Christliche Themen für jede Altersgruppe

Diese Miete hat sich gelohnt

TETTNANG (Dekanat Ravensburg) – Viele Deutsche sind noch nie mit Juden ins Gespräch gekommen. Die Organisation „Rent a Jew“ („Miete einen Juden“) möchte dies ändern und vermittelt jüdische Gesprächspartner. Auch die Martin-Luther-Gemeinde hat sich für ihre „Tischreden“ einen Juden „gemietet“: David Holinstat, der mit viel Humor von sich und seinem Glauben erzählte. 


Mit David Holinstat kamen die Tettnanger gerne ins Gespräch. (Foto: Brigitte Geiselhart)

„Kennen Sie einen Juden? Nein? Mieten Sie einen!“ So steht es auf der Homepage von „Rent a Jew“ – einer Initiative, die von der Europäischen Janusz Korczak Akademie ins Leben gerufen wurde. Einen Juden „mieten“? Ist das nicht despektierlich gemeint? Eben nicht. Sicherlich provokativ formuliert, in jedem Fall herrlich respektlos und bestens dafür geeignet, im lockeren Dialog das oft abstrakte Bild von Juden aufzubrechen und ihnen ein Gesicht zu geben. Rent a Jew vermittelt ehrenamtliche Referentinnen und Referenten an Bildungseinrichtungen oder auch Kirchengemeinden. Die Martin-Luther-Gemeinde in Tett­nang hat von diesem Angebot im Rahmen ihrer seit Jahren traditionell veranstalteten „Tettnanger Tischreden“ Gebrauch gemacht. Mit Erfolg: Viele sind da, Jüngere und Ältere. Und erhalten nicht nur Informationen zum Judentum, sondern obendrein noch viel Humor mitgeliefert.

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Das liegt an David Holinstat, dem Referenten des Abends. Ein typischer Jude? Eigentlich nicht. Aber was heißt schon „typisch“? Der 64-Jährige seit wenigen Monaten pensionierte Informatiker stammt ursprünglich aus Los Angeles in Kalifornien, ist mit einer deutschen Protestantin verheiratet und lebt seit 1982 in Herrenberg. „Ich spreche nur zwei Sprachen – Englisch und Deutsch“, sagt er mit nach wie vor charmantem amerikanischem Akzent. Hebräisch? „Ich hab’s zweimal versucht zu lernen. Leider erfolglos“, ergänzt er bedauernd. „Ich bin jüdisch, aber säkular erzogen worden. Meine Eltern gingen nicht zur Synagoge“, erklärt er. Den religiösen Hintergrund habe er sich erst im Alter von 30 bis 40 Jahren „angelesen“, als er nach seinen Wurzeln gesucht und sich damit auseinandergesetzt habe. Seit etwa 15 Jahren sei er mittlerweile in der jüdischen Gemeinde in Stuttgart aktiv. Natürlich erzählt David Holinstat nicht nur über sich selbst, er geht in seiner Vorstellung auch auf das jüdische Brauchtum ein, spricht über das jüdische Leben in Deutschland – und über Vorurteile, die ihm immer wieder zu Ohren kommen. „Ist es wahr, dass Juden jeden Abend Wein trinken müssen?“, sei er einmal gefragt worden.

Der Abend wird allerdings alles andere als ein Monolog. Bei weit über 100 Gästen sind jede Menge Fragen vorprogrammiert. „Ob Juden Christen heiraten dürfen?“, will zum Beispiel jemand wissen. „Ja – aber nur die wenigsten Rabbiner würden die Trauung vornehmen“, weiß David Holinstat. „Meine Frau und ich sind auch nicht jüdisch verheiratet.“

Die Idee, einen jüdischen Gesprächspartner einzuladen, hatte Pfarrerin Martina Kleinknecht-Wagner. Im Religionsunterricht, so erzählt sie, habe sie ihre Schüler gefragt, wer denn jüdische Mädchen oder Jungen kenne – und sei nur auf betretenes Schweigen, im Bewusstsein der deutschen Vergangenheit auch teilweise auf Scham gestoßen. „Umso wichtiger ist es, zu erzählen, zu fragen und miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt sie. Dass die Jugendlichen das Thema interessiert, zeigt ein Blick in die Runde. „Coole Sache und mal ein ganz anderer Religionsunterricht. Auf jeden Fall authentisch und interessant“, sagt etwa die 16-jährige Elena Schwarzbach, die wie die anderen jungen Leute, die an diesem Tisch Platz genommen haben, die 10. Klasse des Tettnanger Montfort-Gymnasiums besucht.

