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Der Turm der vielen Glocken

In der Stiftskirche in Herrenberg gibt es das einzige Glockenmuseum Württembergs. Es ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes: 36 der dort ausgestellten Glocken können nämlich auch geläutet werden. Ein Erlebnis für Augen und Ohren, das man so schnell nicht vergisst.

Lauter die Glocken nie klingen: Wer den Turm der Stiftskirche in Herrenberg besteigt, ist ganz nah am Geläut dran. (Fotos: Andreas Steidel)

Einst gab es zwei Fachwerktürme auf der Stiftskirche in Herrenberg. 1749 riss man sie ab und ersetzte sie durch einen einzigen Kirchturm mit barocker Zwiebelhaube. Mit der Folge, dass der neue Turm nun sehr breit war und viel Platz in seiner Glockenstube hatte.

Das war auch Dekan Dieter Eisenhardt aufgefallen. Als er 1986 nach Herrenberg kam, war die Stiftskirche gerade frisch saniert worden. Die Stabilität des Turms im Westwerk hatte sich dadurch noch einmal verbessert. Da konnte man etwas draus machen.

1990 wurde das Museum mit elf Glocken eröffnet. Von Anfang war dabei die Idee, die Glocken nicht nur auszustellen, sondern sie funktionsfähig in den Dachstuhl zu integrieren. „Glockenmuseen gibt es einige“, sagt Burkhard Hoffmann vom Verein zur Erhaltung der Stiftskirche, „aber dass man sie alle hören und läuten kann, ist eine Rarität.“ Der Verein zur Erhaltung der Stiftskirche ist der Betreiber des Glockenmuseums. Hoffmann kam vor zehn Jahren von Westfalen nach Württemberg, ein Handwerker im Ruhestand, der ein Betätigungsfeld suchte.

Rund um die Stiftskirche fand er es. Im Verein, dem er heute vorsitzt, und in der Bauhütte der Kirchengemeinde, die dafür sorgte, dass der Dachstuhl auch die Glockenlast zu tragen vermochte. Mitte der 90er-Jahre gingen sie ans Werk, zogen Zwischengeschosse ein und ein Gebälk mit besonderer Verstrebung.

So können hier selbst die größten Glocken zum Schwingen gebracht werden. Die Gloriosa zum Beispiel, das mit 3,6 Tonnen schwerste Exponat des Glockenmuseums. Über Umwege kam sie aus der Schweiz hierher, wo man sie ausrangiert und stillgelegt hatte. Sie liefert den Grundton des Herrenberger Festgeläuts und sorgt tagsüber für den Stundenschlag.

Man kann viel lernen im Glockenmuseum. Den Unterschied etwa zwischen dem Läuten und dem Schlagen. Im letzteren Fall bekommt die ruhende Glocke von außen eine drauf. Beim Läuten jedoch schwingt der gesamte Glockenkörper inklusive Klöppel mit.

Ein beeindruckendes Erlebnis mit einer atemberaubenden Klangfülle. Oft zittert der ganze Raum, können die Besucher fast körperlich spüren, wie sich die Schallwellen ausbreiten. Sicherheitshalber weisen Burkhard Hoffmann und seine Kollegen die Gäste darauf hin, dass sie vor dem nächsten Läuten auch draußen auf die Turmgalerie am Freiluftumgang des Turmes gehen können: „Nicht jeder hält das aus.“

Die meisten jedoch kommen, weil sie das alles aus nächster Nähe erleben wollen. Es sind Glockenfreunde aus ganz Deutschland, die sich nach Herrenberg aufmachen. Sie bringen Aufnahmegerät und Zeit mit, interessieren sich für jedes klangliche Detail der wuchtigen Klangkörper im Dachstuhl.

Gloriosa ist die größte aller Glocken

Heute beherbergt das Glockenmuseum Ausstellungsstücke aus 1200 Jahren. Eine Zeitreise durch die Geschichten der Glocken, die erst dann richtig zu klingen begannen, als man sie aus Bronze goss. So gibt es einen Nachguss der im 10. Jahrhundert entdeckten Haithabu-Glocke und eine Replik einer romanischen Glocke aus Thüringen.

Die älteste aller Herrenberger Glocken und keine Nachbildung ist die Armsünderglocke. Sie gilt sogar als eine der ältesten Glocken Württembergs. Gegossen wurde sie im frühen 13. Jahrhundert und hat die im Spätmittelalter häufige Zuckerhutform. So kann man im Herrenberger Glockenmuseum den Wandel des Glockenstils mitverfolgen und auch verstehen lernen, welche Funktionen sie einst hatten. Es war ein Signal für alle, als man noch lange keine Uhr kannte. Noch heute klingen die Herrenberger Glocken nach einer ausgeklügelten Läuteordnung, die um ein Zigfaches komplexer ausfällt als in den anderen Kirchen des Landes.

Das liegt auch daran, dass die Glockensammlung im Laufe der Jahre immer weiter wuchs. So hatte Museumsgründer Eisenhardt irgendwann die Idee, für ein Zimbel-Geläut Glocken von sämtlichen noch aktiven Gießereien im deutschsprachigen Raum zu bestellen.

Heraus kam ein Ensemble von zwölf hochtönenden Kleinglocken, die das akustische Sahnehäubchen des Herrenberger Geläuts bilden. Zu den Zimbelglocken gehört mit der Minima auch das kleinste der Museumsexponate: Sie wiegt nur 26 Kilo und bedurfte selbstverständlich keiner Spezialverstärkung durch die Bauhütte.

Sind die Zimbelglocken das Sahnehäubchen, so bildet das Carillon gewissermaßen die Crème de la Crème der Sammlung: 2012 wurde das 50-stimmige Glockenspiel angeschafft. Es kann sowohl automatisch als auch von Hand gespielt werden: Mehrmals im Jahr kommen erfahrene Carilloneure und bedienen mit Leidenschaft den Spieltisch.

Die neueste aller Herrenberger Anschaffungen ist die Vaterunser-Glocke: 2020 löste sie die rissig gewordene Guldenglocke ab, die durch die Entnahme im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden abbekommen hatte. Dank eines Sponsors war die Anschaffung des rund 60 000 Euro teuren Gusswerks möglich. Museumsgründer und Dekan i. R. Dieter Eisenhardt lieferte auch hier die Glockenzier: Die Eisenhardt-Engel sind längst ein Markenzeichen der Herrenberger Glocken.

Wer sie auf eine besonders intensive Art und Weise erleben möchte, besucht eines der monatlich stattfindenden Herrenberger Glockenkonzerte. „Jedes hat seinen eigenen Charakter und ein eigenes Programm“, sagt Burkhard Hoffmann. Ein Klangteppich, an dem die Herrenberger nun schon über 30 Jahre mit handwerklichem Geschick und großer Hingabe weben.

Information

Das Herrenberger Glockenmuseum ist mittwochs von 14.30 bis 17 Uhr, samstags von 14.30 bis 18.30 Uhr und sonntags von 11.30 bis 17 Uhr geöffnet. Samstags um 18 Uhr kann man das Sonntagsgeläut aus der Nähe erleben. Jeden ersten Samstag im Monat findet um 17 Uhr ein Glockenkonzert statt. Weitere Informationen unter www.glockenmuseum-stiftskirche-herrenberg.de. Die Herrenberger Stiftskirche ist täglich außer montags geöffnet, ab 13 Uhr gibt es dort auch einen Ansprechpartner.

 

 

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