Christliche Themen für jede Altersgruppe

Heilende Nähe - Impuls zur Predigt

Jesaja 38,20 Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn.

Heilende Nähe

Impuls zum Predigttext für den 19. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 38,9-20

Von Rainer Köpf

Rainer Köpf ist Pfarrer in Weinstadt- Beutelsbach. Foto: Privat

Die Bilder der Intensivstationen sind mir unvergesslich. An Corona Erkrankte liegen dort auf dem Bauch, damit sie besser beatmet werden können. Man sieht keine Gesichter. Es ist, als hätte man ihre Augen vor der Welt abgewendet. Die Tränen ihrer Einsamkeit weinen sie still ins Kopfkissen hinein. So stelle ich mir König Hiskia vor, als er erfahren hat, dass er bald sterben würde. Er dreht sich um und wendet sich ab von den Menschen. Er schaut zur Wand und weint ins Kopfkissen hinein. Die traumatischen Erfahrungen dieses Moments lassen ihn auch nach seiner überraschenden Genesung später nicht mehr los. Tief eingegraben hat sich bei ihm diese Todesangst: „Warum muss ich schon jetzt sterben, noch nicht einmal 40 Jahre alt? Fromm und recht leben wollte ich, doch als Belohnung ernte ich Krankheit und frühen Tod. Wie ungerecht ist das.“

Rainer Köpf ist Pfarrer in Weinstadt- Beutelsbach. Foto: PrivatHiskia fühlt sich wie ein erschöpfter Hirte, dem man seine Nachtherberge gestohlen hat. Wie eine Gazelle, die zwar noch lebt, aber schon mit zerbrochenen Knochen im Rachen des Löwen steckt. Wie eine Schwalbe, die von der Hand eines Größeren zerdrückt wird und die nur noch ohnmächtig piepsen kann. Und was ist das Schlimmste für ihn? Als der Tod an die Tür klopft, beklagt er nicht den Verlust von Hab und Gut. Das Schlimmste ist für ihn der Verlust von Beziehung. Er beklagt, dass er „nicht mehr die Menschen und nicht mehr Gott schauen kann“. Das Schlimmste ist für ihn die stumme Beziehungslosigkeit des Todes. Das einsame Sterben. Hiskia weint in sein Kopfkissen hinein, doch aus dem Weinen wird ein Gebet. Es ist ein verwegenes Vertrauen, das ihn antreibt. Der Gott, der diese Krankheit „getan hat“, wird für ihn zum Grund seiner Hoffnung. Obwohl er die verborgenen Wege Gottes nicht versteht, beginnt er mit ihm zu verhandeln und appelliert an dessen Barmherzigkeit.

Da kommt es im Herzen Gottes zu einer Wende. Er heilt den Kranken. Der Prophet Jesaja legt dem Hiskia ein Feigenpflaster auf sein Geschwür. Er wird wieder gesund und darf noch 15 Jahre leben. Geholfen haben ihm das Gebet und die Medizin. Beides sind offensichtlich keine Gegensätze. Auch durch Impfstoffe kann Gott uns helfen. Und dann singt der geheilte Hiskia ein Loblied im Tempel. Er freut sich an der wieder gewonnenen Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.

Aus dem Weinen wird ein Gebet

Was aber ist mit denen, die nicht gesund werden? Wird ihr Beten nicht erhört? Ich bin dankbar, dass es auf manchen Intensivstationen nicht nur technische Geräte gibt, sondern auch aufgehängte Kreuze. Das Kreuz erinnert uns an Jesus Christus, der die Ohnmacht des einsamen Sterbens mit seiner Gegenwart erfüllt. Er sagt uns: „Am Ende steht nicht die Verzweiflung. Am Ende stehe ich, der deine Tränen trocknet und dich an die Hand nimmt und tröstet.“ So kann auch im Kreuz schon österliche Hoffnung spürbar werden.

Der preußische König Friedrich Wilhelm I. war im Alter schwer von der Gicht geplagt. Am Lebensende gibt er seiner alten Leidenschaft nach und malt wieder Bilder.


Seine Bilder signiert er mit den Worten „in tormentis pinxit“ (unter Qualen gemalt). Auf seinem allerletzten Bild ist aber die Signatur noch um drei Worte erweitert „et in iubilo“ (und im Jubel). Auf dem Sterbebett wendet sich die Klage des Königs in den Lobpreis an des „Totenreichs Pforten“.

Beistand. Foto: unsplash/National Cancer InstituteFoto: unsplash/National Cancer Institute

Gebet

Am letzten unsrer Tage umgibt uns noch dein Licht; drum keiner fürcht und zage, auch wenn das Herz ihm bricht.

Mag Erdentrost ihm schwinden, auf dich nur darf er bau‘n.

Wir wollen‘s nicht ergründen, wir wollen nur vertrau‘n.