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Kirchen ins rechte Licht gesetzt - Schorndorfer Stadtkirche und Christuskirche in Hülben

Schlechtes Licht macht schlechte Stimmung. Das gilt für Büros wie für Sakralräume. Urban Kreuz ist Architekt und Lichtplaner und hat für die Schorndorfer Stadtkirche und für die Christuskirche in Hülben die passende Beleuchtung entwickelt.

Pendelleuchten in der Schorndorfer Stadtkirche. Foto: Julian RettigPendelleuchten in der Schorndorfer Stadtkirche. Foto: Julian Rettig

Das finstere Mittelalter? Das ist selbst für den Kirchenbau ein Klischee. Schon die Romanik kannte Fenster. Und mit den riesigen, bunten Glaskunstwerken der Gotik, die die dicken Mauern in Transparenz auflösten, kam erst recht Helligkeit in den Dämmer.

Schon immer dabei waren Kerzen – um den sakralen Raum nicht nur zu erhellen, sondern regelrecht in Szene zu setzen. „Es gibt Aufzeichnungen aus dem Kölner Dom, die besagen, wo genau und wie viele Kerzen an welchen Gottesdiensten brennen sollten“, erzählt Urban Kreuz. Der Stuttgarter beschäftigt sich schon sein ganzes Berufsleben lang mit Licht im Kirchenraum. Wie es bereits seine Eltern getan haben. Der Sohn führt das Büro „Kreuz+Kreuz“ weiter.

Die mittelalterlichen Lichtszenen aus Kerzenschein wurden mit dem Aufkommen des elektrischen Lichts verändert. Erst mit der Digitalisierung haben sie wieder Einzug in den Kirchenraum gehalten: Heute werden Stimmungen mit der Programmierung von LEDs erzeugt.

Stadtkirche Schorndorf - Gutes Licht fällt gar nicht auf

Etwa in der Stadtkirche von Schorndorf. Dort haben die Planer von Kreuz+Kreuz bei der Renovierung 2014 mehr als nur Glanzlichter gesetzt. Die spätgotische Kirche ist ein Juwel in der Altstadt. Nach dem großen Stadtbrand im 17. Jahrhundert wurde sie als Predigtsaalkirche mit einer abgehängten Kassettendecke wieder aufgebaut. Die Bänke sind ausgerichtet auf den Chorraum mit seinen bunten Glasfenstern, das andere Ende der Halle beschließt eine Empore samt wandfüllender Orgel.

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Die Halle braucht tagsüber Kunstlicht, damit sie nicht düster wirkt. Das wird jetzt aus 16 paarweise angebrachten, dimmbaren und mächtigen LED-Pendelleuchten gespendet. Jede ist ummantelt von einer Metallverkleidung, durchbrochen von einem feinen Netzmuster. Eine Maßanfertigung.

Marienkapelle, Stadtkirche Schorndorf. Foto: Julian Rettig

 Marienkapelle, Stadtkirche Schorndorf. Foto: Julian RettigDas Netzmuster auf den Leuchten ist mehr als verspielter Zierrat. Es nimmt Bezug auf einen der ältesten Räume der Stadtkirche: die um 1500 erbaute Marienkapelle. Dort ist in der Gewölbedecke die „Wurzel Jesse“, der Stammbaum von Jesus, dargestellt. Dieses Gewölbenetz hat Urban Kreuz ebenso bei anderen Deckenleuchten und bei den Laternen an den Eingangstüren eingesetzt. So sind die Leuchtkörper selbst zu anspielungsreichen Schmuckstücken geworden, die sich jedoch nicht in den Vordergrund drängen. Es gilt die Planerweisheit: Das beste Licht ist das, das gar nicht auffällt, sondern Atmosphäre schafft.

Dazu braucht es eine Vielzahl von Lichtquellen. Ein gleichmäßig ausgeleuchteter Raum wirkt tot. Gerichtetes Licht, das die Pendelleuchten ebenfalls nach unten abstrahlen, sorgt für gezielte Helligkeit, die die Gottesdienstbesucher zum Lesen im Gesangbuch brauchen. Punktlicht setzt Akzente, damit das Spiel von Licht und Schatten die Wände lebendig macht. Die Pfarrerin auf der Kanzel hat nicht nur einen Spot für ihren Predigttext, sondern bekommt durch eine unscheinbare Bügelleuchte auf der Kanzel blendfreies Licht ins Gesicht. So ist ihre Mimik nicht nur in den ersten Reihen sichtbar.

