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Mullah und Lager-Opa - Militärpfarrer in Afghanistan

Mehrmals war Gerhard Kern als Militärpfarrer in Afghanistan. Er erlebte ein anderes Land, als man es aus den Medien kennt. Ein Gespräch über das Leben im Lager, seine Rolle als Seelsorger und warum der Abzug der westlichen Truppen seiner Meinung nach zu früh kam.

Im Lager in Faizabad gab es zwei gemauerte Gebäude: das Fitnesscenter (links) und die Feldlagerkapelle. Foto: PrivatIm Lager in Faizabad gab es zwei gemauerte Gebäude: das Fitnesscenter (links) und die Feldlagerkapelle. Foto: Privat

Kabul. Faizabad. Kundus. Masar-i Scharif. Viele Deutsche kennen die Namen dieser Orte. Gerhard Kern hat sie alle besucht. „Das Bild, das ich in Deutschland von Afghanistan hatte, unterscheidet sich völlig von dem, was ich gesehen habe und seither im Herzen trage“, sagt er über seine Zeit dort. Zwischen November 2011 und März 2012 war er in Faizabad, ganz im Nordosten Afghanistans, stationiert. 2015 und 2016 kam er für jeweils eine Woche zu Seelsorgebesuchen ins Land.

Kern ist seit 2006 bei der Militärseelsorge. Seine aktuelle Arbeitsstelle hat der 64-Jährige auf dem Gelände der Wilhelmsburgkaserne in Ulm. Als Stellvertretender Leitender Militärdekan für Süddeutschland übernimmt er, zusammen mit dem Militärdekan in München, die Leitung der Militärpfarrämter in der badischen, württembergischen und bayerischen Landeskirche.

Als Pfarrer ist Gerhard Kern nicht in die militärischen Hierarchien eingebunden, er steht für sich. „Ich spreche hier über meine persönlichen Erfahrungen. Ich spreche nicht für die Bundeswehr“, erklärt er zu Beginn des Gesprächs. Dann entfaltet er ein Bild Afghanistans, das der Nachrichtenzuschauer so kaum jemals wahrgenommen haben dürfte. Anschläge habe es kaum gegeben: „Man bekam dort nicht den Eindruck, dass Krieg herrscht. Abgesehen von den vielen Checkpoints. Das war eher wie in der RAF-Zeit. Wenn im Süden ein Anschlag stattfand, war das 600 Kilometer von uns entfernt.“

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Kerns Erinnerungen an Afghanistan sind geprägt von der wunderschönen Landschaft im Gebirge, von dem klaren Sternenhimmel: „So deutlich habe ich die Milchstraße noch nie gesehen“, sagt er. Doch die Probleme Afghanistans traten ihm ebenfalls vor Augen. Die Gegend um Faizabad sei „die ärmste Region der Welt“, erzählt er. Jedes fünfte Kind erlebe dort das fünfte Lebensjahr nicht. „In den Dörfern gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser.“ Es sei „Armut, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann und die zum Himmel schreit“. Das beschäftige die Soldaten. „Das Wohlstandsevangelium, wie wir es in Deutschland haben, Arme hochreißen und Halleluja singen, das trägt in Afghanistan nicht. Du beginnst dort mitzuleiden am Schmerz dieser Welt“, sagt Kern. „Das Kreuz als Symbol, dass Gott mitleidet – dort lässt das junge Menschen aus dem reichen Deutschland nachdenklich werden. Ich hatte noch nie so viele Kircheneintritte und Erwachsenentaufen wie in der Militärseelsorge.“

Gottesdienst in der Kapelle in Faizabad. Foto: PrivatGerhard Kern hält Gottesdienst in der Kapelle in Faizabad ‒ wo in der Weihnachtszeit der einzige Baum weit und breit stand. Foto: Privat

Im Containerdorf des Lagers gab es nur zwei gemauerte Gebäude, erzählt Kern. Das Fitnesscenter – und die Feldlagerkapelle. Drumherum Soldaten und Zivilisten, Entwicklungshelfer aus verschiedenen Ländern, einheimische Helfer – und mittendrin der Pfarrer als eine Art „Lager-Opa“, älter als die meisten und zuständig für Freud und Leid. „Es war manchmal wie in der Jugendfreizeit. Aber es gab auch Ereignisse zu Hause, die viel mehr belasten, wenn man weit weg ist. Etwa wenn der geliebte Großvater stirbt. Da sitzt dann ein Soldat still in der Kapelle, du gehst zu ihm, fragst: ‚Wie sieht es aus?‘ Und er bricht in Tränen aus, weil er es bisher unterdrückt hat.“ In der kleinteiligen Hierarchie des Militärs wollten viele keine Schwäche zeigen.

