Christliche Themen für jede Altersgruppe

Was evangelisch ist - Einführung

Im Gottesdienst sprechen wir immer wieder das Apostolische Glaubensbekenntnis und bekennen so, woran wir glauben. Dieses Bekenntnis ist nicht das einzige, das in der evangelischen Kirche eine Rolle spielt. Auch das Augsburger Bekenntnis der Reformation ist wichtig.

Foto: conger / pixaby

Das Versprechen, das kirchliche Mitarbeitende in unserer Landeskirche bei der Aufnahme ihres – haupt- oder ehrenamtlichen – Dienstes ablegen, hat für alle Mitarbeitenden dieselben Kernformulierungen:

„Im Aufsehen auf Jesus Christus, den alleinigen Herrn der Kirche, bin ich bereit, mein Amt als … zu führen und mitzuhelfen, dass das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und in den Bekenntnissen der Reformation bezeugt ist, aller Welt verkündigt wird. Ich will in meinem Teil dafür Sorge tragen, dass die Kirche in Verkündigung, Lehre und Leben auf den Grund des Evangeliums gebaut werde, und will darauf Acht haben, dass falscher Lehre, der Unordnung und dem Ärgernis in der Kirche gewehrt werde. Ich will meinen … Dienst im Gehorsam gegen Jesus Christus nach den Ordnungen unserer Landeskirche tun.“

Zuoberst und als Grundlage steht Jesus Christus, der alleinige Herr der Kirche. Von ihm haben wir den Auftrag, „alle Welt zu lehren“ und das Evangelium zu verkündigen – das Evangelium in Wort und Tat zu kommunizieren, wie man heute gerne sagt. Daraus ergibt sich, dass jeder Dienst in unserer evangelischen Kirche Teil hat an der Verkündigung der Kirche.

Richtschnur für diese Dienste und für das Leben eines Christenmenschen ist Jesus Christus. Das Evangelium von ihm erfahren wir authentisch aus der Heiligen Schrift. Fragt sich nur: Was will Gott uns heute in einer konkreten persönlichen Situation, in genau unserer Gemeinde, in dieser oder jener politischen Lage sagen? Und wie stellen wir sicher, dass es wirklich Gottes Wille ist und nicht etwa unsere eigenen Wünsche und Vorurteile sind, die wir dann schnell im Bibeltext finden – womöglich weil wir sie vorher selbst hineingelesen haben?

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Die Reformationszeit sah sich genau vor diese Frage gestellt. Sie suchte nach Normen und Kriterien, zum „eigentlichen“ Gehalt der Heiligen Schrift vorzudringen. Dies war deswegen nötig geworden, weil sich im Mittelalter die Autorität der Tradition vor die Texte selbst geschoben hatte. Das war nicht nur in der Theologie so, sondern auch in anderen Wissenschaften. Für die Theologie hatte es aber die Folge, dass die Bibel selbst gar nicht mehr so wichtig war, sondern vielmehr die jahrhundertelange Auslegung, wie sie vor allem von Rom aus verbindlich festgelegt wurde.

Gemeinsame Werte - gemeinsames Bekenntnis

Dem widersprachen die Reformatoren. Sie forderten mit den zeitgenössischen Humanisten und Sprachkundlern: „Zurück zu den Quellen!“ Es darf nicht sein, dass die Auslegung der Auslegung einer späten lateinischen Übersetzung sich vor das lautere und reine Evangelium drängt. Und wenn alle Christenmenschen durch die Taufe gleich sind, dann muss man ihnen allen dieselbe gute Textgrundlage geben, damit sie – wie die Leute von Beröa (Apostelgeschichte 17,11) – täglich in der Schrift forschen können und sich nach ihrem eigenen Gewissen eine begründete Meinung über Glaubensfragen und das Leben des Christenmenschen in der Welt bilden können.

Schnell wurde aber auch deutlich, dass das eigene Gewissen nicht als Kriterium hinreicht. Eine Gemeinschaft braucht gemeinsame Werte, ein gemeinsames „Narrativ“, wie das heute heißt, und das heißt in Glaubensfragen: ein gemeinsames Bekenntnis, wie die Bibel zu verstehen ist.

