Christliche Themen für jede Altersgruppe

Entspannung und Erlösung - Erfahrungen einer Sterbebegleiterin

Was für ein Bild hat jemand vom Tod, der damit täglich konfrontiert wird? Annette Jetter-Laub vom Hospiz Esslingen ist durch ihre Erfahrungen als Sterbegleiterin geprägt. Diese haben Auswirkungen auf ihre Vorstellung vom Leben nach dem Tod.

 Foto: Larissa-K, pixabayFoto: Larissa-K, pixabay

Die erste direkte Begegnung mit dem Thema ist bei Annette Jetter-Laub immer noch präsent. So hat sie als junge Frau das Sterben ihrer Großmutter miterlebt – was sie damals sehr beeindruckte. „Sie ließ alle Familienmitglieder einzeln anreisen, um sich bewusst zu verabschieden“, erinnert sich die heute 59-Jährige. Trotz Kriegserlebnisse habe ihre Oma am Lebensende „Dankbarkeit und Zufriedenheit“ ausgestrahlt und gelassen dem Tod entgegengesehen. „Dadurch habe ich das Sterben als natürlichen Prozess kennengelernt.“

Dieses Erlebnis war mit ausschlaggebend dafür, dass die gelernte Bankkauffrau und Pfarrfrau aus Weil der Stadt-Münklingen sich vor über zehn Jahren dafür entschied, eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin zu machen. Seit sieben Jahren arbeitet sie im Hospiz Esslingen, zuerst als Koordinatorin, inzwischen als Leiterin des ambulanten Bereichs der Einrichtung.

» Einfach selbst sein zu können «

Seitdem ist der Tod sozusagen ihr täglicher Begleiter geworden. Inzwischen ist sie vor allem dafür zuständig, Erstgespräche mit Betroffenen und Angehörigen zu führen, Kurse zu geben sowie Ehrenamtliche auszubilden und einzusetzen. Die Erfahrung, die sie selbst im Umgang mit sterbenden Menschen gemacht hat, hat ihr Denken vom Tod und vom Leben nach dem Tod beeinflusst.

Als Christin glaubt sie an die Wiederauferstehung, aber auch der Eindruck, den viele Menschen unmittelbar nach ihrem Tod hinterlassen, bewegt sie immer wieder. „Ich erlebe oft, wie sich etwa eine Stunde nach dem Tod der Ausdruck im Gesicht des Verstorbenen ändert, er wird gelöst und entspannt. Das zeigt mir: Es ist jetzt gut so, wie es ist.“ Zudem sei die Atmosphäre im Raum dabei eine friedliche. Immer wieder hat sie im Sterbeprozess erlebt, dass die Menschen den Namen der Mutter oder anderer Angehöriger rufen, den Blick nach oben gewandt, „als ob sie abgeholt werden“.

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Annette Jetter-Laub glaubt fest daran, dass die Verbindung zum Verstorbenen im Herzen weiter bestehen bleibt und räumlich unabhängig ist. Das vermittelt sie trauernden Menschen im Gespräch. Eine klare Vorstellung, wie das Leben nach dem Tod aussehen könnte, hat sie jedoch nicht. Wenn, dann verbindet sie damit eher ein Gefühl als ein konkretes Bild. „Einfach selbst sein zu können, ohne Stress.“ Wärme, Licht, Entspannung und Erlösung – das sind die Begriffe, die sie damit verbindet. Auch deshalb findet sie es stimmig, dass nach dem Sterbeprozess im Hospiz das Fenster geöffnet wird, „damit die Seele raus kann“.

Annette Jetter-Laub, Sterbebegleiterin. Hospiz. Foto: Julian RettigDurch ihre Hospiz-Arbeit ist sie im Laufe der Jahre gelassener geworden, wie sie selbst sagt. „Mir ist es wichtig, mit mir und meiner Umwelt in Frieden zu leben, ich frage mich bei jedem Streit, ob es das wert ist. Und ich bin flexibler geworden, nehme nicht alles als selbstverständlich, da ich weiß, wie schnell sich eine Situation ändern kann.“ Gelernt hat sie, Dinge, die ihr wichtig sind, „nicht auf die lange Bank zu schieben“. Auch hat Annette Jetter-Laub beobachtet, dass die Wahrnehmung durch die Sterbegleitung geschult wird. „Man orientiert sich viel mehr am Gegenüber, nimmt vieles wahr, was zwischen den Zeilen schwingt.“

Trotzdem mitten im Leben zu stehen und die Tätigkeit im Hospiz zwischendurch komplett hinter sich zu lassen, das ist der Mutter von zwei erwachsenen Töchtern wichtig. Die Natur hilft ihr als Ausgleich, zudem reist sie gerne und erkundet fremde Kulturen.

Annette Jetter-Laub wünscht sich, dass die Gesellschaft offener mit dem Thema Tod und Sterben umgeht. Selbst wenn sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt habe, sei vieles immer noch ein Tabu. „Niemand kommt an diesem Schritt vorbei – und trotzdem wollen die meisten nichts damit zu tun haben. Doch es ist wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ □

Foto: Juian Rettig