Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schöne und informative Wanderungen - Weinsichten-Weg (Teil 38)

WALHEIM (Dekanat Besigheim) – Philipp Ludwig Hermann Röder war nicht nur Pfarrer, sondern auch begeisterter Reiseschriftsteller. Lange, bevor der Tourismus in Mode kam. Auf seinen Spuren geht unser Autor den Weinsichten-Weg zwischen Walheim und Besigheim.

Besigheim – die Stadt, die mit „Fachwerk und Wein“ wirbt. Foto: Wolfgang AlbersBesigheim – die Stadt, die mit „Fachwerk und Wein“ wirbt. Foto: Wolfgang Albers

Raus aus dem Alltag, rein in die weite Welt – wenn uns das schon ein Pfarrer aus dem frühen 19. Jahrhundert rät, wollen wir das auch tun. Auch wenn unsere Reise nur in die Nachbarschaft geht, schön Rauskommen geht auch da (und ist ja aktuell sowieso konformer).

Wir starten in Walheim. Der Ortskern erinnert an das Weingärtnerdorf am Neckar. Auf einer Terrasse über dem Fluss erhebt sich die Stephanuskirche, ihr schlanker Turm, der direkt auf dem Chor aufsitzt, ist spätgotisch. Der Vorgängerbau ist wohl spätestens im 13. Jahrhundert gebaut worden. Die Kirchhofmauer sitzt auf einer römischen Kastellmauer.

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Bevor wir loslaufen, wollen wir an den Pfarrer denken, der uns heute sozusagen auf die Reise schickt. Philipp Ludwig Hermann Röder lebte von 1755 bis 1831. Von 1811 bis zu seinem Tode war er der Seelsorger von Walheim. Ein klassischer Vertreter der württembergischen Ehrbarkeit. Nach den Klosterschulen in Blaubeuren und Bebenhausen ging er ans Tübinger Stift, bestand im Jahr 1778 das theologische Examen und diente sich über einige Stellen im Unterland zur ersten Pfarrstelle in Tamm hoch, von der er nach Walheim wechselte.

Das grüne Baumbachtal. Foto: Wolfgang AlbersDas grüne Baumbachtal. Foto: Wolfgang Albers

Er wollte die große Welt entdecken

Wo alles bestens lief, jedenfalls nach einem Visitationsbericht aus dem Jahr 1820: „Es ist gegenwärtig keine auffallende Unordnung da. Der Zustand der Gemeinde in religiösmoralischer Hinsicht neigt sich im Ganzen mehr zum Guten als Bösen. Die Gemeinde zeichnet sich durch stille Ordnungsliebe, Fleiß und Arbeitsamkeit aus. Die Gottesdienste werden fleißig und selbst an Wochengottesdiensten besucht. Kein öffentlicher Verächter der Religion, Sittlichkeit und Kirchenzucht ist in der Gemeinde. Alle Verordnungen in Kirchensachen werden befolgt.“ Da scheint ein Pfarrer ganz in seiner Arbeit aufgegangen zu sein.

Der Blick auf Besigheim ist die „schönste Weinsicht 2012“ Foto: Wolfgang AlbersAber Philipp Röder hatte noch ein zweites Leben, und das begann 1784. Da war er Vikar im benachbarten Löchgau, wo sich eine andere Passion in ihm regte: „Hier erwachte in mir die von Jugend auf genährte Begierde, die große Welt durch Reisen kennenzulernen, aufs Neue, und so stark, dass ich beschloss, eine Reise durch Teutschland und Italien zu machen.“ Reisen wollen wir jetzt auch. Jenseits der Bahnlinie schwenken wir in die Weinsichten-Tour ein, ein stilisiertes Auge mit einer Rebe in der Pupille leitet uns (meist recht zuverlässig, trotzdem die Wegskizze mitnehmen). Zunächst durchs Baumbachtal. Weinterrassen begleiten uns, später wandern wir durch Streuobstwiesen. Wir durchwandern Erligheim und steigen hinter dem Ort durch Obstbaum-Kulturen hügelan, bis wieder Rebzeilen unter einem weiten Himmel liegen.