Die Formulierung dieser Bekenntnisse wurde zum einen dadurch erleichtert, dass der Kaiser immer wieder Rechenschaft forderte, was die „Neugläubigen“ denn nun eigentlich für richtig hielten, worin sich das von der römisch-katholischen Lehre unterscheidet und wie es mit der Tradition übereinstimmt.

Politisch war es vor allem Philipp von Hessen, dem daran lag, ein einheitliches evangelisches Narrativ zu formulieren, auf das sich alle evangelischen Gebiete einigen sollten. Es gab aber andererseits schon sehr früh Unterschiede zwischen den verschiedenen Gegenden: Die Theologen und Gebiete in Nord- und Ostdeutschland schlossen sich stark einer vergleichsweise konservativen Theologie an, die möglichst an der Tradition festhielt, soweit sie nicht der Bibel widersprach. Vor allem in der Schweiz und in Straßburg war man an dem Punkt deutlich direkter und forderte, dass nur das in die „neue“ Lehre aufgenommen werden darf, was sich aus dem griechischen und hebräischen Urtext unmittelbar belegen lässt.

Diese theologischen Unterschiede haben Konsequenzen bis in die Liturgie und die Kirchengestaltung hinein: Der lutherische Gottesdienst zum Beispiel in Sachsen erinnert deutlich mehr an die katholische Messe als unsere Predigtgottesdienste und eine von lutherisch-reichstädtischer Theologie geprägte Kirche wie zum Beispiel St. Michael in Schwäbisch Hall sieht völlig anders aus als eine Waldenserkirche zwischen Leonberg und Maulbronn. Um 1530 traten diese Streitigkeiten auf dem Reichstag zu Augsburg voll und ganz ans Licht.

Der Reformator Philipp Melanchthon verfasste das Augsburger Bekenntnis. Das Bild zeigt ihn auf einem Fenster in der Heidelberger Peterskirche.  Foto: epd-bild

 

Das Augsburger Bekenntnis

Die evangelische Seite formulierte das „Augsburger Bekenntnis“ aus. Dieses gilt heute als das Zentralbekenntnis der lutherischen Kirchen. Auf dem Reichstag selbst formulierten vier eher an der Schweiz orientierte Reichsstädte ein eigenes Bekenntnis, das sich in Nuancen davon unterschied. Die Schweizer konnten dieser Linie nicht folgen – sie hatten vor allem mit dem Verständnis Schwierigkeiten, dass Jesus Christus im Abendmahl leibhaftig und nicht nur symbolisch anwesend ist, aber auch mit einigen Details der „Gnadenwahl“, also der Lehre von der Erlösung.

Altkirchliche Glaubensbekenntnisse - Das ist evangelisch

Daraus ergab sich in der Folge, dass die lutherisch orientierten Kirchen und Fürsten eine Anzahl von Texten als Bekenntnisschriften verbindlich festlegten: die drei altkirchlichen Glaubensbekenntnisse (das apostolische und das nicänische, dazu einen weniger bekannten Text des Bischofs von Alexandria, Athanasius), das Augsburgische Bekenntnis sowie eine Erklärung dazu, den Großen und den Kleinen Katechismus, die Schmalkaldischen Artikel, eine Abhandlung von Melanchthon über das Papsttum und eine spätere Zusammenfassung, die so genannte Konkordienformel.

In diesen Texten ist formuliert, was evangelisch ist und wie die Bibel verstanden werden will. Dort finden sich solche Kernsätze wie das Priestertum aller Getauften und die Rechtfertigungslehre. Die Lehrautorität des Papstes und der Weihecharakter des Priesters werden abgelehnt, es wird erklärt, worin die Freiheit des Christenmenschen besteht, es wird klar gelegt, dass es nur zwei Sakramente gibt, die streng auf das Evangelium bezogen sind. Darüber hinaus werden die Riten und Liturgien ihrer Heilsbedeutung entkleidet und auch das Verhältnis der Christen zur Obrigkeit und das Leben in der Welt werden erläutert. Diese Textsammlung oder auch Teile davon gelten in den lutherischen Kirchen verbindlich als „die Bekenntnisschriften“, sie können nicht mehr geändert oder ergänzt werden.

