Christliche Themen für jede Altersgruppe

Manches schien wichtiger, als es ist - Interview mit Inge Schneider

24 Jahre lang war Inge Schneider Mitglied der Landessynode, zuletzt sechs Jahre als Präsidentin. Im Gespräch mit Nicole Marten blickt sie zurück ‒ vor allem auf die jetzt zu Ende gehende Legislaturperiode.

Präsidentin der Landessynode, Inge Schneider

Inge Schneider war 24 Jahre lang Mitglied der Landessynode. (Foto: EMH/ Gottfried Stoppel)

Was waren in den vergangenen sechs Jahren die herausragenden Themen, die in der Synode behandelt wurden?

Inge Schneider: Am stärksten emotional beschäftigt hat uns die Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare in der Kirche gesegnet werden sollen.

Erst in diesem Jahr ist es in dieser Frage zum Kompromiss gekommen. Der erste Gesetzesentwurf zum Thema war in der Synode knapp gescheitert.

Inge Schneider: Zu keinem Thema haben wir so viele Briefe bekommen, so viele Anrufe. Es wurde massiv Druck von den Befürwortern wie auch von den Gegnern einer Segnung ausgeübt. Es entstand der Eindruck, als wäre dies das wichtigste Thema, das wir als Kirche haben. Und es ist schade, dass wir darauf so viel Zeit verwenden mussten. Der gefundene Kompromiss macht deutlich, dass wir uns als Synode und als Kirche als eine Gemeinschaft verstehen, die trotz unterschiedlicher Auslegung der Bibel in Christus verbunden ist und miteinander bereit ist Kirche zu bauen. Das stimmt hoffnungsvoll.

Thema war auch der Pfarrplan, also der Abbau von Pfarrstellen ...

Inge Schneider: Pfarrpläne hatten wir bereits in den vorausgehenden Synoden. Die Beratungen in der Synode verliefen recht problemlos, da wir uns auf viele begleitende Maßnahmen verständigt hatten. Durch den neuen Pfarrplan sind fast alle Gemeinden betroffen und das löst natürlich überall Trauer und Unruhe aus.

Weshalb müssen die Pfarrstellen denn abgebaut werden?

Inge Schneider: Wir haben die großen Pfarrerjahrgänge, die in den Ruhestand gehen und gleichzeitig einen Mitgliederrückgang und weniger junge Menschen, die in den Pfarrdienst wollen. Deshalb ist es notwendig, die Zahl der Pfarrstellen an die Mitgliederzahlen anzupassen. Die Zahl der Gemeindeglieder pro Pfarrstelle soll übrigens gleich bleiben.

Sie wollten ja auch den Pfarrdienst attraktiver machen.

Inge Schneider: Auch hier hat sich einiges getan. Früher konnten Pfarrerinnen und Pfarrer, die Kinder bekommen haben und in Teilzeit arbeiten wollten, ihre Arbeitszeit um maximal 50 Prozent reduzieren. Jetzt ist auch ein Stellenanteil von 25 Prozent während der Elternzeit möglich. Wir müssen künftig den Pfarrdienst von Verwaltungsaufgaben entlasten, damit genügend Zeit für Seelsorge und Verkündigung bleibt.

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Viele Gemeinden müssen sich von Gebäuden trennen, das ist schwer ...

Inge Schneider: Aber es ist leider notwendig. Wenn die Gemeindehäuser und Kirchen regelmäßig voll wären, bräuchten wir die Diskussion nicht führen, dann könnte man die Gebäude auch über Spenden erhalten. Wenn die Bauten aber zum Klotz am Bein werden, muss man eingreifen. Es wäre beispielsweise fatal, wenn eine Kirchengemeinde keine Jugendarbeit mehr machen könnte, weil sie ihre Gebäude erhalten muss.

Welche Höhepunkte gab es in den vergangenen sechs Jahren in der Synode?

Inge Schneider: Wir hatten viele große Ereignisse in dieser Legislaturperiode. Ich erinnere nur an den Kirchentag in Stuttgart und das Reformationsjubiläum. Aber auch das Bibliorama in Stuttgart wurde eingeweiht. Das Bibelmuseum hat übrigens die Synode gegen den ursprünglichen Willen des Oberkirchenrats beschlossen. Auch der Bau der Autobahnkapelle in Sindelfingen wird von der Synode vorangetrieben, denn wir erreichen mit Autobahnkapellen viele Menschen, die zu Hause vielleicht die Kirche nicht betreten würden.

Welche wichtigen Beschlüsse wurden neben der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gefasst?

Inge Schneider: Wir haben die Taufordnung und die Trauagenda erneuert, Verbundgemeinden eingeführt und es ermöglicht, dass neue Gemeindeformen unter dem Dach der Landeskirche ihren Platz finden. Bisher war die Kirchenmitgliedschaft an den Wohnort gebunden. Zu den neuen Gemeinden kommen Menschen auch von weiter her, die Mitglied einer solchen, so genannten Personalgemeinde werden möchten. Wir haben das gelöst, indem wir die neuen Gemeinden an die Kirchenbezirke anhängen und sie auch dort finanziert und begleitet werden.