Gibt es viele Juden in Deutschland? In Baden-Württemberg sind 3000 Juden offiziell gemeldet, 60 Prozent davon leben im Großraum Stuttgart. „Wer in ländlichen Gemeinden wie Tettnang noch keinem Juden begegnet ist, braucht sich also nicht zu wundern“, so einer der vielen humorvollen Kommentare von David Holinstat. Laut offizieller Statistik machen Juden demnach rund 0,1 Prozent der Bevölkerung aus, was auf das Bundesgebiet bezogen einer Zahl von knapp 100.000 entspricht. „Wir gehen aber davon aus, dass es doppelt so viele sind“, betont David Holinstat. „Einige möchten ihre religiöse Zugehörigkeit einfach nicht preisgeben.“

Das hänge vielleicht noch damit zusammen, dass man als Jude in Deutschland das „Privileg“ habe, acht Prozent der Einkommenssteuer abführen zu dürfen. „Ich habe gehört, diese Einstellung gibt es auch bei manchen Christen“, sagt er mit schelmischem Unterton. Dass von den Medien, aber auch von der Bevölkerung nur die ultraorthodoxen Juden wahrgenommen würden und diese somit dem jüdischen „Klischee“ entsprächen, auch davon spricht David Holinstat. „Aber die meisten Juden passen eben nicht in dieses stereotype Schema“, wie er mahnend betont.

Welchem der zwölf Stämme Israels er denn angehöre, will eine Fragestellerin vom Referenten wissen. „Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich aus keiner Priesterfamilie komme“, räumt dieser ein – fügt aber erklärend hinzu, dass im Laufe der Zeit zehn Stämme „verloren gegangen“ seien. Dass er sich – nachdem er sich in Deutschland mit dem jüdischen Glauben auseinandergesetzt habe – in der jüdischen Gemeinde in Stuttgart wohl und zuhause fühlt, daran lässt David Holinstat allerdings keinen Zweifel.

Die Zuhörer fragen weiter und erfahren viel Neues. Wer weiß als Nicht-Jude schon, dass es 39 Regeln für den Sabbat gibt? „Zum Beispiel darf man kein Feuer machen“, führt Holinstat aus. „Wenn ich den Lichtschalter betätige, kann das in der Glühbirne einen Funken erzeugen, also Feuer. Für die Orthodoxen ist das verboten.“ Er persönlich sehe das etwas anders. Für ihn sei der Sabbat der Tag, um Zeit zu haben, um nachzudenken, sich auszuruhen und nicht zu arbeiten. „Ich denke, wenn ich Wäsche wasche, verstoße ich gegen die Sabbat-Regeln“, sagt er. „Aber das Licht schalte ich an.“

Alles, was sich rund ums Essen dreht, ist immer interessant – auch und gerade wenn es um die Gebräuche und Vorschriften in den unterschiedlichen Religionen geht. Pfarrer Thomas Wag-ner hat sich zum Beispiel vor der Veranstaltung im Internet schlau gemacht und festgestellt, dass Bier koscher sei. Seinem Gast, der im Übrigen in Tettnang zum ersten Mal eine Hopfenplantage gesehen hat, eine Flasche richtig guten Tettnanger Bieres zu servieren, scheint genau die richtige Überlegung gewesen zu sein. „Was aber passiert, wenn man als Jude nicht koscher isst oder trinkt?“, fragt eine Besucherin. „Nichts“, kontert David Holinstat trocken. „Ich werde nicht vom Blitz erschlagen.“

Trotzdem hat sich Mitorganisatorin Uschi Tonhauser viel Mühe gegeben, auch wenn sie nicht mit Sicherheit behaupten kann, dass die auf den Tischen bereitgelegten Leckereien wirklich koscher sind. Ihre Schokoladen- und Sesamkekse sind jedenfalls nach einem Kochbuch gebacken, das aus dem jüdischen Museum im österreichischen Hohenems stammt, wie sie erklärt. Ihre Blätterteigtäschchen „Burekas“ seien mit verschiedenen Käsesorten gebacken. „Aber auf keinen Fall Fleisch mit Käse gemischt.“

Irgendwie geht der Abend für alle viel zu schnell vorbei. Das Resümee der Anwesenden ist mehr als positiv. „Wir haben viel erfahren und sind doch überrascht, wie wenig man über jüdische Mitbürger und jüdisches Leben eigentlich weiß“, sind sich die Zehntklässler des Montfort-Gymnasiums offensichtlich einig. Und die koscheren Plätzchen haben ihnen auch geschmeckt.