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Aufgeschoben und spendiert - Kaffeespendieraktion

ULM/BIBERACH – Draußen ist es kalt. Umso mehr locken die warm erleuchteten Cafés überall in den Städten. Reingehen und einfach einen Kaffee trinken ‒ das ist allerdings nicht für alle eine Selbstverständlichkeit. Damit eine Tasse für jeden drin ist, machen das Café Apotheke in der Ulmer Oststadt und die Kaffee-Bühne in Biberach mit bei der Aktion „Aufgeschobener Kaffee“.

Biberach Kaffeespende

Judith Garcia Beier (Foto rechts), eine der Chefinnen des Café Apotheke, war von der Idee des aufgeschobenen Kaffees gleich angetan. Viele Gäste hängen gerne Zettel an die Leine.
Fotos: Isabella Hafner

Vor der Eingangstüre des Café Apotheke hängt eine Leine, an der zehn Kassenzettel klemmen. Auf einem wurde ein Cappuccino abgerechnet, auf einem anderen ein Kaffee und ein Stück Kuchen. Keine schlechte Dekoration, sondern ernst gemeint: Judith Garcia Beier und Mitinhaberin Melanie Henner wollen, dass Menschen, die sich keinen Kaffee leisten können, einen Kassenbon bei ihnen einlösen.

Diese Kaffees, Cappuccinos, Tees und Kuchen haben unbekannte Menschen spendiert. Sie haben an der Kasse Kaffees, Cappuccinos, Tees oder Kuchen bezahlt, ohne sie selbst zu verzehren. Den Kassenzettel haben sie danach an der Leine befestigt. Auf dass sie jemand anderem zu Gute kommen. Insgesamt 333 Cafés machen in deutschen Städten bei der Aktion „Suspended coffee“ mit – „Aufgeschobener Kaffee“ –, die es seit mehreren Jahren gibt. Stefanie Rukavina aus Ulm ist im Internet darauf aufmerksam geworden und hat schnell festgestellt: In Ulm gibt es noch kein Café, das mitmacht. Das wollte sie ändern und klapperte einige Cafés ab. Die meisten wollten nicht. Zu groß –unter anderem – die Angst, durch die Spendieraktion Klientel anzulocken, das womöglich andere Kunden verprellen könnte. Obdachlose und Alkoholiker etwa.

Judith Garcia Beier und Melanie Henner waren sofort angetan von der Aktion. Doch auch sie hatten Bedenken wegen Alkoholikern. Die nahm ihnen Stefanie Rukavina im gemeinsamen Gespräch schnell: „Ich kann die Sorge natürlich verstehen. Aber das Risiko von Alkoholikern besteht nicht, weil die Aktion nicht für alkoholische Getränke gilt.“ Der spendierte Kaffee soll sich an Menschen richten, die wenig Geld haben. Rentner und Alleinerziehende etwa. Rukavina: „Menschen, die mal einen schönen Nachmittag in der Stadt verbringen möchten. Die sich oder ihrem Kind etwas gönnen wollen.“

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Seit einem Jahr macht das Café Apotheke bei der Spendieraktion mit. Viele Kunden haben schon eifrig spendiert. Doch: Kaum jemand löst einen Bon ein. Judith Garcia Beier: „Viele schämen sich.“ Erst kürzlich habe ihre Kollegin einen Mann angesprochen, der in ihren Augen mit Sicherheit obdachlos war. Doch er habe abgewunken und darauf bestanden, seinen Kaffee selber zu bezahlen. Es ist ein Balanceakt: Menschen, die wirken, als hätten sie kaum Geld, auf die Aktion ansprechen? Oder besser nicht? Die beiden Apotheken-Chefinnen haben beschlossen, es zu tun. Manchmal bringen sie auch ein paar Kassenbons zum Ulmer Verein „Frauen helfen Frauen“ oder zur Flüchtlingskoordinationsstelle mit der Einladung, im Café vorbei zu schauen.

Kaffeespendieraktion - Es spendieren viele, wenige lösen ein

Die Biberacher "Kaffee-Bühne", die schon rund drei Jahre aufgeschobenen Kaffee anbietet, geht nach Anlaufschwierigkeiten ebenfalls seit einer Weile in die Offensive. Inhaber Peter Grunwald sagt: „Die Leute schämen sich. Also verteilen wir Kaffee-Gutscheine im Tafelladen oder auch gezielt an ein paar Familien mit kleinen Kindern und wenig Geld. Manche von ihnen kommen nun ein bis zwei Mal im Monat zu uns. Für die Kinder gibt’s natürlich Kakao statt Kaffee.“ Sie alle sind in der Kaffee-Bühne bekannt: Wenn ein Kaffee eingelöst wird, passiere das zwischen ihnen und den Kaffee-Bühne-Mitarbeitern dezent.

Nur einmal haben die Ulmer Café-Chefinnen eine Negativerfahrung gemacht. Judith Garcia Beier: „Das war ein Obdachloser. Der war sehr unangenehm, roch auch stark. Und nahm sich gleich mehrere Bons.“ Das hat sie geärgert und sie hatte überlegt, ihn aus Rücksicht auf ihre Kundschaft hinaus zu quittieren. Es blieb bei diesem Fall.

Vielen Kunden ist wichtig, dass die Bons tatsächlich nur von Menschen mit wenig Geld eingelöst werden. Doch eine Bedürftigkeitsprüfung findet nicht statt. Stefanie Rukavina sagt dazu: „Wenn sich jemand, der es nicht nötig hätte, mal einen Bon mopst, dann darf man mit Vertrauen darauf schauen: Das wird sich schon richten!“

Jetzt, im Winter, hoffen Judith Garcia Beier und ihre Kollegin, dass mehr Menschen mit wenig Geld ihre Scham über Bord werfen und die Einladung annehmen: Reinkommen, da sein, Kaffee trinken. Sie selbst werden abwarten und Tee trinken.

◼ Das Café Apotheke befindet sich in der Olgastraße 143 in Ulm; die Kaffee-Bühne in der Radgasse 12 in Biberach. Internet: www.suspendedcoffee.de

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