Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bildung an einem Brennpunkt

WEILHEIM – Blinde und Sehende, Jungen und Mädchen, Christen und Muslime besuchen zusammen eine Schule in Jordanien. Unterstützt wird diese Schule von den Gemeinden Weilheim und Hirschau. Kürzlich kam der jordanische Pfarrer und Schulleiter Samir Esaid zu Besuch. 

Samir Esaid hat in Reutlingen Theologie studiert. (Foto: Andreas Straub)

Die erste seiner blinden Schülerinnen hat dieses Jahr ihr Abitur abgelegt. „Und sie war eine der besten des Landes“, sagt der jordanische Pfarrer Samir Esaid. Der Stolz ist spürbar, wenn er im Weilheimer Gemeindehaus über seine inklusive Schule in Irbid nahe der syrischen Grenze spricht. Doch längst nicht nur der gemeinsame Unterricht von Menschen mit und ohne Behinderung macht die 2001 gegründete Bildungseinrichtung einzigartig. Denn dort werden Mädchen und Jungen ebenso wie Christen und Muslime gemeinsam unterrichtet – in der Region eine absolute Ausnahme.

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Die Seniorinnen und Senioren stimmen Lieder wie „Froh zu sein bedarf es wenig“ an, bevor sie Kaffee trinken, selbstgebackene Kuchen essen und sich informieren. „Am Tisch sitzen und gemeinsam essen und trinken ist etwas urbiblisches“, sagt Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas. Dabei lerne man sich kennen und verstehen. Gemeinschaft in Frieden bedeute bei Christen auch, miteinander zu teilen. Die Arab Episcopal School (AES) in Irbid ist immer wieder auf Spenden angewiesen. Sie ist das Missionsprojekt der evangelischen Kirchen Weilheim und Hirschau. Auch die regelmäßigen Opfer aus dem Gottesdienst fließen dorthin.

Samir Esaid spricht Deutsch. Er hat evangelische Theologie in Kairo und in Reutlingen studiert. Seit 2001 ist er in Nordjordanien. „Die syrische Grenze ist nur 30 Kilometer von Irbid weg“, erklärt er. Innerhalb der letzten zwanzig Jahre sei die Einwohnerzahl von 1,1 Millionen auf 2,3 Millionen angewachsen. Gut 350?000 davon seien Flüchtlinge. „Dieses starke Wachstum bringt viele Probleme mit sich und die Infrastruktur oft an den Rand des Kollapses“, sagt Esaid. Viele Familien sind arm. Sie können sich das Schulgeld nicht leisten. Außerdem bemerkte Esaid bei seinen ersten Besuchen in der Region, dass viele blinde oder behinderte Kinder von deren Eltern nicht gerne in der Öffentlichkeit gezeigt und deshalb versteckt werden. Von Irbid bis zur nächsten Schule waren es 90 Kilometer. „Wir haben ein großes Gebäude erst renoviert und 2003 mit einem Kindergarten begonnen“, erzählt Esaid. Nachdem der Kindergarten mit einem blinden und einem sehbehinderten Kind startete, wurden bereits zum Jahresende 2003 sechs blinde und vier sehbehinderte Kinder betreut.

Im Sommer 2005 begann die erste Schulklasse. „Die Ziele der Schule sind Integration, Friedensarbeit und wohnsitznahe Bildung für alle Familien“, sagt Esaid. In einem Film, den er zeigt, ist zu sehen, wie Schrift auf einem Whiteboard stark vergrößert werden kann. Einige Schüler nutzen auch einen Computer, mit dem sie heranzoomen oder Bilder stärker kontrastieren können. Blinde und stark sehbehinderte Kinder lernen die sogenannte Brailleschrift. „Wir erwarten, dass mindestens ein Elternteil ebenfalls die Blindenschrift lernt, um helfen zu können“, sagt Esaid. Die Schule wächst stetig. So kamen ein drittes Stockwerk mit einem Außensportgelände, Computer- und Naturwissenschaftsraum für die höheren Klassen und jüngst eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hinzu. Im Schuljahr 2017/18 erhielten bereits 275 Schüler Unterricht. Davon sind 26 Kinder blind und 14 sehbehindert.

„Wir wollen den Kindern eine bessere und hoffnungsvolle Zukunft ermöglichen“, sagt Esaid. Nur ein Drittel der Kinder seien Christen, zwei Drittel Muslime. Die Kosten betragen pro Schüler etwa 1000 bis 2000 Euro im Schuljahr, inklusive Anfahrt, Schulmaterialien und Schuluniform. Die Lohnkosten für eine Lehrerin oder Erzieherin belaufen sich auf 350 bis 500 Euro pro Monat. Mit Sekretärinnen, Busfahrer und Praktikanten beschäftigt die Inklusionsschule insgesamt fast 50 Leute.

Geld wird für moderne Hilfsmittel gebraucht und für Schüler, deren Eltern das Schulgeld nicht zahlen können. Außerdem ist eine Ausbildungsstätte für blinde und sehbehinderte Jugendliche im Aufbau. „Wir wollen auch denen helfen, die nicht studieren können“, sagt Esaid. Er denkt an eine praxisnahe Ausbildung, wie sie in Deutschland erfolgreich ist.