Christliche Themen für jede Altersgruppe

Euphorie und Ernüchterung

Die lutherische Tradition vom „gerechten Krieg“ war zu Beginn des Ersten Weltkriegs in evangelischen Kirchen in Württemberg in vielen Predigten bestimmend. Doch bei aller Freude über den deutschen ­Vormarsch gab es auch kritische Stimmen.  


Das bekannte Luther-Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs komplett auf das Deutsche Reich und seinen Sieg bezogen. Es wurden unterschiedliche Feldpostkarten davon gedruckt. (Foto: epd-Bild)

Dabei zeigten sich bereits zu Kriegsbeginn die teilweise recht unterschiedlichen theologische Denkweisen und Traditionen in den evangelischen Kirchen. Während in den preußischen Kirchen in den ersten Tagen des Krieges ein landesweiter „Bettag“ angesetzt wurde, begingen die lutherischen Landeskirchen Bayerns, Sachsens und Württembergs diesen Tag als „Buß- und Bettag“. Und fast alle württembergischen Prediger legten auf den Bußcharakter großen Wert. In Tübingen hielt an diesem 9. August der Theologieprofessor Adolf Schlatter die Predigt über den von der Kirchenleitung dafür vorgeschriebenen Bibeltext Hebräer 4,16. Auch Schlatter machte aus seiner Freude über den deutschen Vormarsch keinen Hehl. Gleichzeitig warnte er aber vor den unmenschlichen Instinkten, die der Krieg freisetze. Schlatter rief zur Demut und Bescheidenheit auf. Die Kriegsgegner erwähnte er überhaupt nicht. Aggressiver klang dagegen am gleichen Tag und zum gleichen Text der Stuttgarter Stadtdekan Theodor Traub. Er schmähte die Gegner und beschuldigte sie der bewusst geplanten Aggression. Der Choralvers: „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ wurde an diesem Tag von vielen Kanzeln aus trotzig zitiert und dabei die Schlusszeile vom Reich, das uns doch bleiben müsse, ohne Umschweife mit dem Kaiserreich gleichgesetzt. Auch Traub schloss aber mit dem Aufruf zur allgemeinen Buße. Die deutsche Vorkriegsgesellschaft sei so gottesfern und nur auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen, dass der Krieg als eine Gerichtsdrohung Gottes anzusehen sei, auf die das Volk mit Umkehr und einer neuen geistlichen Erweckung antworten müsse.

Tatsächlich waren die Kirchen in den ersten Wochen des Krieges übervoll. Die Menschen suchten angesichts des Unbegreiflichen nach sinnstiftender Orientierung. Pfarrer und Gemeinden rückten eng zusammen. Dieses besondere Zusammenstehen glaubte die württembergische Kirchenleitung dadurch noch stärken zu können, dass sie Pfarrern, Vikaren und Theologiestudenten den Dienst an der Waffe erlaubte. Viele der jungen Theologen meldeten sich daraufhin freiwillig zum Kriegsdienst. Ihre Verluste waren enorm. Bis Kriegsende war fast ein Viertel dieser Theologengeneration gefallen.

