Christliche Themen für jede Altersgruppe

Als Herrnhut nach Boll kam - Kirchenleitung wanderte aus

Vor 300 Jahren wurde die Siedlung Herrnhut in Sachsen gegründet. Als diese dann zur DDR gehörte, wanderte die Kirchenleitung ins württembergische Bad Boll. Dort gibt es noch heute eine Gemeinde, deren Geschichte viel mit dem Erbe der Blumhardts zu tun hat.

Herrnhut. Lange betrieb die Brüderunität auch das historische Kurhaus mit seiner Reha-Klinik. Foto: Andreas SteidelLange betrieb die Brüderunität auch das historische Kurhaus mit seiner Reha-Klinik. Foto: Andreas Steidel

Es ist ein besonderer Sonntag. Ein Gottesdienst mit Abendmahlsfeier. In einem schneeweißen Gewand kommt der Pfarrer in die Kapelle, mit ihm zwei Liturgen, die ebenso gekleidet sind und in der Sprache der Herrnhuter „Akoluth“ heißen. Die Akoluthen teilen Brot und Wein aus, gehen durch die Reihen, geben jedem Einzelnen ein Stück vom Blut und Leib Christi. Später knien sie auch nieder und stimmen Sprechgesänge an. Fast ein wenig katholisch kommt einem das vor oder eben so, wie strenge Lutheraner ihre deutsche Messe feiern.

Vor 300 Jahren wurde die Herrnhuter Brüdergemeine gegründet, als Zuflucht für die von der Gegenreformation verfolgten Christen aus Böhmen und Mähren. Gemeine, nicht Gemeinde, der alte Begriff aus Sachsen wurde beibehalten. Sie ist heute eine Freikirche mit weltweiter Verbreitung, viele Glaubenstraditionen sind eingeflossen, die nicht in eine der Schubladen passen wollen.

Pfarrer Albrecht Stammler. Foto: Privat„Wenn kein Abendmahl ist, bin ich ganz leger gekleidet, manchmal nur im Straßenanzug“, sagt Pfarrer Albrecht Stammler. Seit einem Jahr ist er der Seelsorger der Herrnhuter Brüdergemeine in Bad Boll. Oft heißt er auch nur Gemeindehelfer oder Gemeindediener. Der Pfarrer ist hier keine übergeordnete Amtsperson, alles, was nach Hierarchie aussieht, ist den Herrnhutern fremd.

„Wie sollen wir es machen, wollt ihr aufstehen oder sitzen bleiben?“, fragt Albrecht Stammler vor dem ersten Lied. Man kennt sich und duzt sich, spricht sich mit Bruder oder Schwester an. Es ist eine Gemeinschaft von Gläubigen, die hier in einer Nische am Rande der Schwäbischen Alb Gottesdienst feiert.

Nachfolger der beiden Blumhardts

Ihre Gründung in Bad Boll ist einem historischen Zufall zu verdanken. Lange Jahre war Boll das Reich der Blumhardts. Vater und Sohn hatten das Kurhaus übernommen und daraus einen Zufluchtsort für Gemütskranke gemacht. Eine Art psychosomatische Klinik der Frühzeit, ohne dass es damals so hieß. Denn in Wahrheit waren Blumhardt der Ältere (Johann Christoph) und der Jüngere (Christoph) Erweckungsprediger und Pfarrer der Landeskirche in Württemberg.

Mit der zerstritt sich Christoph Blumhardt heillos. Seine Erben gaben das Kurhaus in Bad Boll schließlich auf und suchten eine geistliche Nachfolge, die nicht zufällig außerhalb der Landeskirche lag. Sie fanden sie in den Herrnhuter Brüdern, die bereits im nahen Jebenhausen ein Waisenhaus unterhielten.

So wurde Bad Boll ein wichtiger Standort der Herrnhuter Brüderunität. Seine Bedeutung stieg, als nach 1945 der sächsische Ort Herrnhut russisch besetzt war. Mit dem Kalten Krieg und der deutschen Teilung lag die Kirchenleitung plötzlich im Ausland. Also wurde Bad Boll der Standort einer neuen Kirchenleitung im Westen.

Die Gemeinde wuchs. In den 50er-Jahren entstand eine ganz neue Siedlung der Herrnhuter am Rande des Kurhauses. Zugleich war Bad Boll auch Sitz der Herrnhuter Missionshilfe geworden, sodass bis heute drei verschiedene Einrichtungen der Brüderunität hier sind: die Kirchenleitung, die Missionsverwaltung und eben die Ortsgemeinde.

