Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erschütterte begleiten - Ich bleibe hier und gehe weg

STUTTGART – Zuhören, beten, Trost spenden: Fast ein Vierteljahrhundert war Eckhard Ulrich Klinikseelsorger am Stuttgarter Marienhospital, nahezu 30 Jahre als Aidsseelsorger in der Landeskirche tätig. Jetzt beginnt für den gebürtigen Stuttgarter ein neuer Lebensabschnitt.

Foto: Dandelion, pixabayFoto: Dandelion, pixabay

Die Antworten wirken unverstellt, sein Lachen ist herzlich. Ein Gespräch mit Pfarrer Eckhard Ulrich ist wie ein Treffen mit einem Vertrauten. Anonymisiert in den Personen, aber offen spricht er über seine Arbeit – er begleitet oft in der Seele erschütterte Menschen. Menschen, die nach einem schweren Unfall auf der Unfallchirurgie liegen oder die in der Gefäßchirurgie behandelt werden. Eckhard Ulrich hat Zeit. Was kann ihnen der 64-Jährige geben?

„Manche möchten, dass ich als Vertreter der Kirche komme, andere erwarten Trost, wieder andere vor allem Zuhören. Wenn es gewünscht wird, bete ich mit ihnen oder segne sie“, sagt Ulrich. Was er nie sagen würde: „Das wird schon wieder“ oder „Ach, in ihrem Alter“ oder „Sie müssen nur auf Gott vertrauen“. Wenn er Mut machen will, weist er eher humorig auf veränderte Verhaltensweisen hin wie: „Sie haben heute schon mehr gegessen als gestern.“ Manchmal gehe er auch ohne Trost.

Eckhard Ulrich ist „in eine landeskirchlich geprägte Familie“ hineingeboren. Er studierte Theologie in Tübingen, München und Amsterdam und später auch Musikwissenschaft. Er spielte Querflöte, komponierte leidenschaftlich („Es gibt bergeweise Noten von mir“) und wurde dann doch praktizierender Theologe.

Anfang der 1980er-Jahre – Eckhard Ulrich war noch keine 30 Jahre alt – verunsicherte und schockierte das HI-Virus (Humane Immundefiziens-Virus) die Menschen. Nachdem die häufigsten Übertragungswege bekannt waren (Austausch körperlicher Flüssigkeiten, verunreinigte Blutkonserven), fiel es den Betroffenen äußerst schwer, sich zu ihrer Diagnose zu bekennen. „Männer, aber auch Frauen hatten nicht nur unter gravierenden körperlichen Problemen zu leiden, sondern auch unter der Stigmatisierung durch ihre Umgebung“, erinnert Eckhard Ulrich. HIV wurde zur Pandemie; nach Schätzungen der Vereinten Nationen für HIV/Aids starben daran bis heute weltweit etwa 39 Millionen Menschen. „Dank antiviraler Therapien können Infizierte heute weitaus länger mit HIV leben.“ Nach fast 30 Jahren als Bezirksbeauftragter für die Aidsseelsorge ist Eckhard Ulrich seit 15 Jahren zudem hauptamtlicher landeskirchlicher Aidsseelsorger für Württemberg.

Balance von Nähe und Distanz

So hat der 64-Jährige in 30 Jahren Seelsorgetätigkeit schon zwei Pandemien erlebt: neben Aids auch Covid-19. Damals wie heute versuchten Menschen, sich die Entstehung der Pandemien mit Verschwörungstheorien zu erklären. Was denkt Ulrich darüber? „Mir sind in der seelsorgerischen Praxis nie entsprechende krude Ansichten begegnet. Nie. Ich vermute als Triebfeder eine tief sitzende Angst. Wenn jemand bis ins Mark erschüttert ist, sucht er Erklärungen, egal wo immer er sie findet. Und egal, wie widersinnig sie auch sein mögen.“

Theologe, Musiker und Komponist: Eckhard Ulrich. Foto: PrivatTheologe, Musiker und Komponist: Eckhard Ulrich. Foto: Privat

In psychologischen Schulungen hat Eckhard Ulrich gelernt, wie wichtig es ist, Nähe und Distanz auszubalancieren. „Ich kann nicht all die schweren Schicksale mit nach Hause nehmen“, sagt er. Und dass er es der Landeskirche zu verdanken habe, dass er einen passenden Platz im Leben fand. In den vergangenen Monaten veränderte Covid-19 den Alltag auch in den Kliniken. „Das war gnadenlos streng, auch wir von der Seelsorge waren auf neue Art gefordert“, sagt Eckhard Ulrich. Manchmal haben sie auch Menschen beerdigt, mit wenigen Trauergästen. „Mit großem Takt“ wurden Gespräche mit Vertretern anderer Religionen geführt. „Ehrenamtlich tätige muslimische Seelsorger kommen auf Bitte ins Marienhospital“, sagt Ulrich. Am 1. Juni geht der Pfarrer offiziell in den Ruhestand. Bis die Nachfolge geklärt ist, wird er die Aidsseelsorge der Landeskirche ehrenamtlich weiterführen. „Ich bin Schwabe, bleibe hier und gehe weg“, sagt er. Das ist für ihn kein Widerspruch. Er wird, so denkt er aktuell, an der Technischen Universität Berlin ein Seniorenstudium zur Stadtentwicklung aufnehmen. „Dass ich geworden bin, der ich bin, das habe ich vielen Menschen zu danken, auch meinen Eltern“, resümiert Eckhard Ulrich. Sie hätten ihn „total gewähren lassen“. □