Im weiteren Kriegsverlauf zeigten sich jedoch in der Pfarrerschaft je nach theologischem Herkommen durchaus unterschiedliche Haltungen. Während stramm national gesinnte, aber auch politisch liberal eingestellte Theologen lange dazu neigten, im vermeintlichen Schulterschluss mit der „Volksgemeinschaft“ den Krieg und sogar Kriegsverbrechen zu rechtfertigen, hielten sich pietistische Pfarrer politisch eher zurück. Dabei konnte es auch bei ihnen zu Spannungen zwischen der Treue zu König und Vaterland sowie der eigenen christlichen Position kommen. Ein Beispiel dafür war der Stuttgarter Stiftsprediger und Prälat Christian Römer. Er war Sprecher der konservativ-pietistischen Richtung in der Landeskirche und als Herausgeber des „Evangelischen Kirchenblatts für Württemberg“ einer der einflussreichen Meinungsbildner in der Landeskirche. Sah Römer im Kriegsbeginn noch Gottes heilsgeschichtliches Wirken am Werk, so druckte er im „Evangelischen Kirchenblatt“ im Mai 1915 Äußerungen des Pazifisten Friedrich Wilhelm Förster ab, der unter dem Ruf „Los vom Hass“ davor warnte, den Feind zu dämonisieren. Einige Wochen später mussten Römers Leser weitere Gedanken Försters schlucken, wonach am deutschen Wesen die Welt wahrhaftig nicht genesen könne. Allein mit militärischer Aufrüstung lasse sich nämlich kein Völkerkrieg bannen. Dennoch deutete Römer dann die Niederlage 1918 als Strafe Gottes für die moralischen Verfehlungen des Volkes im Krieg, das damit den eigenen tapferen Soldaten in den Rücken gefallen sei.

Die wenigen wirklichen Friedensfreunde unter den Pfarrern schließlich, die bei Kriegsbeginn angesichts des staatlich propagierten Bildes vom angegriffenen Deutschland geschwiegen hatten, meldeten sich im Laufe des Krieges wieder zu Wort. So prangerten 1917 der Stuttgarter Pfarrer Albert Esenwein und andere Geistliche öffentlich an, dass eine stur auf Eroberungen ausgerichtete deutsche Politik den Grundsätzen des evangelischen Christentums widerspreche. Auf lauten Widerspruch ist Esenwein in der Pfarrerschaft zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gestoßen.

In den Kirchengemeinden überwog, egal wie patriotisch oder entsetzt die Menschen auf den Kriegsbeginn reagierten, die große Solidarität mit den Soldaten an der Front und deren Familien. Das soziale Engagement der Gemeinden kann dabei vor allem auf dem Land nicht hoch genug eingeschätzt werden, während es in den größeren Städten angesichts der dort herrschenden enormen Notlagen eher geringere Bedeutung hatte. Da die Pfarrer die vielen Aufgaben nicht mehr allein bewältigen konnten, war die vermehrte Mitarbeit des einzelnen Gemeindeglieds gefragt. Das wiederum stärkte das Gewicht der Gemeinden und der Kirchengemeinderäte gegenüber den Pfarrern. Vergleichbare Veränderungen zeigten sich in der Rolle der Frauen in den Gemeinden. Immer öfter übernahmen sie Tätigkeiten der eingezogenen Männer. Bereits 1915 anerkannte die Stuttgarter Diözesansynode die Zunahme von weiblichen Mitarbeiterinnen in den Gemeinden als einen Gewinn für die Kirche, den es auch in Friedenszeiten zu bewahren gelte.

Als folgenschwerer erwies es sich jedoch, dass es vielen Pfarrern auf Kriegsdauer nicht gelungen ist, zu wirklichen Seelsorgern ihrer Gemeinden zu werden. Stattdessen wurden sie in ihrer traditionell engen Verbundenheit mit dem Staat selbst Teil des staatlichen Kriegsmanagements. Wenn auch bei vielen der Zweifel am Sinn des Kriegs zunahm, versuchten sie dennoch, den Durchhaltewillen in den Gemeinden zu stärken. Das war angesichts der zunehmenden Kriegsnöte und der Trauer um die Toten ein unmögliches Unterfangen. Bereits Ende 1915 nahm der reguläre Gottesdienstbesuch dramatisch ab. Abendmahlsfeiern für ausrückende Soldaten wurden vielerorts mangels Nachfrage eingestellt. Die Pfarrer registrierten die zunehmende Erschöpfung der Menschen an der Front und zu Hause, ohne dagegen viel tun zu können. Auch wenn sich dann in Württemberg nach der Niederlage 1918 viele Gemeinden und Pfarrer von einer kriegsverherrlichenden Theologie lossagten, die spürbare Abwanderung vor allem städtischer Kreise aus der Kirche war damit nicht mehr aufzuhalten.

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