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Mit feinen Linien gezeichnet - Der Künstler Fred Uhlmann

Zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erinnert die Staatsgalerie Stuttgart an Fred Uhlman und damit an einen Sohn der Stadt. Während sich der 1933 über Paris und Spanien nach London emigrierte Anwalt in seinem britischen Exil als Maler und Literat einen Namen machte, ist er in seiner Heimat nahezu vergessen.

Stolpersteine erinnern an die Angehoerigen von Fred Uhlman. Sie lebten in der Hoelderlinstraße in Stuttgart. Foto: Julia LutzeyerStolpersteine erinnern an die Angehörigen von Fred Uhlman. Sie lebten in der Hölderlinstraße in Stuttgart. Foto: Julia Lutzeyer

Wo anfangen bei diesem zwangsläufig so bewegten Leben? Vielleicht im Herbst 1950. Damals überließ der 1901 in Stuttgart geborene Künstler Fred Uhlman dem Direktor der Staatsgalerie, Theodor Musper, 38 Zeichnungen für die graphische Sammlung. Erstmals werden diese kleinformatigen Blätter nun in der Ausstellung „Trotz Allem. Fred Uhlman – ein jüdisches Schicksal“ der Öffentlichkeit gezeigt. 70 Jahre nach der Schenkung und 80 Jahre nach ihrer Entstehung. Der Stuttgarter Jurist mit SPD-Parteibuch und künstlerische Autodidakt Uhlman hatte sie 1940 während seiner sechs Monate dauernden Internierung als feindlicher Ausländer in zwei britischen Lagern angefertigt, in Ascot und auf der Isle of Man.

„Es hat einen Anlass gebraucht“, antwortet die Kuratorin Corinna Höper auf die Frage, warum die Blätter aus dem Zyklus „Captivity“ (auf Deutsch: Gefangenschaft) erst jetzt gezeigt werden. Dieser Anlass ist das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Fred Uhlman zeichnete „Menschen hinter Stacheldraht“ Foto: The Estate of Fred UhlmanFred Uhlman zeichnete „Menschen hinter Stacheldraht“ Foto: The Estate of Fred Uhlman

Bei der Suche nach einem passenden Beitrag sei der Ausstellungsmacherin der jüdische Kaufmannssohn und Anwalt eingefallen, der im Exil zum Künstler wurde und seiner Geburtsstadt Stuttgart „Trotz Allem“, wie er in einer Buchwidmung schrieb, verbunden blieb. Davon zeugen nicht nur Schenkungen an Kunstmuseum und Staatsgalerie, sondern auch Tagebucheinträge und literarische Auseinandersetzungen mit seiner schwäbischen Heimat sowie Besuche von Stuttgarter Schulklassen als Zeitzeuge, zuletzt im März 1985.

Einen Monat später starb Fred Uhlman in seiner Wahlheimat London. Als einziger der Familie hatte Fred, der eigentlich Manfred hieß, Verfolgung und Holocaust überlebt. An seine Eltern und jüngere Schwester wie an Onkel und Tante erinnern fünf Stolpersteine in der Hölderlinstraße im Stuttgarter Westen.

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Selbst wenn man Fred Uhlmans grafische Arbeiten ganz ohne biografische Bezugspunkte betrachtet: Die schwarz-weiß gehaltenen Feder- und Pinselzeichnungen, die in ihrem fast mystischen Hell-Dunkel ein wenig an Rembrandt-Radierungen erinnern, haben es in sich. Da wimmelt es nur so von Kreuzen und Totenschädeln, von Stacheldraht und seltsamen Gestalten – von sicherer Hand mit feinen, lebendig wirkenden Linien umrissen. Von den Bäumen baumeln Erhängte. Bischöfe und andere Kirchenmänner behaupten dickbäuchig ihren Platz, wo fast alles Leben erloschen oder fortgeweht scheint. Einer drischt gar mit einer Peitsche auf den an einen Pfahl geketteten Schmerzensmann Jesus ein. Dazu die Notiz: „Wenn er wiederkaeme“. Kritik an der Institution Kirche, insbesondere an der spanischen, deren Machtdemonstration ihn während seines Aufenthaltes in Tossa de Mar an der Costa Brava empört haben muss, durchzieht den Zyklus wie ein roter Faden. Bei der besagten Marterung Jesu fehlt der Funken Hoffnung, den Uhlman in den meisten Zeichnungen aufscheinen lässt: Eine lichte Partie, in deren Mitte ein kleines Mädchen steht, oft mit Luftballon in der Hand.

Die toten Feldherren mit dem Ballonmaedchen 1940. Foto: The Estate of Fred Uhlman„Die toten Feldherren“ mit dem Ballonmädchen 1940. Foto: The Estate of Fred Uhlman

Ob der britische Streetart-Künstler Banksy, dessen bei einer Auktion geschreddertes Bild „Love is in the Bin“ bis vor kurzem in der Staatsgalerie zu Gast war und ebenfalls ein Mädchen mit Luftballon darstellt, Uhlmans wiederkehrendes Motiv kennt? Das wird der anonym agierende Banksy wohl keinem verraten.

Sicher ist, dass Fred Uhlman in der Heimat seiner Frau Diana Croft, die er in Spanien kennen lernte und der er schließlich nach England folgte, weitaus bekannter ist als in Deutschland. So war er einer von 25 Künstlern und der einzige Exilant, der 1953 ausgewählt wurde, die Krönung von Queen Elizabeth II. künstlerisch festzuhalten.

Später machte er sich auch als Schriftsteller einen Namen. So wurde Fred Uhlmans in viele Sprachen übersetzte Novelle „Der wiedergefundene Freund“ zur Schullektüre über die Zustände im nationalsozialistischen Deutschland. 1971 erschien das Prosawerk unter dem englischen Originaltitel „Reunion“, sieben Jahre später dann in deutscher Übersetzung.

Zeichnungen für die Queen

Auf einigen seiner Zeichnungen mit Mädchen-Figur hat Fred Uhlman handschriftlich vermerkt „À mon enfant nouveau né“, eine Widmung an seine Tochter, geboren unmittelbar nach seiner Internierung und damit in Abwesenheit des Vaters.

Diese Hoffnungsgestalt verleiht den Zeichnungen eine eigenartige Poesie, fast Heiterkeit und feine Ironie. Vor allem das Blatt „Umfallmännchen“, das eine Art Priesterpuppe zeigt, die von dem Luftballon-Mädchen in Schieflage und zu Fall gebracht wird, verrät, dass der Künstler unbeirrt an eine bessere Zukunft glaubte.

Dass in dieser endlich seine 1950 verliehenen Gaben aus dem Keller der Staatsgalerie geholt werden und so seine Lebensgeschichte beleuchtet wird: Das freilich ist überfällig und doch nur zu begrüßen. □

Buch-Tipp

Der wiedergefundene Freund. Fred UhlmanFred Uhlman

„Der wiedergefundene Freund“
Diogenes-Verlag, Zürich
128 Seiten
10 Euro

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder per E-Mail unter bestellung@evanggemeindeblatt.de

 

 

 

Information

„Trotz Allem. Fred Uhlman – ein jüdisches Schicksal“: Bis 12. September2021 im Graphik-Kabinett der Staatsgalerie Stuttgart. Öffnungszeiten und Begleitprogramm sind pandemie-abhängig und daher über die Homepage zu erfahren: www.staatsgalerie.de

Eine interaktive Erzählung in sieben Kapiteln unter dem Titel „Im Dunkeln ein Leuchten“ lädt dazu ein, sieben Zeichnungen des Künstlers im Detail in den Blick zu nehmen: uhlman.staatsgalerie.de