Christliche Themen für jede Altersgruppe

Manager des 19. Jahrhunderts

REUTLINGEN – Dort, wo Gustav Werner seine letzten Lebensjahre verbrachte, veranschaulicht seit kurzem eine gut gemachte Austellung das Leben und Wirken des Begründers der württembergischen Diakonie. Ein Museumsbesuch im Gustav-Werner-Forum. 


Die Krankenstation ist heute Ausstellungshaus. (Foto: Wolfgang Albers)

Jetzt, wo es da ist, wundert man sich, dass es das noch gar nicht gab: ein Museum über Gustav Werner. Er ist der Mann der evangelischen Diakonie im Württemberg des 19. Jahrhunderts schlechthin, der Begründer eines sozialen Hilfswerkes, das heute noch unter dem Namen Bruderhaus Diakonie mit 4000 Mitarbeitenden rund 10 000 Menschen betreut.
Gustav Werners Engagement lebt also fort, natürlich dem Wandel der Zeit angepasst. Dieser Wandel der Zeit hat es allerdings auch mit sich gebracht, dass die meisten Reutlinger Bauten des Wernerschen Werkes, ein Konglomerat aus Häusern und Fabriken an der Echaz, das Bruderhaus-Areal, längst abgerissen sind.

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Wer heute das Gelände am Rand der Reutlinger Altstadt betritt, läuft über einen weiten Platz, den die wuchtige Stadthalle dominiert und übersieht fast ein kleines rotes Backsteinhaus. Gustav Werner hat es als Krankenstation errichtet und seine letzten Lebensjahre hier verbracht. Dieses Haus, schön restauriert, ist also ein historisch perfekter Ort für die Ausstellung über Gustav Werner.

Eine Ausstellung, die so gut konzipiert ist, dass sie zwei Dinge schafft: Menschen, die wenig oder gar keine Kenntnisse über Gustav Werner und seine Zeit haben, in Gustav Werners Geschichte hineinzuziehen – aber auch Leuten mit Vorkenntnissen noch viele Details und Informationen zu bieten.

Die Ausstellung arbeitet mit einem geschickten Medienmix. So führt ein gut gemachter Zeichentrickfilm in Gustav Werners Leben ein. Wandbilder und Texte wechseln sich mit Installationen ab, etwa einer nachgebauten Fruchtsäule des Cannstatter Volksfestes. An dieser sollen die Hungerjahre und die sozialen Nöte am Anfang des 19. Jahrhunderts deutlich gemacht werden – die schließlich Gustav Werners Weg bestimmen.

Er wird nicht Teil der Kirchenhierarchie, sondern baut Waisenheime, Schulen, Werkstätten auf. Bis er, so eine Bilanz aus dem Jahr 1862, ein dia?konisches Großunternehmen managt: ein Mutterhaus, 24 Zweiganstalten mit Handwerksbetrieben, Kleingewerbe und Landwirtschaft, vereinigte Werkstätten und eine Papierfabrik, 228 Hausgenossen, 872 Arbeiter, 216 Versorgte und 438 Kinder. Per Touchscreens kann man tief in einzelne Bereiche dieser Welt eintauchen, etwa in die Schulen: Gustav Werner gründet sie auch, ganz ungewöhnlich, auf dem Land, und drei seiner Hausgenossinnen werden die ersten Grundschullehrerinnen Württembergs.

Die Ausstellung ist auch jenseits der Monitore auf Haptik konzipiert: Überall laden Schubladen zum Aufziehen ein und Nachdrucke zum Durchblättern – etwa die Prospekte der Möbel oder auch das Lieferverzeichnis der Kunden: eine Fundgrube für Ortshistoriker, wenn man mal sieht, welche Institutionen oder Familien sich von Gustav Werner möblieren ließen.

Alles sehr gut aufbereitet, auch mit einem Führer gezielt in einfacher Sprache und sehr gut geeignet auch für Schüler und Jugendgruppen. Reutlingen, aber auch das evangelische Württemberg hat ein kleines, aber feines Museum dazubekommen.