Hier ist ein Holzpodest aufgebaut, die Weinkanzel, von der wir weit übers Land schauen, von den Stromberghöhen mit dem Michaelskloster bis zum Neckar-Hügelland. Ein Rastplatz ist dabei. Perfekter Ort für eine Pause mit der passenden Lektüre, Hermann Bausingers Aufsatz über Philipp Röder.

Dessen Reiseträume waren für einen Pfarrer ungewöhnlich. Das Zeitalter des Tourismus sollte erst nach seinem Tod anbrechen. Aber Philipp Röder hatte diese wissenschaftliche Ader, die so typisch für die württembergische Pfarrerschaft ist – und sein Herz schlug für die Geographie. Darunter verstand Philipp Röder auch das genaue Hinschauen auf das Leben an sich, zumal er ein überzeugter Aufklärer war, also mit Hilfe der gesammelten Fakten die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern wollte.

Dieser Pionier des Tourismus macht schon die Erfahrungen, die spätere Reisegenerationen immer wieder zu Klagen bewegen werden: Man ist ganz schön abhängig von Dienstleistern wie Wirten oder Aufsehern, die Mitreisenden können eine Plage sein, vor Ort bleibt ihm etliches verschlossen.

Kirche in Walheim. Foto: Wolfgang Albers

Und es zeigt sich schon bei ihm, dass der Tourist nicht unbedingt der bessere Mensch ist, sondern seine Vorurteile durch die Welt schleppt. So zieht er über die Kärntner her: „Eine dumme Menschenrace, ein dummes Volk, das in seinen Gebürgen versteckt von nichts weiß als die Erde umzuwühlen, Eisen zu schmelzen, vor Marienbildern zu knien und sie anzubeten, und die Fremden, die zu ihnen kommen, zu betriegen.“ 

So wie wir 1990 die neuen Bundesländer neugierig in Augenschein nahmen, kommt Philipp Röder in die „neuen Entschädigungs-Länder“, also die Gebiete, die Württemberg Anfang des 19. Jahrhunderts von Napoleon erhalten hatte. Oft katholische Gegenden, wo der Aufklärer Röder nur den Kopf schütteln konnte über den Drang zu Wallfahrten und die Wirtschaften: „Die Wirtembergische Besitznahme wird auch hier wohlthätig wirken und diese Satire auf den Menschenverstand aufheben!“ Immerhin, ein Gutes ist ihm dort aufgefallen: „Kein Reisender wird es bereuen, das Abenteuer dieser Wallfahrt bestanden zu haben, weil die unvergleichlich schöne und außerordentlich weite Aussicht es reichlich ersetzt.“

Genau das erwartet uns auf dem weiteren Weg. Von der Weinkanzel senkt der sich meist, durch einen der größten Kirschgärten der Region und dann durch Wald. An der Berghütte mit ihrem Liegesitz haben wir noch mal eine weite Aussicht. Bald laufen wir durch die Löchgauer Wohngebiete – aus dem „Pfarrdorf mit 1020 Seelen“ der Röderschen Vikarszeit ist eine begehrte Wohngemeinde im Stuttgarter Großraum geworden.

Weinsichten-Tour www.3b-tourismus.de

Dahinter sind wir bald am Sahnestück der Weinsichten-Tour: ein Panoramaweg durch die Weinlagen von Besigheim. Unten glitzert die Enz, am Gegenhang reihen sich die Giebel und Türme der Besigheimer Altstadt, die Kalkbänke der Hessigheimer Felsengärten riegeln den Horizont ab. Mal ist eine Aussichtsplattform ins Freie gebaut, dann weist eine Metallstele auf die „schönste Weinsicht Württemberg 2012“ hin. Walheim wäre bald erreicht, aber wir variieren die Tour, gehen ein Stück zurück und steigen die Steinstufen der Himmelleiter hinab zur Enz, biegen dort nach rechts und genießen bald am Wasser das Altstadtpanorama Besigheims. An der Enzbrücke ist rechterhand schon der Bahnhof, mit der Regionalbahn sind wir eine Station weiter wieder am Ausgangspunkt. Aber vorher drehen wir noch eine Runde durch die Altstadt – eine der schönsten am Neckar.

Kirche in Walheim. Foto: Wolfgang Albers