Rund 400 Mitglieder hat sie. Etwa 80 von ihnen wohnen in Bad Boll, der Rest verteilt sich über ganz Süddeutschland. Rund 20 Gottesdienstbesucher sind es an diesem Sonntagmorgen im Tagungszentrum der Evangelischen Akademie. Die Herrnhuter haben in Bad Boll keine eigene Kirche, sondern greifen auf die vorhandenen Räumlichkeiten zurück.

Das war zum einen der große Saal des Kurhauses, wo vor Corona alle Gottesdienste stattfanden. Da war man zugleich so eine Art Kurseelsorge, immer wieder reihten sich Reha-Gäste in die Schar der Besucher ein. Durch die Gesundheitsauflagen wichen die Herrnhuter in das Bildungszentrum aus – natürlich mit dem Ziel, irgendwann wieder ins Kurhaus zurückzukehren.

So ist man an diesem Vormittag unter sich. Der erste Teil mit der Predigt ist bald vorüber, er endet nach gut 20 Minuten mit den Abkündigungen. Daran schließt sich das Abendmahl an, das eine ganz eigene Liturgie hat, im Grunde ein Gottesdienst nach dem Gottesdienst. Er wird von zahlreichen Liedern begleitet. Die Herrnhuter singen für ihr Leben gern. „Es bringt die Gemeinde so schön zusammen“, sagt Pfarrer Albrecht Stammler. Es gibt sogar reine Singstunden, die oft Stammlers Frau Renate leitet, eine ausgebildete Kantorin und Kirchenmusikerin.

Herrnhuter Gottesdienst in Bad Boll: Die weißen Gewänder trägt man nur zur Abendmahlsfeier. Lange betrieb die Brüderunität auch das historische Kurhaus mit seiner Reha-Klinik. Foto: Andreas Steidel

Ökumene ist für sie kein Problem

Einen eigenen Posaunenchor gibt es nicht, den betreibt man zusammen mit der landeskirchlichen Ortsgemeinde in Bad Boll. Ökumene ist für die Herrnhuter überhaupt kein Problem, nicht wenige ihrer Anhänger verfügen über Doppelmitgliedschaften. „Das unterstützen wir ausdrücklich“, sagt Albrecht Stammler. Die Klinik im Kurhaus bereitete den Herrnhuter nicht nur Freude. Man schlitterte von einer Gesundheitsreform in die andere, musste Millionen in den Erhalt und in neue Anlagen wie das Thermalbad investieren und kam finanziell doch auf keinen grünen Zweig.

1998 zogen die Herrnhuter die Notbremse und gaben den Reha-Betrieb auf. Heute liegt er bei der Christophsbad Klinikgruppe und so richtig traurig ist bei den Herrnhutern eigentlich niemand darüber. Auch in der Kirchenleitung hat sich eine Veränderung ergeben: Zwar gehört Bad Boll immer noch dazu, aber seit der Wende ist auch der Ort Herrnhut in Ostsachsen wieder mit dabei, ergänzt um das niederländische Zeist, wo eine Vielzahl der Brüder und Schwestern lebt.

Gegen elf Uhr ist die Gottesdienstfeier zu Ende. Man wünscht sich dem Anlass entsprechend ein „gesegnetes Abendmahl“ und geht in den Sonntag hinaus. Das Gelände rund ums Kurhaus ist einen Spaziergang wert ebenso wie der unweit gelegene Friedhof: Dort sind nicht nur die Blumhardts beerdigt, sondern auch die Mitglieder der Brüdergemeine.Herrnhut. Alle sind gleich, im Leben wie im Sterben: Der Gottesacker in Bad Boll. Foto: Andreas SteidelAlle sind gleich, im Leben wie im Sterben: Der Gottesacker in Bad Boll, angelegt nach dem Vorbild in Herrnhut (Sachsen). Dorthin reiste zum Jubiläum auch Pfarrer Albrecht Stammler mit einer Gemeindegruppe. Foto: Andreas Steidel

Der Gottesacker ist ein zentraler Bestandteil jeder Gemeinde der Unität. Nach dem Vorbild in Herrnhut angelegt, besteht er nur aus schmucklosen Grabplatten. Sie sehen alle identisch aus. Die Gleichheit der Brüder und Schwestern, sie gilt im Leben wie im Sterben. □

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Die Herrnhuter Brüdergemeine in Bad Boll feiert normalerweise sonntags um 10 Uhr einen Predigtgottesdienst, samstags um 19 Uhr ist Singstunde, jeweils in der Kapelle des Tagungszentrums: www.badboll. ebu.de.

Auf dem nahegelegenen Friedhof (Gottesacker) befinden sich auch die Gräber der Blumhardts.