Christliche Themen für jede Altersgruppe

Künstler im „Kirchenasyl“ - Gottesdienste bereichern

RAVENSBURG – Vielen Musikern sind in der Pandemie nicht nur Einnahmen weggebrochen, sondern sie vermissen auch Auftritte vor Publikum. Gottesdienste gehören zu den wenigen Ereignissen, bei denen Live-Musik noch möglich ist. Eine Sängerin aus Atzenweiler, ein Saxophonist aus Leutkirch und ein Gitarrist aus Weissenau erzählen, warum das für sie wichtig ist.

Christian Segmehl. Musiker. Foto: PressebildJohannes Deffner. Musiker. Foto:PrivatChristian Segmehl (links) und Johannes Deffner treten in Gottesdiensten auf. Foto: Pressebild / Privat

Der Kulturrat der Landeskirche hat an die Kirchengemeinden appelliert, sie mögen die Türen öffnen für lokale und regionale Kulturschaffende. Mit anderen Worten: Künstlerinnen und Künstler sollen gegen Bezahlung die Möglichkeit bekommen, mit ihren Gaben die Gottesdienste zu bereichern. Denn es ist ja bekannt, welche Einbußen freiberufliche Künstler durch den Lockdown haben. Aber auch semiprofessionelle Musiker sind betroffen.

Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Lennora Esi kann ein Lied von solchen Einbußen singen. Derzeit wohnt sie zusammen mit ihrem Ehemann im Pfarrhaus von Atzenweiler bei Ravensburg. Ihr Vater ist dort Pfarrer, und so fand das junge Paar nach seiner Rückkehr aus Kanada im Pfarrhaus eine Bleibe. Lennora Esis bürgerlicher Name lautet Sara Bürkle. Ihr Künstlername Esi hat sich als Kurzform entwickelt aus Eresi. So wurde sie von einem ihrer Musikerkollegen aus Ghana genannt. In dessen Muttersprache wird dieser Name für am Sonntag geborene Mädchen verwendet. Da sie auch ein Sonntagskind und ihr zweiter Name Lennora ist, war der Künstlername schnell gefunden.

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Wie sie betont, ist die Kirche für sie als Pfarrerstochter ein zweites Zuhause, ohne dass Vater oder Mutter einen Zwang ausgeübt hätten. Geprägt habe sie vielmehr das Kunstschaffen ihrer aus den USA stammenden Mutter Lib Briscoe als Sängerin, Tänzerin und Textschreiberin. Aber auch Vater Manfred Bürkle mache gerne Musik und habe ein weites Herz für die Kunst.

So übte sie sich von klein auf im Singen und Klavierspielen. Nach dem Abitur in Ravensburg besuchte sie die Schauspielschule in München, wo sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Vor drei Jahren wanderten sie aus nach Kanada, weil er in Vancouver einen Job in der Postproduktion von Filmen bekommen hatte.

Zur Kunst von Lennora Esi gehört das Tanzen. Sie kann es sich im Gottesdienst vorstellen.  Foto: Pressebild/ Lothar PotthoffLennora Esi (links) hatte dort als Tanzlehrerin ihr Auskommen. Aber letztlich wollte ihr Mann wieder am Set arbeiten. So kehrten sie nach Deutschland zurück – mit der Absicht, später in die USA zu gehen. Doch momentan ist durch Corona für Kulturschaffende die Lage weltweit extrem schwierig. Auch für Lennora Esi. Derzeit begleitet sie als Pianistin und Sängerin neben anderen Musikern die Gottesdienste in Atzenweiler und Vogt. Sie könnte es sich durchaus vorstellen, in einem Gottesdienst passend zur Predigt zu tanzen. „Das ist vielleicht für sehr Konservative schwer vorstellbar, aber es gibt sicher Gemeinden, die dafür offen sind“, sagt die Künstlerin.

Saxophonklänge bei einer Abendandacht konnten unlängst Besucher in der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Leutkirch erleben. Berufsmusiker Christian Segmehl, Echo-Klassik-Preisträger und als gefragter Saxophonist normalerweise weltweit unterwegs, freut sich, wenn er in Pandemiezeiten durch solche Engagements wenigstens hin und wieder einen Live-Auftritt hat. „Wir Musiker genießen Kirchenasyl“, sagt Segmehl. Derzeit sind in seinem Kalender für 2021 noch viele Termine frei. Immerhin gibt es im März einen Lichtblick: Der Bayerische Rundfunk hat ihn für ein Kammerensemble engagiert. Unter Leitung des künftigen BR-Chefdirigenten Sir Simon Rattle wird ein Stück des zeitgenössischen Komponisten Georg Friedrich Haas aufgeführt. Für den Berufsmusiker Christian Segmehl, der in einer Ortschaft bei Leutkirch wohnt, natürlich ein tolles Angebot.

Segmehl ist in Oberschwaben einer von wenigen freiberuflichen Musiker. „In den Ballungsräumen finden sich viele, aber hier in unserer Umgebung gibt es quasi keine freiberuflichen Musiker, die zu 100 Prozent von Konzerten leben.“ Der 42-Jährige, der von 2004 bis 2007 an der Musikhochschule Augsburg und von 2005 bis 2013 an der Musikhochschule Würzburg unterrichtet hat, bedauert es aber nicht, dass er sich 2013 für ein Leben als Freiberufler entschieden hat. In Vor-Corona-Zeiten war er gut im Geschäft, auch jetzt beklagt er sich nicht. Vor allem gehört er zu jenen, die die Unterstützung durch den Staat für eine gute Sache halten. Aber er schiebt sofort nach: „Ich möchte für mein Geld arbeiten, Konzerte spielen.“

Musiker und Künstler - Froh über jedes kleine Engagement

Konzerte spielen, das würde Johannes Deffner ebenfalls gerne wieder. Er ist Gitarrist, spezialisiert auf brasilianische Musik. Im Gegensatz zu Christian Segmehl ist er kein freischaffender Künstler, sondern als Sozialarbeiter im Zentrum für Psychiatrie Weissenau angestellt. „Von den Einkünften her kann ich für mich selbst die Situation gelassen sehen, aber das kulturelle Miteinander fehlt. Das ist dramatisch“, sagt der 59-Jährige. Seine Engagements sind 2020 stark zusammengeschrumpft. Es gab einige wenige Open-Air-Veranstaltungen im Sommer. Und im Dezember begleitete er einen Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Weissenau mit adventlicher Gitarrenmusik.

„Der kulturelle Bereich ist unglaublich reduziert worden. Da sehe ich eine große gesellschaftliche Aufgabe auf uns zukommen, diesen wieder zum Laufen zu bringen.“ Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, wie wichtig ihr Kultur sei und wie sie die Verlierer der Pandemie – dazu zählt er auch Gastronomie und Einzelhandel – weiter unterstützen wolle. Er denkt an einen Solidarpakt. Aber eines ist für Deffner jetzt schon sicher: Sobald wieder etwas geht, ist er dabei. Nicht online, sondern analog. Denn das sei durch nichts zu ersetzen.

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