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Die Bordseelsorgerin - Pfarrerin auf einen Kreuzfahrtschift

Pfarrerin Bärbel Hartmann hat jahrelang das Stift Urach geleitet. Im Ruhestand hat sie etwas ganz Neues ausprobiert: Bordseelsorgerin auf einem Kreuzfahrtschiff. Dreimal war sie auf hoher See und hat dabei viele Menschen von einer ganz persönlichen Seite kennengelernt.

Bärbel Hartmann war als Seelsorgerin an Bord. Ihre letzte Reise führte nach Südamerika, zu den Gletschern der Magellanstraße. Foto: PrivatGroßartige Landschaften, intensive Gespräche: Bärbel Hartmann war als Seelsorgerin an Bord. Ihre letzte Reise führte nach Südamerika, zu den Gletschern der Magellanstraße. Foto: Privat

Manchmal reist man, um etwas zu vergessen. Eine schlimme Beziehungskrise, einen Todesfall, den Verlust eines geliebten Menschen. Bei einer Kreuzfahrt möchte man auf andere Gedanken kommen.

Doch oft genug bleiben die leidvollen Erinnerungen nicht zu Hause, kommen die Probleme nach ein paar Tagen der Ablenkung mit aller Vehemenz wieder zurück. Dann ist es gut, wenn da jemand zum Reden ist. Eine Bordpfarrerin zum Beispiel, eine Vertrauensperson, die weiß, wie man mit so etwas umgeht.

Immer wieder hat Bärbel Hartmann es erlebt, dass Passagiere nach der Morgenandacht oder nach dem Gottesdienst auf sie zukamen. Ein kurzer Blickkontakt, eine vorsichtige Annäherung, schließlich die Frage: „Könnte ich mit Ihnen sprechen?“

Die Morgenandacht an Seetagen gehört zum Standardprogramm einer Bordseelsorgerin, der ökumenische Gottesdienst am Sonntag auch. Auf diese Abläufe wird man vorbereitet, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) lädt ihre Schiffspastoren zu einem Vorbereitungstreffen nach Hannover ein.

2017 ging Pfarrerin Bärbel Hartmann das erste Mal an Bord als eine von etwa 1200 Passagieren. Das war kurz bevor ihr Ruhestand begann, zuletzt hatte sie zwölf Jahre lang das Einkehrhaus der Landeskirche im Stift Urach geleitet. „Der Umgang mit Gästen war mir vertraut“, sagt sie, „mit Menschen, die sich in einer Urlaubssituation befinden.“

Neu war für sie hingegen das Erlebnis Kreuzfahrt. Sie wollte es ausprobieren, auch weil sie über Aufgaben im Ruhestand nachdachte. Die erste Schiffsreise ging von Bremerhaven zum Nordkap, die zweite ein Jahr später von Athen nach Venedig, die dritte 2020 von Lima nach Kap Hoorn.

Vor allem die Südamerika-Reise hinterließ nachhaltige Eindrücke. Die Reise auf der Magellanstraße, die Gletscher im Eismeer, das Kennenlernen eines anderen Kontinents. Die Bordpfarrerin begleitete die Passagiere auf ihren Landausflügen, suchte mit ihnen den Kontakt, gab sich als Ansprechpartnerin zu erkennen.

Wenn die Sorgen mitreisen

Als Bordseelsorgerin ist man auch für das Personal da und muss überdies für den Fall gerüstet sein, dass es unterwegs einen Not- oder Todesfall gibt: „Zum Glück“, sagt Bärbel Hartmann, „ist so etwas bisher nicht vorgekommen.“

Die Gespräche, die sie führt, sind dennoch intensiv: Da beschwert sich ein Gast über die Kirche im Allgemeinen, ein anderer darüber, dass bei der Seelsorge immer nur bestimmte Gruppen berücksichtigt werden. Ostdeutsche meckern über Westdeutsche, Westdeutsche lassen sich über Ostdeutsche aus: „Ganz erstaunlich, welche Emotionen da noch immer hochkommen.“

Die unterschiedlichsten Menschen lernt man an Bord eines Kreuzfahrtschiffes kennen: Da gibt es die, die sich einen Lebenstraum erfüllen, und andere, die so viel Geld haben, dass sie fast immer unterwegs sind. Bordpfarrerin Hartmann setzt sich zu ihnen an den Tisch, wenn es gewünscht ist, plaudert ganz ernsthaft oder auch heiter unverbindlich, je nachdem, was die Situation erfordert.

Eine durchaus intensive Aufgabe: „Wenn man es ernst nimmt“, lautet ihre Bilanz, „ist es Arbeit.“ Eine schöne Arbeit freilich in einer schönen Umgebung. Nach dem (hoffentlichen!) Ende der Corona-Krise will sie es 2023 noch einmal wissen. Zumal sie auch festgestellt hat, dass sie seefest ist: Ein paarmal hat es richtig gestürmt, die Bordseelsorgerin aber blieb dabei stets standhaft wie ein Fels in der Brandung.

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