Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die letzte Wohngemeinschaft

ENINGEN – Im Hospiz Veronika finden todkranke und sterbende Menschen seit mittlerweile zwei Jahrzehnten ein Zuhause auf Zeit. „Hier findet intensiv verdichtetes Leben statt“, sagt Andreas Herpich, der das Hospiz leitet.


Die Zimmer im Hospiz haben einen Balkon oder eine Terrasse. (Foto: Gabriele Böhm)


„Als mich der damalige Leiter Ulrich Hufnagel ansprach, ob ich die Leitung des Hospizes in Eningen übernehmen möchte, habe ich es mir gut überlegt. Und nie bereut“, berichtet Andreas Herpich. Im Hospiz Veronika lebe man mit den Gästen, die die acht Zimmer bewohnen, zusammen wie in einer Wohngemeinschaft. „Wir essen zusammen, reden miteinander und versuchen, das Leben in den Mittelpunkt zu stellen.“

Ehrenamtliche sind unverzichtbar

22 Hauptamtliche, fast alle in Teilzeit, 21 Pflegekräfte und eine Sozialarbeiterin kümmern sich um die Gäste. Hinzu kommen 20 Ehrenamtliche, die, sagt Herpich, unverzichtbar seien. Herpich hat Krankenpfleger gelernt und war fast zehn Jahre lang beim „Tübinger Projekt“ beschäftigt, einem ambulanten Palliativdienst, der es Schwerstkranken und Sterbenden ermöglicht, zu Hause wohnen zu bleiben. Eine weitere halbe Stelle hatte der 52-Jährige als Dozent an der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie in Stuttgart.

Bis 2021 war das Eninger Hospiz allein für die Landkreise Reutlingen und Tübingen zuständig. Seit Oktober letzten Jahres hat auch Tübingen ein eigenes Hospiz, seit September gibt es zudem das Hospiz der Samariterstiftung in Münsingen. Die acht Plätze, die jeweils zur Verfügung stehen, seien eine bewährte Größe, um den Charakter einer Wohngemeinschaft zu ermöglichen. Mit drei Hospizen sei die Region gut versorgt, findet Herpich.

Das Hospiz Veronika unter der Trägerschaft der Keppler-Stiftung ist für die Gäste kostenlos. Es finanziert sich zu 95 Prozent über die Krankenkasse und zu fünf Prozent aus Spenden. „Hospize sollen immer durch die Bürgerschaft mitgetragen werden, um deutlich zu machen, dass Sterben mitten in das Bewusstsein der Gesellschaft gehört“, sagt der Leiter. Seit 18 Jahren hat das Eninger Hospiz einen engagierten Förderkreis mit rund 300 Mitgliedern.

Gerade wurde die Renovierung des Hospizes mit neuen Böden, Farben und Möbeln abgeschlossen. Die zurückhaltenden Farben sollen es den Bewohnern ermöglichen, ihr Zimmer nach eigenem Geschmack zu gestalten. „Es geht uns im Hospiz insgesamt darum, herauszufinden, was unsere Gäste brauchen und wo wir sie bestmöglich unterstützen können“, sagt Andreas Herpich. Deren Bedürfnisse sind so verschieden wie ihr Alter und das Krankheitsbild. Manche sind nur wenige Stunden im Hospiz, andere über ein Jahr, einige wenige können wieder nach Hause oder in eine Pflegeeinrichtung. Die durchschnittliche Wohndauer beträgt rund drei Wochen.

Außer der medizinischen Versorgung gehe es vor allem um das menschliche Miteinander. „Sowohl das Hospizpersonal als auch die ins Haus kommenden Ärzte tragen Alltagskleidung“, sagt Herpich. „Damit wollen wir deutlich machen, dass wir alle eine Gemeinschaft sind.“ Zwar könne rund die Hälfte der aktuellen Gäste gar nicht oder nur mit Mühe aufstehen, aber man probiere, was möglich sei.

Reden, spielen, singen, malen, Ausflüge, gemeinsam essen – es gehe bei weitem nicht immer um Krankheit und Sterben. „Manche sagen, so eine Fürsorge hätten sie noch nie kennengelernt. Wieder andere können nur schwer Hilfe annehmen. Auch das müssen wir dann akzeptieren.“ Manchmal, sagt Herpich, fänden im Hospiz mehr existentielle Prozesse statt als im Leben vorher. „Da kommen Themen auf wie Versäumtes, mögliche begangene Fehler, das Leben nach dem Tod, aber auch alles Schöne, was man erlebt hat.“ Es zeige sich, dass es guttue, Dinge zu verarbeiten und sein Leben und seine Beziehungen zu klären.

Wer mit Todkranken und Sterbenden arbeite, müsse authentisch sein. „Man kann hier keine Rollen spielen. Man kann nur in hohem Maß man selbst sein und muss bereit sein, sich selbst zu zeigen.“ Ihm selbst gebe seine Gewissheit Kraft, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende sei. „Wenn man so oft beim Tode dabei ist, spürt man, dass da noch eine andere Dimension ist. Es gibt mehr als nur unsere materielle Welt.“

◼ Am 1. Oktober lädt das Hospiz von 10 bis 16 Uhr zum Tag der offenen Tür ein, Schillerstraße 60, Eningen unter Achalm, Telefon 07121-8201380, www.hospiz-veronika.de


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