Christliche Themen für jede Altersgruppe

Himmelschreiendes Schweigen - Impuls zur Predigt

Lukas 19,37-40 Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Himmelschreiendes Schweigen

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Kantate: Lukas 19,37-40.

Von Philipp Dietrich


Philipp Dietrich ist Pfarrer in Neuenstadt und Bürg und Kirchenmusikpfarrer im BezirkNeuensta

Kantate, singt! Von wegen! Seit über einem Jahr schweigt die Gottesdienstgemeinde. Ein ganzer Konfirmandenjahrgang ohne Lieder. Ohne Gesänge, die weiterklingen, im Leben nachhallen, den Glauben und die Gemeinschaft körperlich fühlbar machen. Jesu Wort von den schreienden Steinen aus dem Sonntagsevangelium für Kantate trifft die aktuelle Situation nur zu gut.

Philipp Dietrich ist Pfarrer in Neuenstadt und Bürg und Kirchenmusikpfarrer im Bezirk Neuenstadt. Foto: privatSteine sind das genaue Gegenstück zum lebendigen Gesang. Eis oder extreme Temperaturunterschiede lassen sie bersten. Schreien sie auch? Jedenfalls bin ich mir sicher, dass es unseren musikverwöhnten Kirchenmauern überhaupt nicht gefällt, wenn wegen der Pandemie kaum noch gesungenes Gotteslob an ihnen widerhallt.

Andere Steine hatte der Evangelist Lukas vor Augen, als er jenen Abschnitt niederschrieb. Nach den jüdischen Aufständen zerstörten die römischen Besatzer 70 nach Christus Jerusalem völlig. Sie legten den Tempel in Schutt und Asche, die Bevölkerung wurde niedergemetzelt, verschleppt oder durch hohe Zwangsabgaben in den Ruin getrieben. Die heilige Gottesstadt, in der einst alle Völker zum gemeinsamen Gotteslob zusammenkommen werden, war ein einziges Trümmerfeld. Statt Gottesfrieden himmelschreiendes Unrecht.

Der Jüngerjubel ist deshalb auch ein Protestsong gegen die römischen Besatzer. Er klingt über die Zeiten hinweg. Wie eine Folie legt der Evangelist Lukas den Untergang Jerusalems über die Erzählung von Jesu Einzug auf Eseln und Kleidern vierzig Jahre zuvor. Allerdings lässt Lukas das „Hosianna“ weg, das wir von den anderen Evangelien an Palmsonntag oder im Advent gewohnt sind. Und wer das Lukasevangelium aufmerksam liest, bemerkt, dass der „Friede auf Erden“ aus der Weihnachtsgeschichte einem „Frieden im Himmel“ gewichen ist. Lukas hat den irdischen Frieden und das jubelnde Hosianna im Blick auf das drohende Schicksal Jesu und Jerusalems ausgespart. Vorläufig. Bis der Friedenskönig endgültig kommt.

Wer schreit, wird von Gott erhört

Steine können sprechen. Geologinnen oder Archäologen entschlüsseln ihre Botschaften aus längst vergangenen Zeiten. Die Gedenksteine zerstörter Synagogen oder die Trümmer der Ruinenfelder Syriens sind ein stummer Schrei unaussprechlichen Leids. Und die Grabsteine auf unseren Friedhöfen – in manchem Ohr schrillt es bei ihrem Anblick immer noch wie ein Tinnitus.

Wer schreit, wird von Gott erhört. Das ist die Urerfahrung Israels. Es ist auch die Erfahrung des Blinden, der in Jericho nach Jesus schreit. Und der noch viel mehr schreit, als es ihm verboten wird (Lukas 18).

Unser Geschäft als Christen ist es, genau hinzuhören. Insbesondere auf die leisen und die stummen Schreie. Und gegen Unrecht anzusingen, anzubeten, anzuschreien. Gott und Mitmenschen in den Ohren zu liegen. Mit Worten, gesprochenen und hoffentlich bald wieder gesungenen. Das neue Lied von Ostern anzustimmen, das die Steine von den Gräbern rollt. □

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Gebet

Jesus Christus, Lebenswort. Deine Schöpfung singt ihr Frühlingslob:

die Amsel, der Zitronenfalter, ein Bächlein.

Lass mich nicht stumm bleiben.

Mach mein Leben zum Lobgesang, zum neuen Lied von Ostern.