Christliche Themen für jede Altersgruppe

Daheim eine gute Zeit haben - Interview mit Karen Silvester, Pädagogin beim SOS-Kinderdorf

Endlich Sommerferien! Allerdings: Viele Eltern haben ihre Urlaubstage während der Schließung von Schule und Kindergarten schon verbraucht oder wegen Kurzarbeit kein Geld für eine Reise. Karen Silvester, Pädagogin beim SOS-Kinderdorf, gibt im Gespräch mit Magdalena Tanner Tipps, wie Eltern und Kinder trotzdem das Beste aus der gemeinsamen Zeit machen können.

 Seifenblasen. Wiese. Spielen. Familie.Foto: Bob Dmyt / PixabyFoto: Bob Dmyt / Pixaby

Kann man sich auch zuhause wirklich erholen?

Karen Silvester: Es gibt zwei Arten von Erholung: die körperliche und die mentale. Beide sind existentiell. Gerade die mentale oder seelische Erholung ist bei Eltern in den letzten Monaten komplett auf der Strecke geblieben. Eltern sind oft nicht mehr so belastbar nach all dem Druck, den Sorgen und Ängsten der letzten Zeit. Und leider geht das oft auch auf Kosten der Kinder. Eigentlich wären Abschalten und Entspannen nötiger als je zuvor. Eltern sollten nun versuchen, gezielt Erholung im Alltag zu finden. Es ist erholsam, zeitweilig aus dem Alltag auszubrechen, Gegengewichte zur Routine zu schaffen und so die innere Balance wiederzufinden. Wer viel sitzt, sollte Sport machen, sich auspowern, sich bewegen; wer körperlich arbeitet, sollte sich und seinem Körper Ruhe gönnen. All das geht auch daheim – wenn man denn bewusst mit seinen Bedürfnissen umgeht und sich gezielt Freiräume schafft.

Im Urlaub dem Alltag entfliehen – das ist ein oft gehegter Wunsch. Aber ist diese Erwartungshaltung eigentlich sinnvoll?

Karen Silvester: Urlaub wird oft als die schönste Zeit des Jahres bezeichnet, weil man den Alltag sprichwörtlich „hinter sich“ lässt. In diesem Jahr kann diese Erwartung in vielen Fällen nicht erfüllt werden – und das hat auch sein Gutes. Man kann diese Zeit nutzen, innezuhalten und kritisch auf seinen Alltag zu schauen. Wenn der so belastend ist, dass man ihm unbedingt entfliehen will, scheint etwas in Schieflage zu sein – denn der Alltag macht doch unser Leben aus. Vielleicht sind die Ferien ohne Urlaubsreise ein guter Anlass, etwas an den eigenen Routinen zu ändern, Unzufriedenheiten in Gesprächen zu beleuchten oder sich dazu sogar Hilfe zu holen, beispielsweise in Beratungsstellen oder in Familienzentren.

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„Mir ist langweilig“ – Eltern fürchten diesen Satz.

Karen Silvester: Es gibt einen schönen Spruch: „Langeweile ist die Stille in sich, in der man sich selber hört.“ Für Kinder und Jugendliche ist Langeweile eine Triebfeder der Entwicklung! Wenn sich Kinder langweilen, können sie kreativ werden, sich selbst ausprobieren und so herausfinden, was ihre Vorlieben sind; nur so erleben sie ihre Selbstwirksamkeit. Natürlich brauchen sie auch Anreize und müssen in einer stimulierenden Umgebung aufwachsen, aber ständige Ablenkung oder „Bespaßung“ ist weder ein pädagogischer Auftrag noch sinnvoll. Das sollten sich Eltern klarmachen.

Fernglas. Staunen. Foto: Sweet Louise / PixabyFoto: Sweet Louise / Pixaby

Wie beuge ich in den Sommerferien schlechter Stimmung vor?

Karen Silvester: Wichtig ist jetzt: Sich gemeinsam kleine Auszeiten nehmen, Familienzeit bewusst einplanen und genießen, sich ein kleines Ziel setzen. Warum nicht einen Garten anlegen, die Wohnung gemeinsam verschönern, ein Wandmosaik kleben, einen Schrank bemalen? Warum nicht den eigentlich geplanten Ferienort nach Hause holen; spanisch kochen oder gemeinsam Italienisch lernen? Auch „Tagesurlaube“ sind wertvoll: Fahrradtouren, ein Picknick machen, schwimmen gehen oder bei schlechtem Wetter der gemeinsame Kinoabend mit selbstgemachtem Popcorn. Der Kontakt zu Freunden und Familie ist ja wieder möglich, so dass man Kinder tageweise verabreden oder sich mit befreundeten Familien abwechseln kann.

Und wenn die Stimmung doch kippt? Was können Eltern für sich und ihre Kinder tun, um mental stabil zu bleiben?

Karen Silvester ist promovierte Pädagogin und systemische Familientherapeutin.  Foto: Pressebild/SOS-KinderdorfKaren Silvester: Dass man selber oder die Kinder mal übellaunig sind, ist unter diesen Bedingungen ganz normal. Die Situation ist für alle herausfordernd, da sollte man ehrlich zu sich selbst sein und nicht alles beschönigen. Wenn längerfristig schlechte Stimmung herrscht, helfen oft ehrliche Gespräche mit dem Partner oder auch den Kindern selber, je nach Alter: Wie kann man Abläufe verändern oder einen neuen Anreiz setzen? Warum nicht zumindest am Wochenende mal für ein, zwei Tage ausbrechen? Eine Wanderung machen, zum See fahren oder irgendwo zelten und Sterne zählen. Sowas muss nicht viel kosten, aber alle zehren von der gemeinsamen Familienzeit.

Und wenn sich alle nur noch auf die Nerven gehen?

Karen Silvester: Dann wirkt zeitweilige Distanz Wunder. Man kann die Kinder mal bei der besten Freundin übernachten lassen oder ein paar Tage zu den Großeltern oder Paten schicken. Kinder und Eltern brauchen diesen Ausgleich gleichermaßen und eine solche Pause voneinander bringt auf lange Sicht wieder Harmonie ins Familiengebilde. Wenn allerdings die Anspannung ständig steigt, sollte man externe Hilfe in Anspruch nehmen.

Karen Silvester ist promovierte Pädagogin und systemische Familientherapeutin. Foto: Pressebild/SOS-Kinderdorf

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