Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf die Blickrichtung kommt es an

Apostelgeschichte 3,1-5  Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.


Impuls zum Predigttext für den 12. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 3,1-10.  Von Martin Burger

Martin Burger ist Pfarrer in Bönnigheim. (Foto: privat)

Die Jünger schauen in den Himmel. Sie haben Unglaubliches erlebt. Jesus wurde vor ihren Augen emporgehoben und sie bekommen eine Genickstarre vor lauter Nach-oben-starren. Doch zwei Männer in weißen Gewändern, bei denen wir davon ausgehen können, dass es sich um Mose und Elia handelt, holen sie gleich auf den Boden der neu geschaffenen Tatsachen zurück: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apostelgeschichte 1,11).

Die Geschichte von Jesus ist nicht vorbei, sondern setzt sich im Hier und Jetzt fort. Wie das Zeugnis von Tora und Propheten weitergeht, geht auch das Zeugnis des Evangeliums unter uns weiter. Wie Gottes Wille im Himmel geschieht, so geschieht er auch auf Erden. Deshalb müssen die Jünger wieder vom Berg hinabsteigen. Sie müssen zurück ins Tal. Zurück nach Jerusalem. Doch sie tun das mit der Verheißung, dass Jesus zurückkommt und dass das Reich Gottes kommen wird.

Dann darf man allerdings nicht untätig in den Himmel starren und schauen, ob es schon so weit ist. Stattdessen soll der Blick darauf gerichtet sein, dass es auf Erden schon beginnt. Die Erstarrung ist aufgehoben. Ein neues Zeitalter bricht an. Es ist die Zeit des Geistes, der die Jüngerinnen und Jünger an Pfingsten erfüllt. Die Jünger dürfen nicht in den Himmel starren. Eine kranke Erde wartet auf Heilung. Jesus heilte das Verwundete. Nun ist es die Aufgabe seiner Nachfolger, in seinem Geist zu handeln.

Lukas stellt in unserem Predigttext diese Welt dar, in dem er einen gelähmten Bettler zu Füßen der Apostel legt. Pfingsten ist gerade vorbei. Petrus und Johannes sind auf dem Weg zum Tempel, um dort zu beten, und da liegt am „Schönen Tor“ dieser Mann, der schon sein Leben lang gelähmt ist. Dieser Mann steht für ein krankes Volk. Er steht für die gelähmte Menschheit. Die beiden laufen nicht einfach vorbei, wie es viele tun. Nein, sie blicken ihn an. Wie Mose und Elia es ihnen geboten haben. Nicht in den Himmel starren. Nicht wehmütig den Blick zurück, sondern hoffnungsvoll nach vorn gerichtet. So schauen sie hin. Auf die Erde. Was ihnen vor die Füße gelegt wird. Sie sehen den, der abhängig von anderen ist, der darauf angewiesen ist, dass andere nach ihm schauen. Die beiden bleiben stehen und schauen. Sie schauen, wie Jesus die Menschen angeschaut hat, die zu ihm kamen oder zu ihm gebracht worden sind. Sie sehen die Not. Sie sehen, wie der Samariter das Opfer eines Verbrechens barmherzig angeschaut hat. Sie sehen, wie ein Freiwilliger auf einem zivilen Seenotrettungsschiff die Geflüchteten sieht. Zusammengepfercht in einer Nussschale, die kurz vor dem Versinken ist. Der Mann sieht und sagt: „Wenn ich das sehe, dann dreht sich mir der Magen um. Ich muss doch was tun!“ Sie sehen wie eine Mitarbeiterin der Stadtmission auf eine Obdachlose. Sie sieht nicht nur, sie packt mit an und hilft mit im Kältebus. Sie sehen und es lässt sie nicht kalt. Sie blicken den Gelähmten an mit dem Hirtenblick der Liebe Jesu. Sie handeln in der Vollmacht von Jesus.

Wagen wir diesen Blick? Den Blick, der uns aus dem Alltag herausreißt, der uns nicht gleichgültig sein lässt gegenüber der Not dieser Welt, gegenüber dem, was unser Nächster braucht? Dieser Blick lässt uns nicht verschämt wegblicken und schnell weiterlaufen, um unserer Geschäftigkeit nachzugehen. Dieser Blick wendet sich ganz dem anderen zu. Er hält den Blick des anderen aus. Auf einmal wird nicht mehr aneinander vorbeigeschaut. So entsteht Vertrauen. So wird Zutrauen gewonnen. Zutrauen, dass sich etwas verändert. Dass die Kraft Gottes wirken kann.

Die Begebenheit dort am Schönen Tor macht deutlich: Gottes Herrschaft hat sich mit Jesu Himmelfahrt nicht in den Himmel verlegt. Seine heilende Kraft ist durch seine Jüngerinnen und Jünger weiterhin wirksam. So wie Jesus es verheißen hat.

 


Gebet

Gott, wir sehen so viel Leid in dieser Welt.
Oft müssen wir wegschauen, weil wir es
nicht mehr aushalten. Richte unseren Blick auf das,
was du uns vor die Füße legst. Dass wir Menschen
mit dem Hirtenblick deiner Liebe sehen und da tätig
werden, wo du uns brauchen kannst.