Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Sprache der Leute sprechen

TÜBINGEN – Die an der Universität gelehrte wissenschaftliche Theologie und der Alltag eines Pfarrers wirken oft wie zwei getrennte Welten. Bei einer Tagung im Evangelischen Stift ging es nun darum, wie sich Wissenschaft und Gemeindeleben verbinden lassen.


Blick in die Gesprächsrunde (von links): ­Martin Bauspieß, Dekan Ernst-­Wilhelm Gohl, Dekan Niklaus Peter, Inge Kirsner, Oberkirchenrat Ulrich Heckel und Simon Wandel, der Organisator der Tagung. (Foto: Martin Janotta)



Niklaus Peter bringt es auf den Punkt. Das Kamingespräch der Tagung „Wissenschaftliche Theologie im kirchlichen Dienst“ im Stift ist schon vorangeschritten, als der promovierte Theologe und Dekan aus Zürich den Gemeindealltag kurz und klar beschreibt: „Meiner Erfahrung nach sterben die Leute unkontrolliert und sie kommen auch unkontrolliert zu Gesprächen.“ Für einen Gemeindepfarrer sei es schwer, Zeit für wissenschaftliche Arbeit einzuplanen, zu oft komme eine Beerdigung oder ein Gespräch dazwischen. Aber: „Es gibt immer wieder auch erstaunliche Freiräume.“ Für die rund 25 Zuhörer ein Grund zum Aufatmen. Denn sie eint der Wunsch, zwei oft getrennte Welten zu verbinden – Wissenschaft und Pfarrdienst.

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Simon Wandel treibt das Thema schon lange um. Der 34-Jährige hat Doktorarbeit und Vikariat hinter sich, als Repetent am Stift bietet er Lehrveranstaltungen an und ist Ansprechpartner für Studierende. Wandel hat die Tagung organisiert, der Oberkirchenrat übernahm die Schirmherrschaft.

Die zweitägige Tagung soll Nachwuchswissenschaftler dazu einladen, sich über das eigene theologische ­Spezialgebiet hinweg auszutauschen. Außerdem soll sie die Landeskirche als Institution und die Wissenschaftler zusammenbringen und zeigen, ob wissenschaftliches Arbeiten, nach Promotion und Habilitation, im Pfarramt Raum hat.

Vor allem diesem dritten Zweck dient das abendliche Kamingespräch, das zwar ohne Kamin auskommen muss, nicht aber ohne gehaltvolle Gedanken. Dabei konnten die Teilnehmer der Tagung im Vorfeld des Gesprächs ihre Fragen an eine Pinnwand schreiben. Zum Beispiel, wie groß eigentlich das Interesse an wissenschaftlicher Theologie in der Gemeinde ist. „Natürlich fragt niemand in der Gemeinde: Was macht die wissenschaftliche Theologie?“, sagt dazu Oberkirchenrat Ulrich Heckel, promoviert und habilitiert, seit 2010 zusätzlich zu seinem Amt in der Landeskirche Professor in Tübingen. Doch böten sich Anknüpfungspunkte, etwa bei Themen wie Abendmahl und Schriftverständnis, und manche Gemeindeglieder möchten bewusst gefordert werden. So habe eine Frau ihm einmal gesagt: „Bei Ihnen muss man immer ganz genau zuhören bei der Predigt – aber es lohnt sich.“

Oft seien die Leute aufgeschlossen und interessiert an Doktorarbeits-Themen, bestätigen auch die anderen Gesprächspartner. Sofern es dem Promovierten gelinge, sein Thema verständlich zu machen. „Gefahr: Sprache des Elfenbeinturms“ steht daher auf einem Pinnwand-Zettel. „Im akademischen Betrieb wird man auf eine Sprache getrimmt, die nicht die Sprache der Leute ist. Das muss man sich abtrainieren“, sagt Niklaus Peter. Ein Problem, das auch andersrum besteht, erzählt Martin Bauspieß. Der promovierte Theologe kehrte nach einigen Jahren Pfarrdienst an die Universität zurück und musste sich wieder an die akademische Sprache gewöhnen.

Der beste Ort, um seine Sprache von Überkompliziertem zu befreien, sei die Schule, sagt Inge Kirsner, habilitierte Theologin und Hochschulpfarrerin in Tübingen. Um eine neunte Klasse zu motivieren, müsse man alle Phrasen beiseitelassen. Sie wünscht sich, dass das Studium angehende Pfarrer mehr auf den Schuldienst vorbereitet – um ihnen zu ersparen, was Inge Kirsner selbst mitmachen musste: „Ich kam frisch von der Uni und musste ohne Vorbereitung Erstklässler unterrichten.“

„Welche Zeit hat man im Pfarralltag?“ Die Frage prangt ganz oben auf der Pinnwand. Kontinuierliche wissenschaftliche Arbeit sei mit dem Pfarramt schwer vereinbar, sagt Martin Bauspieß. Aufsätze und Vorträge könne man schreiben, eine Habilitationsschrift nicht. Zusätzlich erschwere den Austausch zwischen Gemeindealltag und Wissenschaft, dass die Jahre im Pfarramt bei der Berufung auf eine Professur keine Rolle spielen. „Dadurch fördert man, dass auf Lehrstühlen Leute sitzen, die kaum Praxiserfahrung haben.“

Manchmal erfahren Promovierte auch Ablehnung aus den Gemeinden. „Sind Sie ein Gelehrter oder ein Bekehrter?“ Das sei ein Freund mit Doktortitel zu Beginn des Vikariats gefragt worden, erzählt Simon Wandel. Ernst-Wilhelm Gohl hat andere Erfahrungen gemacht. „Oft sind Gemeinden stolz darauf, dass sie einen promovierten Pfarrer haben“, sagt der Ulmer Dekan. Für Ulrich Heckel hat ein Doktortitel „eine Verstärkerfunktion, im positiven wie im negativen Sinne“. Je nachdem, wie ein Promovierter in der Gemeinde Fuß fasse, könne der Titel Vorteil oder Last sein.

Wie lassen sich Wissenschaft und Kirche enger miteinander verzahnen? Dafür haben die Gesprächspartner verschiedene Ideen. Ulrich Heckel denkt an gemeinsame Ringvorlesungen von Landeskirche und Fakultät, wie zum Reformationsjubiläum. Ernst-Wilhelm Gohl sieht das Fach „Praktische Theologie“ an der Universität in der Pflicht, dort erlebe er „zu viel Abschottung“. Und Martin Bauspieß wünscht sich, dass in der Vikarsausbildung die Wissenschaft mehr berücksichtigt werde als bisher. Denn die Gemeindearbeit bringe einen auf neue theologische Fragen.

Die Tagungsteilnehmer sind jedenfalls froh über die Ermutigung zum Gemeindedienst, den die Gesprächsrunde ihnen mitgegeben hat. „Ich finde es gut, Fakultät und Landeskirche mehr miteinander zu verzahnen, damit Wissenschaft und Pfarrdienst nicht einfach nur nebeneinander existieren“, sagt Jonas Frank, der in Kirchengeschichte promoviert und bald ins Vikariat geht.

Auch Simon Wandel ist mit den Ergebnissen zufrieden. „Von allen Seiten wurde Lust auf den Dienst in der Kirche gemacht. 90 Prozent der Doktoranden werden ja nicht an der Uni bleiben – und es war schön zu sehen, wie viel Liebe und Leidenschaft für die Praxis die Anwesenden gezeigt haben.“