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Berührungsängste abbauen - Deutsche Sinti und Roma

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden europaweit etwa eine halbe Million Sinti und Roma ermordet. Seitdem sind über 75 Jahre vergangen und vieles hat sich für die Menschen verbessert ‒ doch längst nicht alles ist gut. Zwei Frauen erzählen, wie sie im Alltag mit Vorurteilen kämpfen und warum sie sich gleichzeitig als Deutsche und als Sinti fühlen.

Unweit des Reichstagsgebäudes in Berlin gibt es seit 2012 ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma. Foto: picture-allianceUnweit des Reichstagsgebäudes in Berlin gibt es seit 2012 ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma. Foto: picture-alliance

Renate M. ist eine zierliche Frau, 36 Jahre alt. Sie lebt in einem Einfamilienhaus im Kreis Böblingen, hat eine sechsjährige Tochter, einen achtjährigen Jungen. Und sie hat das erlebt: „Ich arbeitete in einer Firma in Ditzingen. Meinem Personalchef wurde eines Tages von Kollegen zugetragen, dass ich Sintiza bin. Er hat daraufhin verkündet, dass er sich in Zukunft einen Arier-Nachweis vorlegen lasse, bevor er jemand einstelle.“ Renate M. war geschockt. „Vor allem aber davon, dass sich niemand von meinen Kollegen hinter mich gestellt hat.“ Dass es keine Konsequenzen hatte für den Personalchef. „Ich hatte überlegt, ihn anzuzeigen, aber man hat mir gesagt: Wenn es keine Zeugen gibt, bringt das nichts. Im Nachhinein habe ich es trotzdem bereut, dass er keinen Schrieb bekommen hat.“

Oder auf dem Spielplatz. Spricht sie dort mit ihren Kindern ihre Muttersprache Romanes – wobei man Vatersprache sagen müsste: ihr Vater ist Sinto, ihre Mutter aus der Mehrheitsgesellschaft –, dann werden die Leute aufmerksam. Und fragen nach. Ist es einfach Interesse, freut sich Renate M. Aber oft verstünden die Leute „Ich bin Sintiza“ nicht, dann sagt sie: „Ich bin Zigeunerin.“ Da seien dann die Vorurteile in den Gesichtern zu lesen. „Man merkt einfach, dass dieses Wort negativ behaftet ist. Und als Entschuldigung dafür, dass es ja nicht schlimm sei, wird dann gesagt: Macht ja nichts, sind ja auch Menschen. Komischerweise gehen die meisten Menschen davon aus, dass man sich schämen muss.“

Deutsche Sintiza - Die Herkunft will sie nicht verleugnen

Ihre Kindheit hindurch, in Ravensburg, hat Renate M. keine Diskriminierung gespürt, obwohl sie ihre ersten Lebensjahre in einer Sinti-Siedlung aufgewachsen ist. „Die Schulzeit war schön. Es war egal, wo man herkam. Vielleicht lag das auch daran, dass es viele Flüchtlinge gab.“ In die Sinti-Siedlung in der Nähe der Baracken, in der Renate M. lebte, hatten Jahre vorher die Nazis die „Zigeuner“ gesperrt. Hinter eineinhalb Meter hohen Zäunen. 1943 wurden 35 von ihnen nach Auschwitz deportiert. Viele derer, die bleiben durften, wurden zwangssterilisiert.

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Doch warum ist es für Renate M. wichtig, zu sagen: „Ich bin deutsche Sintiza“? Warum nicht einfach: „Ich bin Deutsche“? Schließlich leben ihre Vorfahren seit Jahrhunderten hier, sprechen den Dialekt ihrer Gegend, essen gerne Schwäbisch … „Ich habe sonst das Gefühl, meine Herkunft zu verleugnen. Das ist, wie wenn ein Italiener sagt: Ich bin Deutscher. Weil er hier geboren ist und einen deutschen Pass hat. Statt: Deutschitaliener.“ Sie sagt: „Deutsch ist meine Heimatsprache – Romanes meine Muttersprache.“

Die Familie von Renate M. konnte sich irgendwann ein eigenes Haus leisten: Die Mutter war Schrotthändlerin – „ein typischer Beruf in Sinti-Familien“ –, der Vater Angestellter einer Müllfirma. Renate M. absolvierte eine Ausbildung bei einem Rechtsanwalt. Heute geht sie viel in Schulen: Berührungsängste abbauen. Und denkt dabei an ihre Kinder. Sie sollen keine Diskriminierung erfahren. „Kürzlich aber fragte mein Sohn – wir schauten den mit Vorurteilen gespickten Film ,Der Glöckner von Notre-Dame’: Warum ist der Mann so böse zu der Zigeunerin? Ich dachte: Oh je, wie wird es sein, wenn er später erfährt, dass Zigeuner ins KZ mussten?“

