Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schöne und informative Wanderungen - Der Ritter und die Mönche (Teil 30)

BERLICHINGEN / SCHÖNTAL (Dekanat Künzelsau) – Sowohl der Geburtsort des Götz als auch sein Grab können auf einem der „Pfade der Stille“ im Jagsttal besucht werden. Auf dem Weg zu sehen sind auch der größte jüdische Friedhof in Nordwürttemberg und das prächtige Kloster Schöntal. Eindrücke von einer Wanderung im vergangenen Herbst.

Idylle am Jagstufer. Foto: Wolfgang AlbersIdylle am Jagstufer. Foto: Wolfgang Albers

Ja, der berühmte Götz stammt von hier. Die Burg in Berlichingen, ein turmartiges Steinhaus, war wohl um 1480 Geburtsort des Ritters mit der eisernen Faust. Aber der kampfessüchtige Haudegen ist nur ein kleiner Grund für den Pfad der Stille „Ritter und Mönche“, der uns ins schöne Jagsttal führt: Die religiösen Themen stehen im Vordergrund.

Das sieht man schon am Startplatz – los geht es vom Kloster Schöntal. Die Besichtigung verschieben wir auf das Ende der rund dreistündigen Tour – erst mal verschaffen wir uns wandernd einen Überblick.

Und laufen über die steinerne Jagstbrücke mit ihren fünf Bögen, im Jahr 1609 wurde sie gebaut. Die Jagst darf einigermaßen verschont vom Wasserstraßen-Ausbau vor sich hin fließen, eine ganze Reihe von Landschafts- oder Naturschutzgebieten säumen ihre Ufer.

Uns nimmt ein steiler Grasweg auf. Einige Biegungen im lichten Wald, dann treten wir schon auf die Wiesen einer Anhöhe, in deren Mitte ein steinerner Rundbau steht. Der Storchenturm. Die Mönche des Klosters nutzten ihn als Ausguck, aber auch Götz von Berlichingen hatte hier seine Leute, die ihn warnen sollten. Hinaufsteigen kann man nicht mehr, aber auch so sieht man vom Ort gut hinüber auf den Klosterkomplex und die Hänge und Schleifen des Jagsttales. Und muss sich dann etwas unterhalb des Turmes halten, Richtung Waldrand im Westen.

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Die Pfade der Stille werden teilweise neu konzipiert – als wir auf diesem Pfad unterwegs waren, war die Beschilderung lückenhaft. Zur Orientierung möge man sich deshalb den Flyer „Ritter und Mönche“ ausdrucken oder aufs Smartphone laden (QR-Code am Rande dieser Gemeindeblatt-Seite) – mit der Karte dort findet man sich dann zurecht. Und kommt in den unteren Teil der Schelmenklinge, auf die Uferwiesen an der Jagst und schließlich an den Fluss selbst. Über die Berlichinger Brücke wechseln wir wieder ans andere Jagstufer. Dort ist ein kleines Freizeitgelände: Uferwiesen, Bänke, ein kleiner Steg – ein schöner Pausenplatz, auch wenn die bisherige Strecke kaum fordernd war.

Die Jagst darf vor sich hin fließen

Aber danach geht es durch den Ort, immer aufwärts. Man kann einen Blick auf die Burg der Berlichinger werfen (immerhin bis 1953 im Besitz der Familie), sieht den Götz als Fresko an der Wand einer Brennerei – mit seiner eisernen Hand serviert er eine Runde Schnaps. Auch die Gemeinde erinnert an ihren berühmtesten Bewohner: eine steinerne eiserne Hand, ein bisschen wuchtig geraten, daneben das Zitat, das dank Goethe zu den bekanntesten der Literatur gehört.

Aufpassen: Laut Karte müssten wir bis ans Ortsende aufsteigen, aber schon am Friedhof lotst uns ein Schild in den Friedhofsweg. Er geht in einen Waldpfad über, an den Steinmauern dort erkennen wir, dass hier ehemalige, längst überwachsene Weinbergterrassen sind. Eine schöne, stille Passage, die in einen Weg am Waldrand mündet und bald in eine Kreisstraße.

Hier gehen wir nach links, also weg von der Straße. Und stehen an einem Baum mit Wegzeichen: Zwei Pfeile stehen zueinander. Das sieht ein bisschen rätselhaft aus, heißt aber: Wir können beide Wege nehmen, die sich ab dem Baum gabeln.

Wir halten uns links und kommen über freies Feld an eine eingezäunte Waldecke – und sehen viele, viele Steine mit hebräischen Schriftzeichen. Wir sind am jüdischen Friedhof Berlichingen, dem größten in Nordwürttemberg. 1251 Grabsteine verteilen sich unter dem Blätterdach eines großen Haines, manche sind schon in die Baumstämme eingewachsen. Verwittert und oft auch geneigt sind sie ein Symbol der Vergänglichkeit – aber auch des Schicksals des einst so bedeutenden deutschen Judentums.

