Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gottes Nähe

Hebräer 4,14-16  Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Invokavit: Hebräer 4,14-16.  Von Jochen Maier


Jochen Maier ist Pfarrer der Stadtkirchen­gemeinde Kirchheim/Teck. (Foto: privat)

Zugang haben zu Gott! Das ist ein wichtiges Motiv in diesen Glaubenssätzen. Jesus Christus wird mit dem Hohenpriester verglichen. Im Jerusalemer Tempelkult trat der Hohenpriester ausschließlich am alljährlichen großen Versöhnungstag, dem Jom-Kippur, hinter den Vorhang in das Allerheiligste des Tempels. Dort war der heilige Berührungsort zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Welt. Nur an diesem Tag wurde der Name Gottes ausgesprochen. Nur an diesem Tag vollzog der Hohepriester den Sühneritus für ganz Israel. Nie sonst kam ein Mensch Gottes heiliger Gegenwart so nahe wie eben der Hohepriester am Versöhnungstag.
Diese für das damalige Glaubensverständnis maximale Annäherung an Gott wird nun in einer radikalen Weise überboten. Denn im Glauben erkennen wir Jesus Christus als den, der ganz in Gottes Nähe ist, nicht nur zeitweise und begrenzt! Er ist – im Vergleich des Hebräerbriefes gesagt – der alle anderen Hohenpriester weit überragende Hohenpriester, der andauernd im Allerheiligsten ist, andauernd in der Nähe Gottes. Ja, noch mehr: Er ist selbst die Nähe Gottes.

Jesus ist einer von uns, auch gerade in seinen inneren Kämpfen, seinen Zweifeln, seinem Leiden – und zugleich aber auch der, der ganz bei Gott ist. Deswegen dürfen wir uns selbst von ihm her als Gottvertraute begreifen. Denn genau darin ist ja Jesus Christus für uns als Christen im Glauben so zentral: Er ist der Spiegel, in dem wir uns selbst in unserer Bestimmung und in unseren Möglichkeiten als Kinder Gottes erkennen sollen! Es geht dabei nicht nur um einen neuen Zugang, sondern es geht auch um die Art und Weise, wie wir diese Zugänglichkeit Gottes im Glauben in Anspruch nehmen. Im Grunde war der Jerusalemer Tempelkult ein erstarrtes Modell der Zugänglichkeit Gottes. Verwaltet von einer ausgewählten, privilegierten Schar Menschen, nämlich den Hohenpriestern, war Gottes heilige Nähe gewissermaßen vereinnahmt und angebunden an diesem Ort. Schon bei Jesu Unterwegssein mit seinen Jüngern wird deutlich sichtbar, dass die Nähe Gottes bei ihm als eine jederzeit und an allen Orten verfügbare Nähe Gottes gelebt wird. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“, sagt Jesus. Gottes Nähe ist eine mitgehende Nähe. Sie kann sich mir im Glauben jederzeit und überall eröffnen auf meinen Wegen.

Christliche Spiritualität ist im Kern und in allen Gebets-, Gottesdienst-, Kontemplations- und Andachtsformen deshalb als erwartungsvolles Wachsein zu beschreiben. Eine „Erwartungs-Wachheit“, die aufmerksam Ausschau hält nach den Öffnungen, Durchlässigkeiten und Türen, die der Heilige Geist in unserem alltäglichen Unterwegssein bereithält. Gott will uns nahe sein! „Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, ohne an Müdigkeit zu denken, ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek – geht so auf die Begegnung mit ihm zu. Brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist und nicht erst am Ziel“, hat einmal die französische Mystikerin Madeleine Delbrel (1904–1964) gesagt. „Hilfe erfahren zur rechten Zeit“, so ist im Predigttext diese Erwartung formuliert, in der wir freimütig, also unerschrocken, zuversichtlich und mutig, vorwärtsgehen können.

Erwartungs-Wachheit und Zugänglichkeit – das kennzeichnet christlichen Glauben, das kennzeichnet christliche Spiritualität! Dazu gehören die Ausdrucksformen der Wachheit im Glauben. Das sind Stille, Gebet und Gottesdienst. Aber auch Anteilnahme an den Fragen der Zeit, Neugier auf jeden Tag und der Blick über das mir Gewohnte hinaus. Zu den Ausdrucksformen der Zugänglichkeit gehören zum Beispiel meinem Nächsten ein Ohr leihen, gastfreundlich sein, zuhören, ohne gleich zu urteilen, und wachsam sein für alle Arten der Ausgrenzung. Wir sind im Glauben Gottvertraute und unsere Berufung ist, seine Nähe und Zugänglichkeit zu spiegeln.

Gebet

Herr, lass uns den Tag, der aus deiner Hand kommt, entgegennehmen wie eine gute Chance.
Lass uns gastfreundlich dem Leben entgegengehen, damit du uns begegnen kannst in nahen und fremden Menschen, in belastenden Zeiten ebenso wie in glücklichen Augenblicken. Amen.