Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Schiff im Sturmwind

Markus 4,37-39  Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und die Jünger weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.


Impuls zum Predigttext für den 4. Sonntag vor der Passionszeit: Markus 4,35-41.  Von Thomas Oesterle

 Thomas Oesterle ist Pfarrer in Schorndorf. (Foto: privat)


Wenn man über Zustand und Zukunft einer Kirchengemeinde nachdenken will, dann kommt einem das Symbol des gefährdeten Schiffes in den Sinn. Johann Heermann (Kirchenlieddichter) deutet 1624 die Geschichte von der Sturmstillung so: „Der Teufel und seine Diener haben für und für die christliche Kirche und derselben lebendige Gliedmaßen angefeindet ... Dies wird uns im heutigen Evangelio klar abgebildet. Denn sobald die Jünger mit Christo sich zu Schiff begaben, erhebt sich ein grausamer Sturmwind. Der setzt dem Schifflein so heftig zu, dass die Apostel nicht anders vermeinen, denn sie müssen untergehen, schreien deswegen mit kläglicher Stimme.“

In den Jüngern findet sich also unsere Kirche, „das Schiff, das sich Gemeinde nennt“ (EG 595), wieder. Sie fürchtet um ihren Bestand. Die Bedrängnis der Jünger erleben wir auch heute. Wieder als die Angst, dass die Gemeinschaft der Glaubenden untergehen könnte.
Wir haben es als Volkskirche mit sozialen Veränderungen zu tun, die uns zu schaffen machen. Diese sind heute zu beschreiben mit den Stichworten Überalterung, Verlust von ehrenamtlich Mitarbeitenden durch doppelte Berufsbelastung in den Familien, Pluralisierung, Säkularisierung und schneller Wertewandel. In der Folge bricht uns die gelebte Gemeinschaft in den Gemeinden weg. Das Bewusstsein für geteilte Verantwortung schwindet. Das Schifflein droht zu sinken. Diese Schwierigkeiten, mit denen alle, die in unseren Gemeinden aktiv sind, kämpfen müssen und die sie – wenn es ihnen um die Gemeinschaft der Glaubenden geht – auch erleiden, treffen aber nicht nur unsere Kirche. Es beginnt mit der Demokratie. Für die gravierende Brexit-Entscheidung haben knapp Prozent der wahlberechtigten Briten gestimmt. Wie wenige werden bei den Europawahlen wählen gehen? Bei der Europawahl 2014 waren es 43 Prozent. Für die Akzeptanz eines demokratischen Leitungsgremiums sind das bedrohliche Zahlen. Aber man kann auch Einzelhändler, Verbandsaktivisten oder eine Lokalzeitung nach ihren Abonnenten befragen. Überall ist es derselbe Abwärtstrend. Dass ich mich für das gemeinsame Leben vor Ort interessiere und verpflichtet weiß, das ist eine Haltung, die an Bedeutung verliert. Aber was tun wir, um die Kultur und die Regeln, die ein gemeinsames Leben braucht, nicht zu verlieren?

Den Zusammenhalt auch in Stürmen zu erhalten, ist eine elementare Herausforderung für die moderne Welt.  Als Jünger Jesu haben wir einzubringen, dass es keine lebensfähige Gemeinschaft ohne Achtung des Nächsten gibt. Oft begegnen Menschen nur noch abstrakte Regelungen, was zu Akzeptanzproblemen führt. Sie erleben Anonymität und das stößt sie ab. Undurchsichtigkeit bringt Menschen in Zweifel und Unruhe. Da sollten wir als Jünger daran erinnern, dass sich nur im Horizont des Nächsten Verantwortung konkretisieren lässt. Und wir machen mit unserer überschaubaren Parochialstruktur – soweit die Pfarrpläne davon noch etwas übriglassen – klar, dass uns dabei der Nahbereich wichtig ist. Denn dort verstehen Menschen noch, was verhandelt wird. In der Nähe lassen sich die Aufgaben abschätzen und klären. Wo einer in einem Sturm hinzufassen hat, weiß im Boot jeder, wenn er das Boot gut kennt. Aber wie kann das praktisch gehen? So, dass wir bei den kleinen Schritten in der Gemeinde unsere Handlungen im Horizont einer Verantwortung für das Ganze sehen. Wir können in der Nähe gegen den Trend der Individualisierung und der nur noch digital geschehenden Kommunikation arbeiten. Wir wollen eine analog erlebbare Form des Zusammenhaltes. Damit treten wir in eine Überlebensaufgabe unserer geistlichen und profanen Gemeinschaft ein. Wir haben dabei als Kirche einen unüberschätzbaren Vorteil: Wir sind in unserer Mühe nicht allein, sondern sind begleitet von einem Herrn, der mit uns im gleichen Boot sitzt! Und wenn wir manches Mal das Gefühl haben, dass er schläft, dann sollten wir zusammen so laut wie die Jünger zu ihm schreien. In der Hoffnung, dass er sich immer wieder dem Sturm entgegenstellt und unserem Kirchenschifflein Zukunft ermöglicht.

Gebet
Vater im Himmel, manchmal haben wir Angst –
Angst um unsere Gemeinden mit ihren Lasten
und Pflichten.
Wir bitten dich: Sprich du uns ein gutes Wort zu,
das uns trägt und hält.
Bringe du selbst unser Kirchenschiff wieder in die
richtige Richtung, wenn wir in die Irre gesegelt sind.
Amen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen