Christliche Themen für jede Altersgruppe

Freiräume hinter Mauern

STUTTGART-STAMMHEIM – Dieter Kümmel hat seine Stelle als Gemeindepfarrer aufgegeben und arbeitet seit Februar als Gefängnisseelsorger in der JVA Stuttgart-Stammheim. Von seinen ersten Eindrücken erzählt er bei einer Begegnung in der Gefängniskapelle.


Am neuen Arbeitsplatz: Dieter Kümmel in der Gefängniskapelle der JVA Stammheim. (Foto: Susanne Müller-Baji)


Eigentlich wollen ja immer alle raus aus dem Gefängnis. Bei Pfarrer Dieter Kümmel war es umgekehrt: Nach 20 Jahren in der evangelischen Kirchengemeinde in Stuttgart-Zuffenhausen wagte er den Neustart: Seit Februar versieht er seinen Dienst als Gefängnisseelsorger der Stammheimer Justizvollzugsanstalt (JVA). Vom quirligen Gemeindeleben in die hermetische Abgeschiedenheit eines Gefängnisses – bedeutet das nun lebenslange Haftstrafe oder bietet es ungeahnten Freiraum?

Von Zuffenhausen nach Stammheim sind es wenige Kilometer Luftlinie, doch zwischen Kümmels Wirkungsstätten liegen Welten: jüngst noch Gemeindepfarrer, jetzt Seelsorger in einem Untersuchungsgefängnis. Er habe zuvor mit seinem Amtvorgänger in regem Austausch gestanden und gewusst, was auf ihn zukommt, sagt er nun. Der Anfang sei dennoch schwierig gewesen: „Die ersten zwei Wochen hatte ich keinen Schlüssel, bin nur mit der Diakonin mitgelaufen. Ich war der Schatten, wie ein Praktikant.“ Wegen der üblichen Corona-Beschränkungen musste außerdem die sonst zu Beginn übliche Hospitanz in unterschiedlichen Bereichen der JVA auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

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Doch jetzt, beim Ortstermin in der neuen Gefängniskapelle, ab und zu auch „Mehrzweckraum“ genannt, spricht Dieter Kümmel mit Begeisterung von seiner neuen Aufgabe. Nach 28 Jahren Pfarramt habe sich sein Schwerpunkt hin zum Seelsorgerischen verlagert. Es gehe nun mehr als vorher darum, Menschen in einer schwierigen Situation abzuholen. Die Wirkungsstätte bringe für ihn auch eine gewisse Freiheit mit sich: Während er in der Gemeinde immer vor Ort und damit ansprechbar gewesen sei, gehe er nun nach Feierabend nach Hause und sei dann ganz Privatperson.

Die vier Gefängnisseelsorger der JVA bieten wöchentlich mehrere Gottesdienste an. Sie sind Ansprechpartner für die 380 Bediensteten und sollen denen Halt geben, die das Leben oder eine Straftat auf einen der 780 Haftplätze verschlagen hat. Für manche sei das eine traumatische Erfahrung, sagt Kümmel.

Weiche Punkte im System

 

Wie geht er mit dem Wissen um, dass einige der Insassen vielleicht schwere Verbrechen begangen haben? „Es gilt die Unschuldsvermutung und ein Teil der Leute kommt ja auch wieder raus.”

Allerdings seien die Auflagen in einem Untersuchungsgefängnis deutlich strenger als später, wenn die verurteilten Straftäter ihre eigentliche Haftstrafe verbüßen: „Dieser Raum hier“ – Dieter Kümmel deutet auf die farbigen Transparentfolien am Fenster, die die Gitter fast verbergen, und auf den Blumenstrauß auf dem Altar – „gilt als der schönste der JVA.“ Andererseits: Während die Anstalt für die Delinquenten nur eine Zwischenstation ist, an der sie bis zur Verhandlung bleiben, ist sie für die Angestellten der Arbeitsplatz.

Der beengte Aktionsradius führe allerdings auch dazu, die Dinge anders wahrzunehmen: Die Konzentration, mit der in der JVA Gottesdienste gefeiert würden, sei beeindruckend. Der Seelsorger zeigt eine Zeichnung, ein Dankeschön eines Insassen, dem er Buntstifte besorgt hatte. Es sind mit einem Mal die kleinen Dinge, die zählen. „Auch unsere Kalender sind begehrt“, sagt Kümmel. Aus offensichtlichen Gründen.

Die Gefängnisseelsorger sind weiche Punkte in einem System, das demjenigen knallhart erscheinen muss, der erstmals mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Die wirklich schweren Jungs könnten dagegen versuchen, sich durch den Kontakt mit ihnen Vorteile zu verschaffen. Bisweilen zeichneten gerade sie sich durch Charme und Menschenkenntnis aus, erzählt Kümmel: „Man lernt hier gut, Nein zu sagen.“ Andererseits gehe es aber auch darum, den Blick der Insassen zu weiten.

Interessant: Die Begriffe „Freiraum“ und „weiten“ sind im Gespräch mit Dieter Kümmel auffallend häufig gefallen. Ist auch dies vielleicht ein Zeichen einer veränderten Wahrnehmung? „Schon möglich!“, entgegnet der Gefängnisseelsorger und lacht. Aber er halte es mit Psalm 31: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Die Freiräume entstünden dann in einem selbst.