Berlichingen, jüdischer Friedhof. Foto: Wolfgang AlbersBerlichingen, jüdischer Friedhof. Foto: Wolfgang Albers

Ein jüdisches Grab gehört dem Toten für alle Zeit, kein Grab darf mehrmals belegt werden. Und so ist der Friedhof, der 1623 erstmals in einer Urkunde erwähnt ist, über Jahrhunderte gewachsen, auf über 2000 Grabstätten. Der älteste Grabstein wird auf das Jahr 1662 datiert, die letzte Beerdigung war im Jahr 1940. Kurz darauf lebte kein Jude mehr in dieser Region – 1942 verschleppten die Nationalsozialisten alle, die nicht rechtzeitig geflohen waren, in die Vernichtungslager.

Die Berlichinger Juden, deren Vorfahren aus Spanien vertrieben worden waren, sind vom Berlichinger Adel in den Ort geholt worden und machten das Dorf zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum. Sie waren als Händler in ganz Süddeutschland unterwegs, vor allem der Viehhandel war ihre Domäne. Und sie waren strenggläubig, aus dem kleinen Ort entstammten berühmte Rabbinerdynastien. Auf die Einhaltung der Gebote wurde streng geachtet, ohne Rücksicht auf den Stand. Im Jahr 1890 kam der Bezirksrabbiner aus Mergentheim, um in der Synagoge einen Gottesdienst zu halten – und wurde von zwei Berlichingern gesehen, wie er eine Zigarre rauchte. Sabbatentweihung: So lautete die Beschwerde vor der Königlichen Israelitischen Oberkirchenbehörde.

Zwei Gaststätten, der „Löwen“ und die „Krone“, waren jüdisch geführt und boten koscheres Essen. Und eine jüdische Jugendherberge lockte viele jüdische Jugendgruppen. Eine Annonce in der Zeitschrift „Der Israelit“ warb noch für das Jahr 1938 unter der Devise „Fröhliche Ferien im Gebirge“ für Freizeiten in Berlichingen. Den Ort hatte die Zeitschrift im Jahr 1937 so dargestellt: „Vor fast jedem Haus befindet sich ein großer schöner Misthaufen, neben beinahe jedem Haus ist ein Stall mit Kühen oder Pferden sowie Geißen. Die meisten Nichtjuden sind Bauern: schlichte, einfache und außerordentlich gemütliche Menschen.“ Aber es waren dann auch Berlichinger SA-Leute, die im November 1938 mit Äxten und Ochsenziemern zur Synagoge marschierten und diese verwüsteten.

Der Verfasser des Berlichingen-Lobes empfiehlt ausdrücklich den Besuch des Klosters Schöntal – weil dort über dem Portal der Kirche die vier goldenen hebräischen Buchstaben für Jahwe angebracht sind. Dorthin gehen wir jetzt. Vom Friedhofseingang nach links, zu einem Steinbruch. Wir folgen rechts diesem gigantischen Loch, kommen wieder an die Gabelung und an die Kreisstraße. Hinüber, ein paar Meter nach rechts und links auf einen breiten Feldweg. An dessen Ende links in den Querweg, die nächste Einmündung scharf rechts, dann den nächsten Weg links bis zum Waldrand. Etwas nach rechts und den Waldweg hinunter nach Kloster Schöntal.

Kloster Schöntal,  Knittelverse des einstigen Abts. Foto: Wolfgang AlbersKloster Schöntal,  Knittelverse des einstigen Abts. Foto: Wolfgang Albers

Kloster Schöntal - Knittelverse im ganzen Klosterareal

Jetzt schauen wir uns um. Was als dem einfachen Leben verpflichtetes Zisterzienserkloster begann, präsentiert sich heute als prächtige Barockanlage. Ihr Erbauer, Abt Benedikt Knittel, ist zwar nicht der Erfinder der Knittelverse genannten Paarreime, aber er hat das ganze Kloster damit ausgeschmückt (selbst den Eingang zur Toilette). Schon über dem Kircheneingang nahm er eine Heilung Jesu zum Anlass, zu mahnen: „Folg diesem Exempel des danckbaren Lahmen/ verehre im Tempel den göttlichen Nahmen. Amen!“ Der lateinische Vers spielt noch mehr mit der Sprache und baut ein Echo ein.

Kloster Schöntal. Foto: Wolfgang AlbersKloster Schöntal. Foto: Wolfgang Albers

So hochkatholisch Schöntal war, 1802 fiel es an das protestantische Württemberg. Und Schöntal wurde, bis 1975, zu einem der Evangelischtheologischen Seminare im Land. Hier wurde auf eine Laufbahn in Staat oder Kirche vorbereitet. Dafür mussten die Schüler auch einiges tun und vor allem in der Anfangszeit ein strenges Regiment akzeptieren, das unter anderem zum Frühstück schwarze Brotsuppe vorsah.

Mittlerweile ist im Kloster ein Bildungshaus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die evangelische Gemeinde hat ihr Gotteshaus in der Torkapelle St. Kilian am Klostereingang. Und der Götz hat hier seine letzte Ruhe gefunden, im Kreuzgang. □