Schweizer Glaubensbekenntnisse

Die reformiert-schweizerische Tradition sah das anders. Sie formulierte eigene Bekenntnisse, worunter das Helvetische Bekenntnis und der Heidelberger Katechismus die wichtigsten sind. Diese sind je nach Region ergänzbar. Daher haben viele Kirchen, die in einer reformierten oder unierten Tradition stehen, auch die Barmer Theologische Erklärung von 1934 in den Rang eines Bekenntnisses erhoben – für eine lutherische Kirche undenkbar.

Glaubensbekenntnisse in Württemberg

Im Herzogtum Württemberg, das ja schon rein räumlich zwischen Straßburg, Zürich und eben den lutherischen Kirchen stand und auch erst nach 1530 so richtig am reformatorischen Geschehen teilnehmen konnte, ergab sich noch einmal eine besondere Entwicklung: Die württembergische Kirche hat nie genau definiert, welche Texte sie als „Bekenntnisschriften“ festlegen möchte. Sie versteht sich als lutherische Kirche, hat aber einen eher abstrakten Bekenntnisbegriff: evangelisches Bekenntnis ist das, was sich an Theologie und Grundlagen der Reformationszeit messen lassen kann. Dabei sind die genannten Textsammlungen wichtige Leitlinien, aber sie sind keine verbindliche Größe, die dann leicht zum „papiernen Papst“ werden kann.

In Württemberg selbst kam noch hinzu, dass man 1551 ein eigenes Bekenntnis, die „Confessio Virtembergica“, formuliert und als evangelischen Beitrag zum „ökumenischen Gespräch“ auf dem Konzil von Trient eingereicht hatte. Außerdem bestand zu den anderen Lutheranern eine kleine Differenz in der Sakramentenlehre – wo Konfirmandinnen und Konfirmanden heute noch den Katechismus mit seinen Erklärungen lernen, lernen sie in Württemberg die Erläuterung von Johannes Brenz (1536) – „ein Sakrament und göttlich Wortzeichen“.

Ansonsten besteht Übereinstimmung, dass das Augsburger Bekenntnis das Grundbekenntnis ist, das auch für die württembergische Kirche eine Richtschnur darstellt. Die Barmer Theologische Erklärung steht im württembergischen Gesangbuch deshalb folgerichtig nicht unter „Bekenntnisse“, sondern – mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis – unter „Glaubenszeugnisse aus dem 20. Jahrhundert“.

Das Versprechen, den Dienst an der Kommunikation des Evangeliums auszurichten, „wie es in den Bekenntnissen der Reformation bezeugt ist“, bedeutet also für die Mitarbeitenden unserer evangelischen Kirche keine Textsammlung, die verbindlich ist.

Das gemeinsame württembergische Bekenntnis

Das gemeinsame Bekenntnis aller Gemeindeglieder in Württemberg ist vielmehr der Auftrag, sich stets an die verschiedenen Stufen von Verbindlichkeit zu halten: Obenan steht Jesus Christus, dann das Wort der Bibel, dann die Interpretation der Reformation und daraus schöpfen wir zuletzt unsere eigenen Auslegungen.

Beim Brunnen im Kloster Maulbronn fließt Wasser von Schale zu Schale. Foto: akg-images, Dieter Skubski

Ein schönes Bild hierfür ist der berühmte Brunnen im Kloster in Maulbronn: Von oben fließt überbordend die reine Quelle, sie ergießt sich in die nächste Schale, die sie nicht fassen kann, von dort wieder in die nächste – und ganz unten schöpfen wir, es ist immer noch das frische, lebendige Wasser, das durch all diese Schalen gegangen ist. Und wir trinken alle aus derselben Schale, nämlich der gemeinsamen Glaubensgewissheit in Schrift und Bekenntnis.

 

 

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