Als plötzlich so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, haben wir einerseits schnell Geld zur Verfügung gestellt, um Stellen für Flüchtlingsbeauftragte zu schaffen. Wir haben zudem gleich viel Geld in den Herkunftsländern ausgegeben, um die Fluchtursachen zu bekämpfen.

Da viele Eltern heute nicht mehr religiös gebunden sind, ist es wichtig, dass bereits Kindergartenkinder mit dem christlichen Glauben Erfahrungen machen können. Deshalb haben wir viel Geld in Familienzentren und den Ausbau von Kinderbetreuung investiert.

Was hat sich in der Synode verändert, seit Sie Präsidentin sind?

Inge Schneider: Mir war es wichtig, das Mittagsgebet einzuführen. Bei allem, was wir zu entscheiden haben, tut es gut, wenn die Synode ihre Diskussionen unterbricht und sich auf den Herrn der Kirche, Jesus Christus, ausrichtet. Außerdem tagen wir seit sechs Jahren immer unter einem Kreuz und der Bibel, die vor 150 Jahren zur Tagung der ersten Synode gedruckt wurde. Neu eingeführt haben wir auch regelmäßige Begegnungsabende der Synode mit Vertretern der Gesellschaft. Dahinter steckt der Gedanke, sich zu vernetzen.

Wir sind die erste papier-lose Synode

Stichwort Digitalisierung ...

Inge Schneider: Wir sind bundesweit die erste papierlose Synode, das heißt, es werden kaum noch gedruckte Beschlussunterlagen verteilt. Vielmehr können diese von allen Synodalen digital abgerufen werden. Und alle Synodalen haben jetzt Einblick in die Protokolle der einzelnen Ausschüsse. So kann man sich besser auf die Sitzungen vorbereiten und wir sparen viel Papier und Portokosten. Wir übertragen alle Plenartagungen im Internet.

Der Frauenanteil in der Synode lag bislang bei 43 Prozent, der Anteil der Kandidatinnen für die nächste Wahl beträgt 25 Prozent. Wie soll da die freiwillige Frauenquote von 30 Prozent erreicht werden?

Inge Schneider: Da die Synode direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt wird, können wir hier auch keine Frauenquote vorschreiben. Ich finde es traurig, dass wir nicht mehr Kandidatinnen gefunden haben, aber alle Gesprächskreise haben sich sehr ins Zeug gelegt, um Kandidatinnen zu finden. Allerdings kann ich verstehen, dass Frauen, die berufstätig sind, sich um ihre Kinder und auch den Haushalt kümmern müssen, kaum noch Zeit für ein so ein aufwändiges Ehrenamt haben. Wenn wir Frauen und Männer im mittleren Lebensalter wollen, dann brauchen diese Entlastung. Wichtig ist mir eine gute Altersdurchmischung. Wir brauchen junge und ältere Menschen, Frauen und Männer in der Synode, die alle ihre Erfahrungen einbringen und so gemeinsam Kirche weiterentwickeln.

Zuerst auf Jesus Christus hören

Was geben Sie der neuen Synode mit auf den Weg? Welches werden wichtige Themen sein?

Inge Schneider: Kirche zu leiten heißt zuerst, auf den Herrn der Kirche hören und sich von ihm leiten lassen. Deshalb möchte ich alle kirchlichen Gremien ermutigen, sich Zeit zu nehmen um über die geistlichen Grundlagen unseres kirchenleitenden Handelns nachzudenken. Von daher sind dann die wichtigen Themen, wie die zunehmende Radikalisierung der Gesellschaft, das Schwinden des christlichen Menschenbildes, aber auch zurückgehende Mitgliederzahlen, Pfarrermangel, die Suche nach neuen Möglichkeiten, um die junge Generation zu erreichen und anderes zu bedenken. Bei all dem blicken wir zuversichtlich in die Zukunft, da die Hoffnung der Kirche nicht in neuen Strukturen und Finanzquellen, sondern in Jesus Christus liegt.

Weshalb treten Sie jetzt nicht mehr zur Wahl an?

Inge Schneider: Ich möchte Platz machen für Jüngere. Denn wenn wir in der Kirchenleitung und in kirchenleitenden Gremien nur Menschen haben, die älter sind als 55, fehlt uns eine ganze Generation. Zudem habe ich zwei Söhne, die Pfarrer sind und von denen einer bereits auch in der Landessynode sitzt und nun in meinem Wahlkreis antritt. Da ist es sicher besser, wenn die Mutter sich zurückzieht.

24 Jahre in der Synode, das ist eine lange Zeit. Welches Fazit ziehen Sie insgesamt?

Inge Schneider: Ich bin gerne in der Synode gewesen und habe dieses Amt stets als einen Auftrag von Gott her verstanden. Ich möchte alle ermutigen, sich in der Kirche zu engagieren, denn man kann wirklich etwas bewegen und wird durch viele Begegnungen mit andern Christen reichlich beschenkt.

Und was tun Sie, wenn Sie die vielen Ämter nicht mehr haben?

Inge Schneider: Ich freue mich, dass ich künftig mehr Zeit habe für meine Enkel, aber auch zu reisen und zu lesen und vielleicht nochmal was Neues anzufangen. Langweilig wird mir bestimmt nicht!

 

 

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