Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nah beim Glück

Wer Dankbarkeit übt, kommt schnell in ein Lebensgefühl, das nahe beim Glück wohnt. Die Bibel berichtet von Menschen, die diese Haltung kultiviert haben, selbst in schlechten Zeiten. Davon können wir lernen – und uns darin üben, danke zu sagen.

Dass Obst wächst und Beziehungen gelingen: Wer das nicht für selbstverständlich hält, erlebt viel Freude. (Foto: Luise/pixelio)

Als ich Kind war, bekam ich bei jedem Metzger-Besuch von der Verkäuferin eine Scheibe Lyoner über die Theke gereicht. Meine Mutter sah mich an und fragte: „Wie sagt man?“ Ich antwortete: „Danke.“ Schön war es, wenn wir Kindergartenkinder mit unseren Erntekörbchen am Erntedankfest in die Kirche einzogen. Den Korb am Altar abzustellen, war ein großer Augenblick. So wurde in meiner Kindheit eine Kultur der Dankbarkeit eingeübt. Bleibt ein „Dankeschön“ vom Beschenkten aus, kann es bisweilen anstrengend werden. Das habe ich als Erwachsener miterlebt. Ich feierte Weihnachten bei Freunden. Dort packte ein kleiner Junge das Weihnachtsgeschenk seiner Tante aus und sagte, ohne das Geschenk genauer angesehen zu haben: „Den Scheiß kannst du behalten.“ Dieser Satz unter dem Christbaum war grob. Bitter fand ich, dass der Junge das Geschenk gar nicht richtig angesehen hatte. Wer nicht gelernt hat zu danken, der hat es beim Staunen schwer. Dank gegenüber Gott nimmt in der Bibel einen viel größeren Raum ein als der Dank zwischen Menschen. Dank ist die Antwort des Geschöpfs auf das rettende und lebensförderliche Handeln des Schöpfers. So dankt Lea für die Geburt ihres Sohnes Juda (1. Mose 29,35). Auch der Prophet Jona singt nach seiner Rettung aus Todesgefahr ein Danklied für Gott (Jona 2).

 

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Loben, preisen, bekennen

Noah dankt für die Bewahrung durch die Sintflut hindurch mit einem Dankopfer. Mose stimmt nach der Rettung durchs Schilfmeer ein Lobund Danklied für die Rettung durch Gott an: „Ich will dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Im Hebräischen gibt es für das deutsche Wort „danken“ in unserem Sinne keine eigenständige Vokabel. Die Verben, die dem Begriff „danken“ am nächsten kommen, meinen im Alten Testament „loben, preisen, bekennen.“ Oft kommt das Motiv des Dankes im

Zusammenhang mit dem Lob- und Dankopfer vor. So etwa im Psalm 50: „Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde, und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen“ (Psalm 50,13). Einen Schwerpunkt im Blick auf Dank und Dankbarkeit gegenüber Gott bilden die Dankpsalmen (Psalm 9, 30 oder auch 107), die wohl ursprünglich Dankopfer am Tempel begleitet haben. Formulierungen wie: „ich will dir danken – ich will dich loben auf ewig“ (Psalm 30,13; Psalm 52,11; Psalm 79,13) lassen Dankbarkeit zum Grundmotiv auch und gerade für das zukünftige Leben werden. Dankbarkeit bezieht sich nicht nur auf das, was geschehen ist, sondern auch und vor allem auf das, was kommt. So wächst aus dem Dank Hoffnung auf das zukünftige Kommen und Eingreifen Gottes. Diese Hoffnung findet sich auch in Klagepsalmen mit ihrem Dreischritt: Klage – Bitte – Dankversprechen (beispielsweise Psalm 22). Klage und Danken schließen sich also

nicht aus. Dass der Psalter mit fulminanten Lobliedern endet, macht deutlich, wo der Schwerpunkt liegt: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“ (Psalm 150). Als Jugendlicher habe ich mich gewundert, warum so viele Kirchenlieder zum Danken aufrufen: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen“ (EG 321). „Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht dankbar sein?“ (EG 325). „Danket, danket dem Herrn, denn er ist sehr freundlich“ (EG 336). Mir leuchtete nicht ein, warum man sich jeden Sonntag gegenseitig zum Danken ermuntern sollte. Viel später hörte ich diesen Satz, als ich eine Jubilarin zu Hause besuchte: „Ja, Herr Pfarrer, man muss halt dankbar sein.“ Je länger das Gespräch dauerte, desto mehr wurde deutlich, dass dies nur ein leeres Gerede war. Aber Dankbarkeit ist weit mehr als eine lästige Pflicht und eine schmucke Fassade. Ganz bitter ist es, wenn Dankbarkeit süßlich daherkommt, also wenn sie übertrieben oder pathetisch aufgeblasen ist. Dankbarkeit ist vielmehr ein tiefes Lebensgefühl, das nahe beim Glück wohnt.

