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Ein Rockstar und seine Wurzeln

Der Amerikaner Billy Joel ist mit über 80 Millionen verkaufter Platten und CDs einer der erfolgreichsten Rock- und Pop-Musiker der Welt. Am 9. Mai wird er 70 Jahre alt. Seine ungewöhnliche Familiengeschichte geht nach Nürnberg zurück, wo sein jüdischer Großvater einen Wäschegroßhandel eröffnete, der zur Grundlage des Versandhausimperiums von Josef Neckermann werden sollte. 

Christine Der Grabstein von Billy Joels Vater Helmut und seinen Großeltern Karl und Meta auf dem jüdischen Friedhof in Nürnberg. (Foto: Andreas Steidel)


Auf dem jüdischen Friedhof in Nürnberg steht auf der linken Seite, inmitten vieler anderer Grabfelder, ein unscheinbarer dunkler Stein mit drei Namen: Meta Joel (1893–1971), Karl Joel (1889–1982) und Helmut Joel (1923–2011). Im Tod sind sie dort wieder vereint, wo sie einst herkamen: in Nürnberg. Zurück in der fränkischen Heimat, die sie über ein halbes Jahrhundert zuvor notgedrungen verlassen mussten.

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Die Joels waren fränkische Juden, nicht sonderlich religiös, aber durch und durch bürgerlich und deutsch. Karl Joels Bruder hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, stolz trug er das Eiserne Kreuz erster Klasse. Nie wäre es den Joels in den Sinn gekommen, dass ihnen etwas passieren könnte. Auch unter den Nazis nicht, der Spuk würde bald vorübergehen.

Allein es kam anders. Schon 1928 hatte Karl Amson Joel einen Versandhandel für Wäsche und Haushalts­textilien begründet. Er war bald so erfolgreich, dass er sich eine Villa in der Nürnberger Südstadt leisten konnte, samt Auto und Chauffeur.

Das war ein gefundenes Fressen für die Nazis. Nürnberg war die Stadt der Reichsparteitage und des Judenhetzers Julius Streicher. Die Stimmung in Nürnberg wurde mit jedem Tag unerträglicher. 1934 brach Karl Amsom Joel seine Zelte dort ab und ging mit seiner Firma nach Berlin. In der liberalen Hauptstadt war man vermeintlich sicherer.

Doch auch das hatte nur ein paar Jahre lang Bestand. 1938 gab Joel dem Drängen der Nazis nach und verkaufte weit unter Wert an den Jungunternehmer Josef Neckermann. Nach dem Krieg wird er Karl Joel zwei Millionen Mark Entschädigung zahlen müssen, fast zehn Jahre dauert der Rechtsstreit.

1939 entkamen die Joels im letzten Moment über die Schweiz nach Kuba. Dort mussten sie drei Jahre auf die Einreise in die USA warten. Mit ihnen kam der einzige Sohn Helmut, der Vater des Musikers Billy Joel. 1923 war Helmut in Nürnberg geboren worden, er nannte sich später Howard. Ab 1942 kämpfte er für die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg, kam als US-Soldat sogar in seine Heimatstadt Nürnberg. Wie seine Eltern sollte Helmut Joel in den USA nie richtig glücklich werden und schließlich nach ­Europa zurückkehren.

Zuvor heiratet er 1946 Rosalind Nyman, eine englische Jüdin. Die Ehe hielt nur acht Jahre, dann verließ Helmut die Familie. Billy sollte ein Leben lang darunter leiden. Am 9. Mai 1949 war er am Rande von New York zur Welt gekommen. Ein begabter Junge, schon mit fünf saß er am Klavier.

Dass die Joels Juden waren, nahm Billy nur am Rande war. In die Synagoge gingen sie kaum, dafür aber längere Zeit in einen evangelischen Gottesdienst. Erst als der Pfarrer bei der Predigt einen Geldschein hochhielt und sagte, „Das ist die Flagge der Juden“, war es vorbei. Billy ging auf Distanz und blieb lebenslang skeptisch gegenüber religiösen Eiferern.

Ab Anfang der 70er-Jahre macht Billy Joel musikalisch Karriere. Im Gegensatz zum Vater, der eine klassische Klavierausbildung genossen hatte, wendet er sich der Pop-Musik zu. Er verkauft über 80 Millionen Platten, spielt vor Zehntausenden von Menschen – und trifft bei einer Europa-Tournee schließlich auch endlich seinen Vater wieder.

Es war der Nürnberger Zeitungsredakteur Steffen Radlmaier, der die fränkischen Wurzeln Billy Joels öffentlich machte. Joel, der bis dahin von seiner deutschen Vergangenheit nichts hatte wissen wollen, begann sich zu interessieren – und nahm 1995 eine Einladung der Stadt Nürnberg an.

Dort kam es an Pfingsten desselben Jahres dann zu einem legendären Auftritt. Billy Joel stand in der Meistersingerhalle mit seinem Vater Helmut auf der Bühne. Daneben sein um 22 Jahre jüngerer Bruder Alexander Joel aus der zweiten Ehe des Vaters. Alexander ist heute ein erfolgreicher Orchesterdirigent. Er lebt in Europa und war lange Jahre in Deutschland tätig.

1995 lernt Billy Joel in Nürnberg die Wurzeln der Familie kennen: Die Schulfreunde des Vaters, Rudi Weber und Arno Hamburger, die ehemaligen Wirkungsstätten und den jüdischen Friedhof, wo zwischenzeitlich seine Großeltern begraben lagen. Um Mitternacht setze er sich dann im Grand Hotel in Nürnberg ans Klavier und spielte seinen Welthit „Piano Man“, unvergesslich für die, die es miterleben konnten.

Inzwischen ist Billy Joel selbst ein älterer Herr. Der Vater starb 2011, Billy wird am 9. Mai 70 Jahre alt. Bereits 1993 hat er aufgehört, neue Pop-Platten aufzunehmen, doch als Entertainer auf der Bühne ist er noch immer sehr gefragt. Seit Jahren gibt er einmal im Monat ein Konzert im 20000 Besucher großen Madison Square Garden in New York. Es ist jedes Mal ausverkauft.

Steffen Radlmaier hat Billy Joel nach 1995 zweimal in Amerika getroffen, 2008 und 2013. Die Nürnberger Familiengeschichte lässt Billy Joel nicht los, zwischenzeitlich hat Radlmaier auch ein Buch über „Billy & The Joels“ herausgebracht. Es ist ein Porträt, aber auch eine Familiensaga, die ein Stück deutsch-amerikanische Geschichte wiedergibt. „Ohne die Nazis gäbe es mich nicht“, hat Billy Joel einmal gesagt. Durch seinen Vater sei er sowohl ein bisschen deutsch als auch jüdisch. Unwahrscheinlich aber, dass er sich eines Tages in Nürnberg beisetzen lassen wird. Dazu ist er zu sehr Amerikaner und New Yorker.

Von den 500000 deutschen Juden konnte die Hälfte emigrieren, 125000 in die USA. Nicht alle Fluchtgeschichten endeten so wie die von Billy Joel, seinen Eltern und Großeltern. Viele andere, darunter Mitglieder der Familie Joel, überlebten die NS-Zeit nicht.


Buch-Tipp

Steffen Radlmaier: Billy &

The Joels, Der amerikanische Rockstar und seine deutsche Familien­geschichte, Mit

einem Vorwort von Billy Joel.

ars vivendi Verlag, Cadolzburg 2015, 306 Seiten, 14,90 Euro,

ISBN 978-3-86913-586-1.


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