmer Martin. Am Anfang findet es der Ruheständler „etwas gewöhnungsbedürftig“, unter Anleitung einer Waldpädagogin schweigend durch den Wald zu laufen. Aber dann genießt er die Ruhe.

Stimmungsvoller Wald. Foto: jplenio, PixabayAuftanken im Wald. Foto: jplenio, Pixabay

Doch bleibt die Frage: Braucht man wirklich einen Kurs im „Waldbaden“, um den Wald zu genießen? Eigentlich sei gar keine Anleitung nötig, sagt auch Leiterin Schneider. Die meisten Menschen aber hätten verlernt, „absichtslos“ durch den Wald zu schlendern und ihre Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Das geht an der Ostsee und im Bayerischen Wald ebenso gut wie in jedem Stadtwald: innehalten, Augen schließen und tief durchatmen. Den Duft ätherischer Öle riechen, den nussigen Geschmack von Brennnesselsamen kosten oder die raue Rinde einer Eiche fühlen – und vielleicht auch mal einen Baum umarmen.

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