Übung im Alltag

Darum muss man Dankbarkeit immer wieder einüben und dem Leben abtrotzen. Mit unseren Kindern hatten wir am Abend ein Ritual, das „Sagen, was schön war“ hieß. Gemeinsam überlegten wir, was an dem Tag schön war: das Wasser im Mineralbad, der Apfelkuchen mit extra viel Sahne, die Reparatur des Fahrrads, die Geburt der Katzenjungen. Dann folgte das Dankgebet. Viele Christen pflegen auch die Kultur des Tischgebets. So hielt es schon Jesus mit seinen Jüngern (Mt 26,26), aber auch der Apostel Paulus (Apostelgeschichte 27,35). Das Tischgebet übt das Danken im Alltag ein. Wer dankt, weiß, dass es nicht selbstverständlich ist: nicht der gemeinsame Beginn des Essens, nicht der gefüllte Teller Linsensuppe, nicht die Tischgemeinschaft. Wer dankt, macht sich selbst klar, dass die Lebensmittel erzeugt werden mussten und dass jemand gekocht hat. Zudem unterbricht das Dankgebet alles Reden und Streiten, das es in einer Familie bisweilen kurz vor dem Mittagessen gibt. Allen Streithähnen wird damit klar: Es gibt noch mehr als unser menschliches Gezerre. Wenn Freunde beim Tischgebet dabei sind, ist das Beten den Kindern manchmal peinlich. Den Gästen gefällt meist dieser Ritus der Unterbrechung.

Das Herz wird weit

Später als Pfarrer bin ich mehrfach Menschen begegnet, die für einen guten Zweck hohe Summen spenden wollten. Stets begegnete mir bei meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern tiefe Dankbarkeit. Aber seltsamerweise fiel in den Gesprächen das Wort Dankbarkeit oft gar nicht. Da waren das Wissen und die Erfahrung, dass das Leben brüchig ist, und gleichzeitig die Freude, wie das Leben so gut verlaufen war. Ein Spender sagte zu mir: „Ich bin als Einziger in meiner Klasse aus dem Krieg heimgekommen. Alles hätte auch ganz anders laufen können.“ Eine Frau sagte: „Ich will ein wenig zurückgeben von dem, was mir der Herrgott geschenkt hat.“ Der englische Philosoph und Staatsmann Francis Bacon (1561 – 1626) hat treffend gesagt: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Für Schweres danken

Soll der Gläubige nur für das Gute und Schöne danken oder auch für das Schwere und Herbe? Als Hiob vom Tod seiner Kinder erfährt, sagt er: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1,21). Nichts soll ihn von Gott trennen. Eduard Mörike wollte sogar alles, was Gott gibt, vergnügt annehmen: „Herr! schicke, was du willt, / Ein Liebes oder Leides; / Ich bin vergnügt, dass beides / Aus deinen Händen quillt.“

In der Extremsituation der Gefangenschaft schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer im Dezember 1944: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Aber oft gibt es im Leben nicht nur schwarz und weiß, sondern auch viele Grautöne. Nicht vergessen werde ich die Sätze, mit denen ein Pfarrer eine Beerdigung eröffnete. Er sagte: „Die Rückseite der Trauer über XY ist die Dankbarkeit darüber, dass XY unser Leben reich gemacht hat.“ Schließlich warnt der Theologe Fulbert Steffensky vor totalen Setzungen: „Die Süße des Lebens liegt nicht im ganzen Gelingen. Wir sind Fragment. Wir kommen unsere Lebenstreppen nur halb hinauf. Es gibt ein englisches Kinderlied, das uns gut beschreibt: „Auf halber Treppe sitzen wir, es ist nicht oben, nicht unten. Auf halber Treppe sitzen wir.“ Dankbarkeit also für die Hälfte der Treppe, die wir erstiegen sind. Es ist nicht nichts und es ist nicht alles. Gott ist ganz, und das genügt.“ □

 

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