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Kredite statt Almosen

STUTTGART – Ende April dreht sich auf dem Messegelände alles um das Thema Nachhaltigkeit. Isabella Hafner hat sich ein Unternehmen herausgepickt, das sich auf der Messe „Fair Handeln“ präsentiert: Oikocredit ­vergibt Kleinstkredite an Menschen in Entwicklungsländern. Das Geld dafür kommt auch aus Deutschland. Ein Interview mit dem Schatzmeister der Organisation, Helmut Götz.

Helmut Götz (rechts) unterstützt Menschen in Entwicklungsländern. (Foto: Pressebild)


Sie sind jetzt in Rente – warum engagieren Sie sich bei Oikocredit?
Helmut Götz: Als sich mein Berufsleben dem Ende zuneigte, überlegte ich, wie ich meine Kenntnisse als Banker künftig am besten einbringen könnte. Da erinnerte ich mich daran, von Oikocredit gehört zu haben.

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Oikocredit – in drei Sätzen?

Helmut Götz: Menschen erwerben Genossenschaftsanteile an Oikocredit. Mit diesem Kapital werden Darlehen und Beteiligungen an Sozialunternehmen in ärmeren Regionen vergeben – vorzugsweise auf der Südhalbkugel. Einkommen und Arbeitsplätze sollen geschaffen werden, Familien bessere Zukunftsperspektiven erhalten.


Welche Vorteile habe ich finanziell, wenn ich mein Geld Oikocredit gebe?

Helmut Götz: Für unsere Kunden steht nicht der eigene finanzielle ­Erfolg im Vordergrund – sondern soziale Rendite. Es gibt keine regel­mäßigen Ausschüttungen, sondern nur eine sehr kleine Dividende. Mehr als 20 Jahre lang waren das zwei Prozent im Jahr. 2017 beschloss die ­Generalversammlung, die Dividende auf ein Prozent zu senken wegen veränderter Kapital- und Devisenmarktbedingungen.


Was wird gefördert?

Helmut Götz: Drei Viertel des Geldes, das wir verleihen, geht in den Bereich Mikrofinanz. Wir fördern besonders Kleinbauern. Drei Prozent investieren wir in Fairen Handel. Wir finanzieren auch Betriebe im Bereich Erneuerbare Energien. Daneben gibt es direkte Beteiligungen an Wasser- und Windkraft.

Wie viele Projekte gibt es aktuell?

Helmut Götz: Derzeit finanzieren wir knapp 700 Partnerorganisationen. Rund 500 davon sind Mikrofinanzinstitute. Sie versorgen Menschen, die nicht „bankfähig“ sind, mit fairen Finanzdienstleistungen – von Kleinkrediten über Sparkonten bis zu Mikroversicherungen. Viele dieser Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, unter anderem im Kaffee- und Kakaoanbau. Wir schaffen eine Anschubhilfe für eigenverantwortliches Handeln.


Welches Projekt hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Helmut Götz: Ein Markthallenprojekt an der Elfenbeinküste, das eine Marktfrauen-Kooperative umgesetzt hat. Viele Frauen konnten nicht lesen und schreiben. Meine Lieblings-Partnerorganisation ist aber „SEKEM“ bei Kairo in Ägypten. Sie baut auf Wüstenboden Kräuter, Gewürze, Datteln und Baumwolle an. Auf 500 Hektar betreibt sie biodynamischen Landbau und verarbeitet die Erzeugnisse zu fairen Produkten: Kinderkleidung, Tees oder Marmeladen. Das bringt Arbeitsplätze. Auch ein Krankenhaus, Schulen und eine Uni gehören dazu.


Das Konzept „Kredite statt Wohltätigkeit“ war Anfang der 1970er-Jahre noch umstritten. Warum?

Helmut Götz: Helfen durch Spenden stand im Vordergrund, was viele internationale Hilfsorganisationen heute noch bevorzugen. Umstritten war und ist, dass für Kredite Zinsen zu bezahlen sind: Wollen wir armen Menschen zusätzlich die Zinsen abnehmen? Als Negativbeispiele werden überschuldete Entwicklungsländer angeführt. Wenn ein Kredit aber fair vergeben wird, um zu helfen, nicht um auszubeuten, erhält der Kreditnehmer ein Startkapital und kann etwas wirtschaftlich Sinnvolles beginnen. Der Kreditgeber ist bereit, auf die Maximierung seines Ertrages – Zins – zu verzichten.


84 Prozent der Menschen, die Oikocredit erreicht, sind Frauen. Warum?

Helmut Götz: Leider ist es in vielen Entwicklungsländern sicherer, Frauen Finanzmittel zu leihen statt Männern. Die Rückzahlungsquote liegt bei 98 Prozent – trotz kaum vorhandener persönlicher Sicherheiten. Zudem lassen Frauen ihre erwirtschafteten Erträge der Familie zukommen. Speziell der Ausbildung ihrer Kinder. Es gibt aber seit ein paar Jahren einen langsamen Wandel zu Gunsten männlicher Kreditnehmer.¦


Öffnungszeiten Messe Fair Handeln: 25. bis 28. April, Donnerstag von 14 bis 22 Uhr, Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 9 bis 18 Uhr.