Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Seenotretter aus Rottenburg - Friedhold Ulonska

Früher hat er die Segel für Urlauber gehisst, heute fährt der Unternehmensberater Friedhold Ulonska aufs Mittelmeer, um Geflüchtete vor dem Ertrinken zu retten. Menschen in Not zu helfen, ist für den Christen eine Verpflichtung.

Unternehmensberater und Seenotretter Friedhold Ulonska. Foto: privat/Friedhold Ulonska

Raus aus dem Konjunktiv: man sollte, man müsste ... Dieser Moment kam für Friedhold Ulonska vor dem Fernseher. Im Jahr 2015 war das, als viele Menschen nach Europa flohen, auch über das Mittelmeer. Für viele die letzte, tödliche Fahrt. Die Medien waren voller Bilder gekenterter Boote.

„Ich kann da was tun“, dachte Friedhold Ulonska. „Und ich mach das jetzt mal.“ Ende 50 war er damals, lebte (und lebt) in Rottenburg am Neckar, fünffacher Familienvater. Nach dem Studium der evangelischen Theologie und der Germanistik war er zuerst Redakteur, dann technischer Leiter EDV und schließlich in einer Unternehmensberatung tätig.

Am Wasser groß geworden - Seenotretter Ulonska

Aufgewachsen aber ist Friedhold Ulonska am Wasser, in Ostfriesland. Ferien machte die Familie immer auf dem Boot, und auch im Schwabenland blieb er dieser Passion treu: Er hatte alle möglichen Lizenzen erworben, ist in der Studentischen Seglergemeinschaft Tübingen aktiv und war in seiner Freizeit Kapitän für Segelreise-Unternehmen, unterwegs auf allen Gewässern Europas.

Ein erfahrener Seemann also. Genau solche Leute suchten die Organisationen, die Rettungsfahrten auf dem Mittelmeer gestartet hatten, um Geflüchtete in Seenot zu retten. Also schrieb Friedhold UIonska E-Mails an mehrere Organisationen, hörte erst mal mehrere Monate lang nichts. Bis dann plötzlich eine Anfrage kam: „Kannst du am Wochenende am Kai sein?“

Konnte er zwar nicht, aber so fanden die Organisationen und er zusammen. Friedhold Ulonska fuhr als Kapitän auf der „Sea Eye“ und der „Lifeline“ und als Offizier auf der „Sea Watch“. Jetzt ist er Kapitän auf der „Nadir“, einem Segelschiff der Organisation „Resqship“.

Die Rettungseinsätze folgen einem bestimmten Schema: suchen, Flüchtlinge in ihren Booten sichern und versorgen, also mit Rettungsringen, Rettungsinseln, Wasser, Nahrung – und mit ihnen warten, bis große Schiffe sie an Bord nehmen.

Aber so strukturiert läuft das in der Regel nicht ab. Es gab eine Phase in der Salvini-Zeit der italienischen Politik (Matteo Salvini von der immigrationsfeindlichen Lega war 2018/19 Innenminister), da durften die Suchschiffe nicht aus den Häfen. Auf drei Einsätzen war Friedhold Ulonska so zum Nichtstun verdammt.

Manchmal finden die Seenotretter nur leere Boote. Friedhold Ulonska hat auch schon Tote im Wasser treiben sehen. Und manchmal erreichen sie die Flüchtlinge gar nicht, weil die libysche Küstenwache sie vorher abgefangen hat und wieder in die berüchtigten Lager auf dem Festland schleppt.

Die libysche Küstenwache hat ein Boot abgefangen. Seenotrettung flüchtender Menschen. Foto: Friedhold Ulonska

Bilder von den Einsätzen Ulonskas: Die libysche Küstenwache hat ein Boot abgefangen. Das Boot auf dem Foto unten wird wenige Minuten nach der Aufnahme kentern, die Helfer können alle Menschen retten. Fotos: privat/Friedhold Ulonska

Seenotrettung, die Helfer können alle Menschen retten. Foto: privat/Friedhold Ulonska