Der Militärpfarrer aber steht jenseits der Hierarchie und unterliegt dem Beichtgeheimnis. „Der Pfarrer ist eine Vertrauensperson und darf bei jedem vorsprechen“, sagt Kern. In einem Fall ging er bis zum Obersten Befehlshaber der ISAF-Mission, einmal habe er auch einen Soldaten innerhalb von 24 Stunden nach Deutschland bringen lassen. Oft habe es aber schon gereicht, einfach zuzuhören. Und dann waren da die Gottesdienste, bunt und lebendig. Obwohl die Lagerbewohner jung und zu 95 Prozent Männer waren – Gruppen, die Kirche sonst schwer erreicht. „Es waren Gottesdienste, wie sie sich jeder Männerpfarrer in Württemberg wünschen würde“, sagt Kern.

Auch mit Afghanen hatte er viel Kontakt – gerade wegen seiner Rolle als Pfarrer. „Ich war für sie der ‚christliche Mullah‘“, erzählt er. Manche Afghanen hätten gesagt: „Uns sagt man immer: Der Westen ist gottlos. Aber ihr habt einen Pfarrer dabei.“ Der afghanische Friedensbeauftragte erzählte ihm, wie mühsam der Friedensprozess nach Jahrzehnten des Krieges ist. Vom Einmarsch der Sowjetunion 1979 bis heute ist Afghanistan nie ganz zur Ruhe gekommen. Millionen Menschen sind geflohen. „Wenn man in Afghanistan war, weiß man, was Fluchtursachen sind“, sagt Kern. „Und mit dem Abzug haben wir eine Fluchtursache geschaffen.“

Gerhard Kern, Militärdekan in Afghanistan. Foto: PrivatGerhard Kern, Militärdekan in Afghanistan. Foto: Privat

Für Kern steht fest: „Der Abzug kommt zu früh. Es war noch nicht nachhaltig.“ Denn: „Der Einsatz hat etwas gebracht, das habe ich gesehen. Wenn er nichts gebracht hätte, wie könnte dann jetzt etwas zusammenbrechen?“ Manche Soldaten seien mehrfach dorthin gegangen, weil sie gesagt haben: Ein Millimeter Fortschritt in Afghanistan ist wie ein Kilometer Fortschritt in Deutschland. „Wenn ein Dorf abgesichert war, wenn es Strom bekam, wenn ein Kind nicht an einer Blinddarmentzündung gestorben ist, weil es im Einsatzlazarett behandelt wurde, dann war das wie bei Albert Schweitzer, nur mit Uniform“, sagt Kern.

Das Argument, 20 Jahre in Afghanistan seien genug, es funktioniere einfach nicht, lässt Kern nicht gelten. „Wie lange waren Briten, Franzosen und Amerikaner nach 1945 auf deutschem Boden und wann war unser Land unumkehrbar demokratisch? Klar, Afghanistan ist auf einem anderen Stand. Da ging es nicht darum, eine Demokratie wie in der Schweiz zu schaffen, sondern erst einmal tragende Strukturen, damit der Staat nicht wieder zerfällt.“ Zerfallende Staaten seien das größte sicherheitspolitische Problem auf der Welt, sagt Kern. Ohne stabile Strukturen komme es zu Armut, Flucht und Terrorismus. „Wenn in einem Land wie Afghanistan über zwei Generationen hinweg Krieg ist, muss man vielleicht über zwei Generationen den Frieden einüben“, meint er.

So aber ist der Staat wieder zerfallen. Dass der Westen die Afghanen nun im Stich lasse, erfülle ihn mit einer „tiefen Scham“, sagt Gerhard Kern. „Ich habe da Ahmad vor Augen, meinen Helfer vor Ort. Ein Familienvater mit sechs Kindern.“ In Faizabad seien die Truppen schon 2013 abgezogen, nicht lang nachdem Kern dort war. „Ahmad ist an meinem letzten Tag dort zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Mullah Germany: Wenn Taliban kommt, werden die Kinder …‘ und dann ist er sich mit dem Finger über den Hals gefahren.“ Damit, erzählt Gerhard Kern, habe Ahmad sagen wollen: Wenn ihr geht, schützt uns niemand mehr vor den Taliban. „Und so ist es dann auch gekommen.“

Zur Person

Gerhard Kern (64) ist Militärdekan in Ulm und Stellvertretender Leitender Militärdekan für Süddeutschland. Seit 2006 arbeitet er als Militärpfarrer. Zuvor war Kern Gemeindepfarrer in Neuenstein (Dekanat Künzelsau) und Leiter der Notfallseelsorge im Hohenlohekreis. Über diese Erfahrung kam er, der selbst den Wehrdienst verweigert hat, zur Militärseelsorge. „Sie kennen sich doch mit Uniformen aus und können sich in Hierarchien bewegen“, habe man ihm damals gesagt. „Militärpfarrer sind keine Soldaten, so wie Polizeipfarrer keine Polizisten sind“, erklärt Kern. Militärseelsorger sind organisatorisch in die Bundeswehr eingebunden, stehen aber jenseits der militärischen Hierarchie. Uniform müssen sie nur im Auslandseinsatz tragen. Inhaltlich sind sie der Kirche verpflichtet.