Genau das hat Magdalena Guttenberger als 17-Jährige herausgefunden. Viele Jahrzehnte ist das her. Nachdem sie nachgefragt hatte bei Menschen, die ein „Z“ und eine Nummer auf ihrem Unterarm hatten. „Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte sie ihre Mutter. „Weil ich nicht wollte, dass auch Du für immer in Angst lebst.“

Sinti  und Roma - Verhältnisse haben sich verbessert

In den 70er-Jahren begann Magdalena Guttenberger die Erzählungen ihrer Schwiegermutter Martha Guttenberger aufzuschreiben. Die musste in Auschwitz auf Sinti- und Roma-Kinder aufpassen, deren Eltern dort ermordet wurden. Nach und nach wurden die Kinder selbst umgebracht. Die Erzählungen der Schwiegermutter wurden nun als Buch veröffentlicht: „Die Kinder von Auschwitz singen so laut! Das erschütterte Leben der Sintiza Martha Guttenberger aus Ummenwinkel“.

Das Mahnmal für die deportierten und in Auschwitz ermordeten Sinti steht in Ravensburg vor der katholischen Kirche St. Jodok. Foto: pdDas Mahnmal für die deportierten und in Auschwitz ermordeten Sinti steht in Ravensburg vor der katholischen Kirche St. Jodok. Foto: pd

Magdalena Guttenberger wohnt noch immer in der Ravensburger Sinti-Siedlung und hat erlebt, wie es war, als es noch kein fließendes Wasser gab; in den 80er-Jahren dann endlich die neuen Häuser, mit einer Spielstube, wo sie als Erzieherin arbeitete. Sie selbst ist Romni, kam als Jugendliche aus der Slowakei. Ihr verstorbener Mann war Sinto.

Einmal sei einer ihrer drei Söhne – mit dunklerer Haut – von der Schule heimgekommen und habe erzählt: „Ich bin als Türke beschimpft worden.“ Sie habe sich gedacht: „Mein Gott, was sagst du dem Kind?“ Und ihn dann beruhigt: „Sei doch stolz darauf, für einen Türken gehalten zu werden, ist doch schön. Oder sag halt einfach, du bist Italiener.“ Sie sei aber froh gewesen, dass ihre Kinder auch viele Freunde aus der „Mehrheitsgesellschaft“ hatten, die oft zu Besuch waren. „Das war nicht mehr wie nach dem Krieg, als Sinti-Kinder Außenseiterkinder waren. Meine Söhne hatten ganz innige Freundschaften, die teils bis heute bestehen.“

Auch Magdalena Guttenberger, die sich im „Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg“ engagiert, sprach in den vergangenen Jahrzehnten viel an Schulen. Das gab ihr immer Hoffnung, denn die Schüler waren interessiert, stellten zahlreiche Fragen. Inzwischen gibt es in Ravensburg auch ein Mahnmal für die umgebrachten Sinti und Roma.

Über ihre Vergangenheit mag Magdalena Guttenberger nun aber nicht mehr reden. Sie sagt mittlerweile lieber: „Ich bin deutsche Staatsbürgerin“, nicht Romni. □

Der Name „Sinti“ stammt möglicherweise von Sindh, einem Gebiet Indiens (heute Pakistans). Seit einem halben Jahrtausend leben Sinti in Deutschland – Roma vor allem in Südosteuropa. Ihre gemeinsame Sprache Romanes wird von acht Millionen Menschen gesprochen. Als Kreuzfahrer in Konstantinopel fragten, wer diese Menschen anderer Sprache seien, antwortete man ihnen auf Griechisch: „A-tinganoi“, das bedeutete: „Mit denen haben wir nichts zu tun“. Daraus wurde das Schimpfwort „Zigeuner“.

Seit 1995 sind Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Ihre hauptsächliche Interessenvertretung gegenüber der Politik ist seit 1982 der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Informationen zur Arbeit des Zentralrats im Internet: www. zentralrat.sintiundroma.de

Vertreter der Sinti und Roma sowie der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg wirken zusammen im „Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen in Baden-Württemberg“, der im Jahr 2019 sein 20. Jubiläum feierte. Der Arbeitskreis möchte Diskriminierung und Vorurteile gegen Minderheiten in Kirche und Gesellschaft kenntlich machen und überwinden sowie zur Verständigung beitragen.

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