Die Küstenwache geht sehr aggressiv gegen Rettungsschiffe vor. Auch mit Schüssen. Zwar nur in die Luft – aber als Friedhold Ulonska das erlebt hat, war ihm nicht wohl dabei. Man weiß ja nicht, was das Gegenüber noch so alles mit seiner Waffe macht. Von der EU finanzierte Milizen sind das, empört sich Friedhold Ulonska: „Wir reden von europäischen Werten und beteiligen uns aktiv an Menschenrechtsverletzungen – das hat mich sehr desillusioniert.“

Die Menschen sind völlig verzweifelt

Wenn die Seenotretter die oft völlig überfüllen Boote finden, weil Angehörige auf dem Festland sie angerufen haben oder weil die Schlepper den Booten Satelliten-Telefone mitgegeben haben, ist noch längst nicht alles geschafft. Wenn Friedhold Ulonska die Rettungswachen auf dem Festland anruft, hebt in Malta niemand ab: „Die kennen unsere Nummern schon.“

Oder aus Italien kommt die Nachfrage: „Sind Migranten an Bord?“ Das Land verweigert zwar nicht mehr wie unter Salvini prinzipiell das Anlegen – aber eine Woche vor dem Hafen zu warten, das kann durchaus passieren.

All das stoppt die Flüchtenden nicht. An manchen Tagen kommen auf Lampedusa, Italiens südlichster Insel, 1000 Flüchtende an, schätzt Friedhold Ulonska. Die meisten schaffen es dabei alleine, der Anteil derjenigen, die von Rettungsschiffen an Land gebracht werden, wird auf zwölf Prozent geschätzt.

Wie entschlossen die Menschen nach Europa wollen, hat Friedhold Ulonska erst kürzlich auf der „Nadir“ erlebt. Sie waren zu einem Boot gekommen, dessen Motor ausgefallen war. Ein primitiv zusammengezimmerter Holzkahn, der in einem Unwetter in den Wellen trieb und zu kentern drohte. Über hundert Menschen waren in Panik: „Sie haben geschrien, gewimmert, geheult.“

Ein Schiff der tunesischen Küstenwache kam zuerst hinzu und bot an, die Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Erwachsene Männer fielen vor den „Nadir“-Leuten auf die Knie und baten, sie nicht auszuliefern. Manche sprangen ins Wasser: „Die Menschen waren so verzweifelt, es war richtig schlimm.“ Die Situation klärte sich, als ein größeres spanisches Rettungsschiff dazukam, die Flüchtlinge an Bord nahm und die Tunesier sogar kooperierten bis zum Kontakt mit Italien.

Dieses Erlebnis bestärkt Friedhold Ulonska in seiner Auffassung, dass der Vorwurf des sogenannten Pull-Effekts (die Existenz von Rettungsschiffen animiere zur Flucht) absurd ist: „Die Leute sind so verzweifelt, die probieren es auf jeden Fall, nach allem, was sie in ihrem Leben schon durchgemacht haben.“

Ein seeuntüchtiges Schlauchboot, vollgepackt mit Menschen. Foto: privat/Friedhold UlonskaEin seeuntüchtiges Schlauchboot, vollgepackt mit Menschen. Foto: privat/Friedhold Ulonska

Sie bringen sich dadurch in Gefahr, auf die man reagieren müsse: „Es gibt eine Pflicht zu helfen. Wir sind wie die Feuerwehr: Wenn ein Haus brennt, redet man nicht über Brandschutz, sondern löscht. Auch bei Unfällen wird sofort geholfen und keiner fragt: War der selber schuld, ist das ein guter Mensch?“ Klar ist ihm: „Das löst keine Migrationsprobleme in Europa.“ Und bewusst ist ihm auch: „Es gibt keine einfache Lösung. Und ich kann auch nicht alle Probleme lösen – dafür sind die Politiker da, die sollen sich etwas einfallen lassen.“

Friedhold Ulonska bleibt da ganz sachlich-pragmatisch, macht auch nicht viel Worte um die Gefahren seiner Arbeit wie heftige Stürme: „Ich bin auf der Seite derer, die eine Verpflichtung empfinden, anderen zu helfen, die in einer aussichtlosen Situation sind. Und das können wir auch. Alles andere ist nicht zu vereinbaren mit humanistischen oder christlichen Werten.“

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