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Andreas Osiander: Mutige Schrift zum Schutz der Juden

Der Nürnberger Reformator Andreas Osiander (1496?–????1555) gehörte zu den wenigen seiner Zeit, die Juden gegen die ungerechtfertigten ­Anklagen verteidigten, denen sie seit dem Mittelalter ausgesetzt ­waren.  Und diese Anklagen waren perfide.  Von Matthias Morgenstern

Verleumderische Bilder: Ein angeblicher Ritualmord der Juden an dem Knaben Simon in Trient, Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä., spätere Kolorierung.Foto: epd-bild

Die gemeinste und gefährlichste Anklage war die Behauptung, die Juden bemächtigten sich christlicher Kinder, um sie zu töten und ihr Blut für rituelle Zwecke zu missbrauchen. Dagegen wandte sich Osiander, der bei einem Juden Hebräisch gelernt hatte und die jüdischen Traditionen kannte. In einem Traktat aus den 1530er-Jahren wies er mit logischen Argumenten, Bibelversen und kriminalistischen Überlegungen die Unsinnigkeit solcher Behauptungen nach.

Die mutige Schrift Osianders, seit 1522 Prediger an der Nürnberger St. Lorenzkirche, war durch einen Mord veranlasst. Am Himmelfahrtstag des Jahres 1529 war der neunjährige Hans Meylinger in der nordöstlich von Pressburg (heute Bratislava) gelegenen Ortschaft Pösing vermisst und wenige Tage später tot aufgefunden worden. Bei der Obduktion kam der Verdacht auf, die ortsansässigen Juden seien für den Mord verantwortlich, da die Juden das Blut für ihre rituellen Zwecke gebraucht hätten. Die zuständige Obrigkeit ließ daraufhin alle Juden des Ortes verhaften und verhören. Unter der Folter kam es zu Geständnissen. Am 21. Mai 1529 wurden mehr als dreißig Juden, darunter Kinder und alte Leute, in Pösing öffentlich verbrannt.

Kurz darauf schrieb Osiander einen längeren Brief an einen unbekannten Empfänger – möglicherweise einen mit dem Pösinger Fall befassten Juristen – mit 20 systematisch angeordneten Argumenten gegen die Ritualmordanschuldigung. Dieser Text enthielt sorgfältige Überlegungen, die den judenfeindlichen Vorwurf in logischer Hinsicht und aus Sicht des christlichen Glaubens ad absurdum führen sollten: Wie war es mit dem Glauben an Gottes Liebe zu seinen Kindern vereinbar, so Osiander, wenn man annehmen wollte, dass Gott die Juden für ihre Vergehen strafte, indem unschuldige christliche Kinder dafür mit dem Tod zu bezahlen hätten? Auch mit dem Glauben an die Treue Gottes zum Volk des Alten Bundes war die Annahme, dass Gott die Juden zu solchen Verbrechern gemacht hätte, nach Osiander nicht zu vereinbaren. Daneben steht ein staatspolitisches Argument, der Verweis auf einen Judenschutzbrief Kaiser Friedrichs III. aus dem Jahre 1470, den Osiander als Beispiel dafür nimmt, dass niemals ein Kaiser oder Papst die Juden je einer solchen Mordtat beschuldigt habe.

Die interessantesten Argumente des Nürnberger Reformators sind zweifellos die auf dem Gebiet der Bibel und des Talmuds. Hier konnte Osiander die bei seinem jüdischen Lehrer erworbenen Kenntnisse voll zur Geltung bringen. Osiander erwähnte die Opfervorschriften der Hebräischen Bibel im Hinblick auf die rituelle Verwendung des Blutes, das strenge biblische Verbot des Blutgenusses und erwähnte auch die biblischen Bestimmungen, die es den Israeliten zur Pflicht machten und noch heute machen, die Fremden zu lieben, für sie zu beten und in jeder Hinsicht zu ihrem Vorteil zu wirken.

Der Nürnberger Reformator war aber auch über die Weiterentwicklung der Ritualvorschriften im nachbiblischen Rabbinat im Bilde. Er wusste, dass das Priestertum nach der Zerstörung des Tempels keine Funktion mehr hatte und Juden daher seit dem Jahre 70 nach Christus nichts mehr „opferten“. Auch über die Nahrungsvorschriften des Judentums war er informiert: Aus den detaillierten Regeln des Buches Levitikus, wie die Priester mit geschlachteten Opfertieren umzugehen hatten, waren die Kaschrutregeln geworden, die jüdische Frauen in der Küche zu beachten haben. Wie in biblischer Zeit war nicht nur der Verzehr, sondern jegliche Nutznießung von Tierblut streng untersagt – von Menschenblut ganz zu schweigen.

Selbst die „Werkgerechtigkeit“ der Juden, aus Sicht der lutherischen Theologie sicherlich der stärkste Vorwurf, der Juden zu machen war, diente Osiander als Argument zu ihrer Entlastung: Die Juden glauben doch an ein ewiges Leben, so sein Argument. „Als Mittel, um dieses Leben zu erlangen, kennen oder wissen sie aber keinen anderen Weg als die sorgfältige Beachtung ihres Gesetzes, wie Paulus immer wieder, besonders in seinem Brief an die Römer erklärt und bezeugt.“ Schon aus diesem Grund ist es nach Osiander weder „wahr noch glaublich, dass die Juden der Christen Kinder heimlich erwürgen und ihr Blut gebrauchen.“ Am Ende seiner Schrift kritisierte Osiander auch die ungesetzlichen Plünderungen jüdischen Eigentums, bemängelte das Fehlen glaubwürdiger Zeugen und wies auf die auffällige Tatsache hin, dass Ritualmordanschuldigen meist dann erhoben wurden, wenn die jeweilige Obrigkeit (wie offenbar der Pösinger Graf) hoch verschuldet war oder aus sonstigen Gründen ein Interesse am Verschwinden der Juden haben konnte.

Das Besondere an Osiander war zweifellos seine Neugierde im Hinblick auf das zeitgenössische Judentum. Das erworbene Wissen wusste er zu Gunsten der Juden einzusetzen. Das ist zentral für die Einordnung seiner Schrift, denn es gab zu allen Zeiten christliche Gelehrte, die ihr Wissen gegen die Juden in Stellung brachten.

Als in der Osterzeit des Jahres 1540 in dem Ort Sappenfeld in der Nähe von Eichstätt erneut ein christliches Kind verschwand und eine Ritualmordanklage gegen die fränkischen Juden erhoben wurde, war es Osianders Schrift, die 1540 gedruckt wurde, zu verdanken, dass es nicht zu Judenverfolgungen kam. Von dem Ingolstädter katholischen Theologen Johannes Eck musste Osiander sich im Zusammenhang mit dem Sappenfelder Mordfall freilich gefallen lassen, heftig verspottet und zudem „verdächtigt“ zu werden, selbst heimlich ein Jude zu sein. Nach 1540 verschwand das Büchlein für mehrere Jahrhunderte und wurde erst 1893 durch den Kieler Rabbiner und Historiker Moritz Stern wiederentdeckt und veröffentlicht. Israelsonntage erinnern an viele missglückte Begegnungen von Juden und Christen in der Geschichte. Da tut es gut, sich auch einmal das positive Beispiel Andreas Osianders vor Augen zu führen.

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