Pfarrerin Dorothee Eisrich, die sonntags auf der Kanzel steht, ist ein Fan der neuen Beleuchtung: „Licht kann erschlagen und ablenken, aber in dieses Licht kann man eintauchen.“ Klar, hätte es am Anfang etwas Gebrummel gegeben, frei nach dem Motto „Hängen wir jetzt Heizkörper an die Decke?“. „Heute gehört dieses Licht wesentlich zu unserer Kirche, wir lieben es“, sagt die Pfarrerin.

Egal, wie ausgeklügelt das Lichtkonzept ist – es muss leicht zu bedienen sein, damit es funktioniert. In Schorndorf wird das Licht über einen Tablet-Computer auf der Kirchenbank gesteuert. Knapp 30 verschiedene Lichtstimmungen sind programmiert und kinderleicht anzuwählen. Das reicht vom sonntäglichen Gottesdienst am Vormittag bis zum Taizé-Gebet am Abend, vom Konzert auf der Empore bis zur festlichen Weihnachtsfeier. „Das Licht unterstützt die Liturgie“, sagt Urban Kreuz.

Um die jeweils passenden Lichtszenen zu schaffen, muss man die Abläufe in einer Kirche gut kennen. Urban Kreuz hilft die Erfahrung: Zwischen 10 und 15 Kirchen werden jährlich vom Büro Kreuz+Kreuz ins rechte Licht gesetzt. Jede Gemeinde hat andere Bedürfnisse, die es vor der Planung zu erfragen gilt. Der 47-Jährige kennt das Gemeindeleben nicht nur als Planer, er ist zudem engagiertes Mitglied in seiner Stuttgarter Gemeinde. Auch deshalb weiß er, dass gutes Licht zur Architektur und zum Bauherrn, sprich zur Gemeinde, passen muss.

In Hülben ragt der Turm der Christuskirche selbstbewusst und schon von weit her sichtbar in die Albhochebene. Steht man allerdings direkt davor, folgt die Ernüchterung. Kein großer Wurf, eher ein ziemlich uninspirierter Kasten, so wirkt diese Kirche, Baujahr 1966, von außen. Bis 2016 hingen Neonröhren an der Wand im Innenraum. Eine (Licht-)Stimmung wie im Großraumbüro. „Es bestand wirklich Handlungsbedarf“, erinnert sich Urban Kreuz. Als der damalige Pfarrer anfragte und meinte, „wir haben auf dem Bazar schon mal gesammelt“, hat er sich allerdings gefragt, wie ernst es der Gemeinde wirklich ist.

Lichtstimmung in der Christuskirche in Hülben. Foto: Kreuz + KreuzLichtstimmung in der Christuskirche in Hülben. Foto: Kreuz + Kreuz

Christuskirche in Hülben - Das Licht unterstützt die Liturgie

Es war ihr ernst. So nüchtern die Christuskirche am Tag erscheint, abends wird sie zum Konzertsaal. Dann geht es rockig oder soulig zu, wenn der Gospelchor oder eine Band auftritt. Und bunt: Die Lichter, die jetzt an zwei schmalen Profilen installiert sind, können in vielen Farben strahlen. Einzelne Spots sind auf die Musiker gerichtet, die im Altarraum wie auf einer Bühne stehen.

Schon bevor das Büro Kreuz+Kreuz in der Christuskirche zugange war, hatten sich manche Bands eine externe Anlage fürs Bühnenlicht besorgt. Das Ausleihen ging allerdings ins Geld. Das wird jetzt gespart, und weil in Hülben LEDs verbaut wurden, ist zudem der Stromverbrauch gesunken. Ein Argument, das immer wichtiger wird, wenn eine Renovierung ansteht.

Bei den Gottesdiensten in Hülben setzen die durch das Licht verstärkten Farben auf dem Wandbild dem vielen Weiß an den Wänden eine warme Stimmung entgegen. Das Licht im Kirchenraum ist jedenfalls keine Nebensache: Es kann einen Raum völlig verflachen – oder das Beste aus ihm herausholen.

Urban Kreuz hat die Lichtszenen entwickelt, die die Stadtkirche in Schorndorf strahlen lassen. Foto: Julian RettigUrban Kreuz hat die Lichtszenen entwickelt, die die Stadtkirche in Schorndorf strahlen lassen. Foto: Julian Rettig